vonMesut Bayraktar 24.10.2018

Stil-Bruch

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Nach seinem Debütroman, der Dynamit für die zeitgenössische Literatur war, zeigt Édouard Louis im zweiten Roman »Im Herzen der Gewalt«, warum Scham zu Wort kommen muss. 

„Ich begegnete Reda an einem Weihnachtsabend in Paris, auf dem Heimweg von einem Abendessen mit Freunden, gegen vier Uhr früh. Er sprach mich auf der Straße an, am Ende lud ich ihn ein, in meine Wohnung mitzukommen. Dort erzählte er mir von seiner Kindheit und was sein Vater, aus Algerien geflohen, in Frankreich erlebt hatte. Wir verbrachten die restliche Nacht miteinander, unterhielten uns, lachten. Gegen sechs Uhr morgens zog er eine Waffe und sagte, er werde mich töten.“ Diese Zeilen teilt der Ich-Erzähler uns im ersten Drittel des Romans »Im Herzen der Gewalt« mit. So verwandelt sich eine harmlose Dezembernacht mit einer Begegnung am Place de la République in ein Drama um Leben und Tod, um Scham und Gewalt, um Lust und Mitgefühl, um Ressentiments und gesellschaftliche Determinanten. Édouard Louis rekonstruiert eine erlittene Vergewaltigung im Zentrum des kosmopolitischen Paris, nachdem er in seinem Debütroman das Elend der Klassengesellschaft, das in der nordfranzösischen Picardie mit besonderen Fratzen gravitiert, geschildert hat. Beide Romane sind autobiographisch im ernsten Sinn des Wortes: sie vermessen erlittenes Leid, dessen Sedimente sich auf dem Körper, der im sozialen Raum und in sozialer Zeit wandelt, ablagern. Unsichtbare Formen mikrophysischer Klassengewalt werden auf diesem Körper sichtbar. Es ist der Körper von Édouard Louis.

2017 im S. Fischer Verlag erschienen

Mit »Im Herzen der Gewalt« macht Louis deutlich, was er unter „Scham verbreiten mit Literatur“ bzw. unter „konfrontativer Literatur“ versteht: die erlittene Gewalt durch die Klassengesellschaft nicht im privaten Raum einer Art Innerlichkeit oder zurechtstutzenden Privatphilosophie verstecken, um durch den Alltag und dem öffentlichen Leben mit notwendigen Lügen zu kommen; sondern diese erlittene Gewalt total bekannt zu machen, um der Klassengesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, damit ihr Wesen greifbar, vielleicht angreifbar wird. Dabei ist gleichgültig, in welcher Form diese Gewalt das Selbst zum Opfer macht. Die Gewalt hat viele Gesichter, viele Manöver, ihre sozialen Agenten tragen viele Charaktermasken. Die letzte Konsequenz sozialer Gewalt, auf die Louis diese Konfrontation im vorliegenden Roman hochtreibt, ist der Totschlag; und „es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw.“ Das schreibt Bertolt Brecht in seinem gern vergessenen »Me-Ti – Buch der Wendungen« und fügt hinzu: „Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“ Louis Roman kann als Mikrophysik der Klassengewalt gelesen werden und verweist mit seiner brutalen Ehrlichkeit genau auf diese Dunkelstelle, die Brecht ausspricht: „Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“ So ist der Roman nicht nur aufwühlend und hält im Stadium der Emotionen an; er reizt den Gedanken, hat aktivierende Momente, ruft die soziale Vernunft an, ist, um es kurz zu machen, politisch durchdrungen. Der Mut, den Louis mit dieser Vorgehensweise beweist, hat eines mit Sicherheit zur Folge: Schock des Lesers über die Einsicht, Gewalttäter und Gewaltopfer in einer Person zu sein.
Warum aber Scham? Weil Scham, wie es im Roman heißt, „die lebhafteste und dauerhafteste Form des Erinnerns [ist], eines Erinnerns, das sich tief ins Fleisch einschreibt, möglicherweise sind, ganz wie Didier es meint, die lebhaftesten Erinnerungen eines Lebens die mit Schamgefühl verknüpften.“ Für Louis ist die Aussprache der Scham eine Provokation mit der Wahrheit, denn die Wahrheit selbst ist schamvoll, ist Scham. Wahrheit ist Scham. Ihre Blöße sind schwer erträglich. Sie zeigen die Pokale sozialer Gewalt, die in ihrem Glanz die Falten des Geschlagenen zurückspiegeln: unsere Entwürdigung. Deshalb ist Scham der Motor aller Verdrängung – Verdrängung von sozialer Wahrheit. Indem die Scham Wahrheit verbürgt, ist sie, wenn Scham nicht Wort wird, wahrheitsvernichtend. Die Eigenheit von Scham, daher mit „lebhaftesten Erinnerungen eines Lebens“ verknüpft, liegt nämlich darin, unvergessbar zu sein.

Auch wenn die Erzählung zuweilen hektisch und gedehnt wirkt, gleichwohl die Überlappung mannigfacher Erzählstränge von literarischer Qualität hohen Ranges zeugt, lohnt sich ein Blick in den knapp 200 seitigen Roman. Er weckt Interesse für sein drittes Buch, das derzeit vom Französischen ins Deutsche übersetzt wird, »Qui a tué mon père?«, zu deutsch: Wer hat meinen Vater getötet?
Lesen Sie Louis, den 25 Jährigen aus der französischen Arbeiterklasse und Schüler wie Freund von Didier Eribon. Fangen Sie besser mit seinem Debütroman »Das Ende von Eddy« an, das erschütternder ist als der vorliegende Roman und fragen Sie sich in Momenten ihres Klassenschicksals, das sie immer wieder einholt, warum Sie Grund dazu haben, sich für das, was Sie sind, zu schämen. Lassen Sie Ihre Scham zu Wort kommen. Zeigen Sie der Welt ihre Blöße, auf denen die soziale Gewalt Spuren seines Massakers hinterlassen hat und hinterlässt.  – Das könnte der Wahlspruch von Édouard Louis sein.


Titelbild zur Wiederverwendung gekennzeichnet: 
https://pixabay.com/de/glas-shattered-fenster-zerstörung-984457/

 

 

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