vonMesut Bayraktar 27.02.2018

Stil-Bruch

Blog über Literatur, Theater, Philosophie im AnBruch, DurchBruch, UmBruch.

Mehr über diesen Blog

Gedanken zum „Schloss“ von Franz Kafka – Über den Verlust der Freiheit und die Gefahr von Literatur

Kurios, nebulös, unfassbar: Je weiter und tiefer der Leser ins Dickicht des (aus meiner Sicht) Hauptwerks von Kafka Wort für Wort absteigt, desto undurchdringlicher und sperriger wird er, bis man auf Fragezeichen stößt, die zur existentiellen Bedrohung erwachsen. Sie stellen das Leben selbst in Frage. Man ist beunruhigt. Man beginnt unruhig zu lesen und beendet verwirrt zu fragen, welche Übermacht die Geschicke des K. lenkt, der als Landvermesser beauftragt wird, um Klarheit über unbekanntes Terrain zu schaffen, das in Unklarheiten gehalten wird. Selbst das unbeabsichtigt offene Ende ist charakteristisch für den ganzen Gang des Romans: eine sich wiederholende Beklommenheit auf Endlosschleife, die sich mit jeder Wiederholung ausdehnt und jeden Gedanken vereinnahmt. Man schließt das Buch und ist am Ende da, wo man am Anfang war: im Nebel der Abgestoßenheit von Gott und Welt.

Verlorene Freiheit

Die Freiheit des K. geht ihm stets voraus. Die Folge ist, dass er ihr vergeblich nachspürt. Er wird sie nicht erlangen Die Freiheit geht ihm permanent ab, wie Jean-Paul Sartre im „Sein und Nichts“ schrieb. K. ist der Gefangene seiner Freiheit, weil seine Freiheit die Freiheit des Schlosses ist. Wie das religiöse Opfertier, das zu obskuren Riten der Religion vorbereitet wird, bereitet das Schloss K. zum Opfer vor. Als Landvermesser soll er ein Teil jenes Grundstücks, auf dem das Schloss des Grafen sich befindet, vermessen, also Klarheit über die (Boden-)Verhältnisse schaffen. So betritt er die in sich ge- und verschlossen Gemeinde, versucht mit Unterbeamten einer skurrilen Hierarchie zu kommunizieren, lehnt sich anschließend auf, da man ihn ablehnt, um schließlich, da er keinen Ausweg mehr findet, einer von ihnen – dieser bizarren, dubiosen und geheimen Gesellschaft, zu werden; d.h. sich zu integrieren.
Warum? Aufgrund des existentiellen Bedürfnisses des Menschen nach persönlicher und sozialer Anerkennung, wobei das Erste nicht ohne das Zweite möglich ist.
Wie? Er will das Unverständliche verstehen und begreift zunehmend, dass das Verständliche unverständlich ist.
Dennoch bleibt K. der ausgeladene Gast, der seine Ohnmacht vor der Macht des Systems begreift und dadurch die Nichtigkeit seines Anspruchs ahnt, welchen der Leser geneigt ist als die Sinnlosigkeit des K. zu konstatieren. An dieser Stelle besteht eine innere Verknüpfung mit der elementaren Parabel aus dem fragmentarischen Werk Franz Kafka’s „Vor dem Gesetz,“ wo das Gesetz sich als Gesetzlosigkeit entpuppt und dennoch zur Tatenlosigkeit verurteilt. Hier tut K. zwar, aber das Urteil wird über ihn vollstreckt, ehe er erfährt, Täter zu sein. Wie ein dichter Nebel wird K. umschlossen, sodass er sich in jener Undurchsichtigkeit vorantastet und an Schranken trifft, die ihm unbemerkt einen rückwärtsgewandten Weg weisen; einen Weg, der die vollkommene Aufgabe seiner Freiheit bedeutet. K. ist unterlegen und die ihm gegenüberstehende Überlegenheit jedermanns – so als würde Alles etwas wissen, was er nicht weiß – ist das Geheimnis, was er als Landvermesser ohne Aussicht auf Erfolg aufzusuchen versucht. Mit derselben Überlegenheit haben stets die herrschenden Klassen bis heute die Beherrschten hingehalten und irregeführt.

