Platz da!? Der Radfahr-City-Vergleich

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Heute aus: Berlin, Kopenhagen, London, Hamburg, NYC

“Das Radfahren ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen” verkündet das Institut für Urbanistik – als ob es sich beim Radeln um Tattoos handeln würde. Aber egal, hier die schönen Fakten: In deutschen Großstädten haben die Radler ihren Anteil am Verkehr in den vergangenen zehn Jahren stark gesteigert, in München, Frankfurt und Rostock fährt mittlerweile jeder Fünfte Rad, in Berlin hat sich ihr Anteil sogar verdreifacht. Bravo! Wenn wir nun auch entsprechend mehr Platz in der Stadt bekommen würden, wäre alles noch schöner – zumal doch längst international bekannt ist, dass mit der Fahrradfreundlichkeit auch die Lebensqualität einer Stadt steigt. Weniger Lärm, weniger Hektik, weniger Feinstaub. Wer einmal in Kopenhagen auf eigenen breite Spuren zwischen Straße und Gehweg gecruist ist, Schnellwege und prioritäre Ampelschaltungen inklusive, der weiß, was ich meine. Nirgendwo erlebt man mitten zur Rush-Hour eine so entspannte, ruhige Großtadt. Einziger Nachteil: Es sind so viele Radler unterwegs, das man es manchmal erst bei der dritten Grünphase über die Ampel schafft. Aber besser geht ja immer.

 

Womit wir bei den anderen Städten wären, durch die ich in letzter Zeit geradelt bin. Und die mich eines gelehrt haben: Daheim = in Berlin läuft´s garnicht so schlecht. Nach Monaten in der Fremde kann ich endlich wieder auf meinem schwarzen Bike durch die Stadt düsen. Jeden Morgen das gleiche Hochgefühl, wenn ich zügig an lahmen Autokolonnen vorbeifahre, die weit nach mir an der nächsten Ampel ankommen. Ich quere Parks und 30er Zonen und komme relaxter an als alle Autofahrer, trotz Baumwurzelschanzen, holpriger Pflaster, desorientierter Touris und anderer Widrigkeiten. Denn ich kann langsam oder schneller radeln, überholen oder ausweichen und es kommt nicht ständig ein Depp entgegen, der auf der falschen Seite fährt; wenn es Sinn macht, können Berliner durchaus diszipliniert sein.

 

Anders in Hamburg: Für ihren radfahrfeindlichen Pieselregen kann die Stadt nix, für den Zustand ihrer Radwege schon. Sie sind extrem eng, noch hubbeliger und meist auf den Gehwegen platziert. Überholen ist unmöglich, zumal einem ständig Fußgänger, Kinderwagenschieber oder Geister-Radler in die Quere kommen, vorzugsweise auf Hollandrädern mit hoch erhobenem Kinn. Und auf den Straßen rasen dicke schnelle Autos an einem vorbei – kein Spaß.

 

Im dauerverstauten London wiederum hatte ich großen Spaß, an den dicken schnellen Autos vorbeizuradeln, deren Fahrer einen angucken, als sei man ein Alien. Aber Radwege? Gibt es fast nirgendwo, und wenn doch, enden sie meist nach gefühlten 17 Metern mitten auf einer Megakreuzung, als ob den Straßenmaler urplötzlich die Lust verlassen hätte. Auf den Hauptachsen gehen die roten Doppeldeckerbusse gerne auf Hautkontakt – sie haben schlichtweg keinen Bock, mit Radlern die Busspur teilen zu müssen. Und auch wenn in Londons City viele kleine Schilder mit Pfeilen vermeintliche Radstrecken nach a, b oder c anzeigen – wo genau es langgehen soll, bleibt völlig unklar.

 

In New York City gilt radeln fast als Polit-Aktivismus, auch wenn sich dies laaaangsam ein kleeeein wenig verändert, wie mir ein Holländer berichtete, der dort natürlich Rad fährt. Gleichwohl erzählte er von folgendem abgelauschten Diaolog zweier Kolleginnen. Sagt die eine: Also Männer über 16, die noch Radfahren, sind ja sowas von kindisch. Und die andere: Ja, und so unsexy! Bestürzt mischte sich der Holländer ein: Hej, ihr lästert hier über Anwesende. Sagen sie: Ach du bist entschuldigt, du bist ja aus Dänemark.

 

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