“Kenne ich Dich nicht?”
“Das würde mich wundern.” Sein Blick war so hart wie sein ganzes Auftreten. Er wirkte als sei er nur ein Mensch gewesen, doch sie stand weiterhin da, sah ihn an, überlegte.
“Aber es ist so vieles wie früher.”
“Das ist es wohl oft.” Er ließ sie stehen.
Die Nacht war unruhig wie immer - draußen tobte kein Gewitter, aber das war auch nicht notwendig. Unruhe entstand von Außen, nicht von Innen heraus. Die Bäume waren vollkommen ruhig, kein Auto fuhr vorbei, niemand lief grölend um die Ecken - und doch war es eine unruhige Nacht, die keinen Schlaf bringen wollte.
“Ich kenne ihn.” Das ging ihr immer wieder durch den Kopf. Es war so furchtbar ihn wiederzusehen, auch wenn sie nicht mehr genau wusste, wer er einst gewesen war. Zurück von den Toten? Gab es das? Sie wusste es nicht, sie wusste ja nicht einmal genau, wer sie selbst war. Aber sie kannte ihn. Sie k-a-n-n-t-e ihn. Da war sie sicher.
“Etwas zu trinken?” Er lächelte kurz, dann war sein Gesichtsausdruck wieder der, den er immer hatte. Kühl, doch gehetzt, fern von jedem Glück und jeder Hoffnung.
“Nein.” Sie schloss die Augen. “Danke.”
“Was für eine langweilige wiederkehrende Welt.” sagte er ruhig und schob ihr ein Weinglas herüber als hätte er ihr “Nein” nie vernommen.
“Wiederkehrend?”
Er nahm sein eigenes Weinglas und hob es an. Seine linke Hand lag auf der Fernsteuerung des Rollstuhls als wäre sie dort festgeklebt. “Wiederkehrend. Prost.”
Sie hob das Weinglas an als würde es eine Tonne wiegen. “Prost.” Ihr Blick blieb auf seiner linken Hand hängen. Oh ja, sie kann diese Geste, sie kannte sie nur zu gut. Sie kannte ihn eben doch. Aber was tat er hier? Warum gab es ihn wieder? Warum war er wieder hier - auferstanden wie Lazarus aus seiner Grube, zurück von den Toten, zurück bei all den Lebenden, die ihn nicht benötigten, nicht wollten?
“Ich werde gebraucht. Sie wollen mich, sie sehnen sich nach mir.” sagte er leise und seine linke Hand blieb weiterhin wo sie war während er mit der rechten das Weinglas zum Mund führte. “Sie wollen das, was ich ihnen biete.”
Tränen tropften in ihren Wein. “Wie immer, oder?”
“Wie immer.”
“Es ist langweilig, wirklich.” sagte er fast sanft. “Aber ich komme ja nur wieder, wenn man mich braucht.” Er stellte das Weinglas ab, füllte nach. Die linke Hand blieb wo sie war. “Und wie könnte ich dann fernbleiben?”
“Du könntest Mitleid haben.” Als wüsste sie die Antwort nicht schon.
“Mitleid? Ich?” Er sah einen Moment lang gequält aus und dann war sein Gesicht wieder gleichgültig. “Ich will nur das Beste.”
Im Hintergrund lief Musik - sie erzählte davon, wie jemand von den Toten auferstanden sei. Wie er ein emotionaler Krüppel sei und wie er nur wiedergekommen sei um zu sehen wie der oder die andere verloren sei.
“Wie passend.” Er stellte das Weinglas ab. “Wie passend.”
“Wie lange werden wir uns immer wieder sehen?” Sie weinte noch immer. “Ich will das nicht mehr erleben, nie mehr. Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten - immer wieder. Immer wieder wir. Immer die Kämpfe, die Angst, die Wut. Ich kann das nicht mehr. Ich will Frieden, nur noch Frieden.”
Er sah nach oben, füllte fast blind erneut Wein nach. “Nein, den willst Du nicht.” Auch ihr Glas wurde gefüllt. “Keiner von uns beiden will ihn. Du nicht und ich nicht. Und selbst wenn - wir würden immer wieder gerufen werden. Schon vor Ewigkeiten riefen sie mich um sicher zu sein, andere riefen dich um dabei nicht zu vergessen, dass sie frei sein wollten. Egal wie oft man uns tötet oder wir uns selbst töten - ob man uns mit einem Messer angreift, wir uns erschießen, mit Gift töten… wir kommen wieder. Du musst das tun, was sie wollen und ich auch. Du hast dich verändert, genau wie ich.” Er sah auf seine linke Hand. “Genau wie ich.”
Sie sah auf ihre eigenen Hände und nickte.
“Es ist furchtbar Dich wiederzusehen.” Sie sah ihn an, er war tatsächlich ein emotionaler Krüppel. Ob er das nun geworden war seit dem letzten Mal als man ihn tötete oder schon immer gewesen war - wen interessierte es?
“Dieser Falle können wir nicht entrinnen.” sagte er und der Wein war alle als sich seine linke Hand das erste Mal bewegte um ihr einen spöttischen Gruß zu gönnen bevor er fort rollte. It´s horrid to see you again — klang es aus dem Lautsprecher an der Seite und als sie aufstand, sich die Tränen abwischte und dem “so bored of being alive” lauschte, dachte sie an die Jahre zuvor und die Jahre, die es noch geben würde. Solange sie jemand rufen würde, würde es sie immer geben und sie würden sich immer ansehen und sagen, dass sie aussehen würden wie Gekreuzigte. Horrid to see you again — was konnten sie sich sonst sagen? Die Musik wurde unterbrochen und es gab Nachrichten. Wieder gab es irgendein abscheuliches Verbrechen und wieder rief man nach mehr Sicherheit. Er wurde gebraucht. Und sie auch. Frieden würde es noch lange nicht geben.
(Dank an Placebos “Lazarus”, das mich nach langer Zeit wieder schreiben ließ)