Gefährliche Literatur

„Das Schloss“ – eine vielseitig denkbare Allegorie, wie das bei dem fiktionalen Stil Kafka’s nicht selten der Fall, vielmehr seine Qualität ist – hat, wenn man sich erst ein Begriff vom Postulat des Schlosses gemacht hat, auf dem es sich erhebt, eine unermessliche Auflehnungskraft. Dieser Roman besitzt, so verzweifelnd und beklemmend er dem ersten Eindruck nach wirken mag, den Mut, seinen Protagonisten schonungslos zu unterdrücken, um die Leser auf die erste Bewegung der Emanzipation zu verweisen, die jene Unterdrückung in seinen Grundfesten aufbricht, nämlich auf die Revolte.
Es handelt sich um Emanzipationsliteratur; um gefährliche Literatur, sowohl nach innen als auch nach außen; Gefährlich, da ein Gegenstand erst gefährlich wird, wenn er eine Lage in Frage stellt, dessen Bestehen ein Privileg, damit eine Misslage, und dessen Beseitigung eine Bedrohung für die Privilegierten darstellt. Solcher Literatur stehen ihrem Wesen nach natürliche Feinde gegenüber. Die natürlichen Feinde des „Schlosses“ sind die Herrschenden – die Herren der kleinen und die Herren der großen Ordnung, die Herren im privaten und die Herren im öffentlichen Leben, die Herren über den Geist und die Herren über den Körper, kurzum, die Herren der Welt; die Grafschafts-Ordnung.

Vielleicht ist das Schloss kein Gebäude, sondern ein Riegel, der eine Tür verschließt, hinter die sich das Geheimnis der Privilegierten, das Feuer des Olymps, welches Prometheus den Menschen überbrachte, verbirgt, mit der sie deine Freiheit unterdrücken, indem sie sie bestimmen – so wie sie es mit K. tun.

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/stilbruch/2018/02/27/literatur-die-opazitaet-der-macht/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • & btw

    Mein Jüngster mußte sich von seinem Deutschpauker auffe Montessori –
    Den gleichen tiefergelegten Sermonquatsch anhören!
    Zu seiner kühlen Interpretation – Die Verwandlung!
    Leicht gestupst – hakte Sohnemann dann nach & siehe da!
    Nix hat sich geändert – Rumgedruckse – Ja sicher – so könne man das auch!
    Usw usf – die ganze bekannte Dämlack-Palette der – letztlich –
    Schwarzen Pädagogik!
    &
    Däh. Pädagogisch vollends wertvoll. Seine – des Herrn Persetters Sicht – ahja!
    (Max Brod volle Lotte!)( – hätte ja gefehlt! So geit dat!
    Da fehlen einem glatt die Worte. Das ja.
    kurz – „Is ja rein tonn katolsch warrn!“

    Soweit mal.

  • Über diese Anverwandlung des Texts von Franz Kafka hinaus – gefragt – welche Ausgabe/Fassung liegt zugrunde? Der Bildschriftzug läßt vermuten – die
    Max Brod’sche?! Schweres Glatteis! Die Aneinanderreihung der Kapitel ist nicht von Franz Kafka – reine Willkür des bigotten Max Brod. Die unabweisbare schwer deftige erotische Seite des bekannt doppelbödigen Humors kommt hiewie da nicht vor!
    (Über die Einleitung zu Der Prozess – haben nicht nur Kafkas Freunde schwer gelacht! (Meinen Dt.Pauker darob dito ausgelacht,)
    Anyway. Gern gelesen – aber zu bleischwer bedeutungsschwanger daherkommend!
    & sodele ~>
    Für gegen den Strich – „Verratene Vermächtnisse“ by Milan Kundera – https://www.google.de/amp/m.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/milan-kundera-zum-achtzigsten-ein-migrant-mit-solidem-zuhause-1923531.amp.html
    Ab seines Verbrennungsvotums – klar!

Schreibe einen Kommentar zu Lowandorder Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.