Ist Graffiti tot? Résumé einer Veranstaltung.

Am Montag abend fand im Café Wendel eine Podiumsdiskussion anlässlich der Buchpublikation „THE DEATH OF GRAFFITI“ statt. Das im September (von COGITATIO-FACTUM und Jo Preußler herausgegebene und bei Possible Books / Menetekel 2017) erschienene Buch nimmt einen Aufsatz von Oliver Kuhnert zum Ausgangspunkt, der sehr persönlich und von Innen eine Fundamentalkritik an der Graffiti-Kultur und seinen Akteuren formuliert und auf dessen zum Teil provokante und steile Thesen recht umfassend in Form von 33 verschiedenen Repliken geantwortet wird. Oliver Kuhnert selbst war am Montag leider nicht da, was viele teilnehmende Menschen bedauert haben. Die Veranstaltung war gut besucht und das Publikum bestand zu einem großen Teil aus wissbegierigen und reflektierten Szenemenschen, was dezidierte Diskussionen jenseits von der klassischen Debatte um Legitimation von Vandalismus ermöglichte.

In Gesprächen die ich vor Beginn der Veranstaltung führte, kam wiederholt das Interesse zum Ausdruck, sich inhaltlich und kritisch mit dem Thema Graffiti auseinanderzusetzen. Bestens also, dass das mit sechs Leuten besetzte Podium, sehr unterschiedliche Zugänge und Perspektiven auf‘s Thema repräsentierte: akademisch-universitäre Wissenschaftler*innen (Ästhetik, Kommunikations- und Kulturwissenschaften,…) als auch praktische Akteure (ein Old-school Writer der mittlerweile auch in der Kunstwelt/-markt unterwegs ist; ein Vertreter des Graffitiarchivs, der u.a. mit Workshops und Touren Bildungsarbeit betreibt und ein Forscher, der kritisch Männlichkeit hinterfragt,…).

Während es eingangs noch um konkrete Fragen an die Podiumsteilnehmer*innen ging, wie etwa: „Kann man mit Graffiti erwachsen werden?“, wurde die Diskussion ab der zweiten Frage konfus, was es den Zuhörer*innen schwer gemacht hat, den verschiedenen Fäden zu folgen. Zunehmend kristallisierte sich heraus, dass selbst bei der Definition des Gegenstandes über den an diesem Abend gesprochen und diskutiert werden sollte – nämlich Graffitigroße Unklarheiten und Unterschiede in den Auffassungen existieren. Einmal mehr zeigte sich hier was auch das Buch eindrücklich beweist: Graffiti selbst bleibt letztlich ein Phänomen, das sich einer klaren Begriffsdefinition immer wieder erfolgreich entzieht und dem wir uns alle nur in unserer eigenen Weise nähern können. Auch die 33 Protagonisten in „The Death Of Graffiti“ tun das und verhelfen dem Begriff – entgegen dem Titel – damit zu einer großen Lebendigkeit und Vielschichtigkeit.

Aus der rund 2-stündigen Diskussion ergab sich ein bunter Flickenteppich an konkreten Themen – hier ein paar Beispiele: Welche Rolle spielt eigentlich Graffiti in Zeiten, in denen die Stadtpolitik und Baugenossenschaften in Berlin den Wert von „Street Art“/The Haus/Urban Nation-Museum stadtvermarktungsstrategisch verwerten? Auf ein weiteres komplexes Themenfeld, nämlich die Kommerzialisierung und Vereinnahmung von Graffiti als subkulturelles Phänomen (hauptsächlich, aber nicht nur, in Form von Werbung), sowie die individuelle Abgrenzung zum „Ausverkauf“ wurde immer wieder eingegangen. Auch das Verständnis von Graffiti als Aktion und Intervention, als egoistischer Drang nach Freiheit im Verhältnis zum individuellen Verständnis als Künstler*in wurde angesprochen. Ebenso wie die gesellschaftliche Dimension der subversiv angebrachten Ästhetik, das eventuelle Ende des Phänomens „Jugendkulturen“, Bilder von Männlichkeit, die Rolle von Frauen und die große Frage der urbanen Kommunikation „von unten“ besprochen wurden. Auch wurde der Wunsch formuliert, mehr Vernetzung und Gegengewicht zur Vermarktung von Street Art zu schaffen. Und es wurde die Frage gestellt, ob das Phänomen Graffiti altert, bzw. wieviel Neues und Erneuerung es seitens der heutigen Jugendlichen gibt oder ob sie sich eher anderen Subkulturen zuwenden.

Wie vielschichtig das Thema Graffiti ist und wieviele kritische Themenfelder es zu besprechen gibt hat sich an diesem Abend gezeigt. Ein Teilnehmer sagte mir, „man muss das einfach als Momentaufnahme sehen, wo die Graffiti-Szene gerade steht. Es gibt gerade keine einheitlichen brennenden Themen, sondern viele einzelne Themen.“ Aus dieser Perspektive betrachtet, war diese Veranstaltung hoffentlich ein Auftakt, um die einzelnen Themenkomplexe (die teilweise auch gar nicht neu sind) in einzelnen Diskussionsveranstaltungen (ähnlich wie das Format „Vandal Café“, das in den letzten Jahren an gleicher Stelle im „Café Wendel“ stattfand) zu vertiefen. Eben das war ein Wunsch, den ich wiederholt gehört habe.

Zugegebenermaßen habe ich selbst das Buch noch nicht gelesen, bin aber schon sehr gespannt darauf, weil der Abend den Spannungsbogen angekündigt hat, wie unterschiedlich die Blickwinkel auf szene-interne und -externe Themen sein können und die sehr verschiedenen Hintergründe der Antwortenden eine kritische Momentaufnahme der großen Themen rund um Graffiti schafft. Vielleicht hätte ich die inhaltlichen Beiträge der Podiumsdiskussionsteilnehmenden auch besser einordnen können, hätte ich ihre Artikel im Buch vor der Podiumsdiskussion gelesen?! In jedem Fall war es ein bereichernder und anregender Abend, denn auch nach der eigentlichen Veranstaltung wurde in Einzelgesprächen weiter diskutiert und sich ausgetauscht.

Viel Spaß beim Lesen von „THE DEATH OF GRAFFITI“!

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