Heute war gestern in Leipzig (Dokumentarfilm)

von Detlef Kuhlbrodt

Zunächst hatte es “forever psycho” heissen sollen. Dann hatte ich das Zuckerstück nicht mehr gefunden. Das Zuckerstück war mit einem Papier umwickelt, auf dem “forever psycho” gestanden hatte. Kirsten Küppers war im Besitz dieses Zuckerstücks, das aus den 90er Jahren kam. “forever psycho” auf einem Zuckerstück wäre ein gutes Cover gewesen. Ich fuhr zu Kirsten. Sie hatte war noch das schöne Bild, dass Jenny mal gemalt hatte, aber fand leider das “forever psycho”-Papierchen nicht mehr. Danach waren wir in der “Mörderbar” (ein extrem angenehmes Café in einer kleinen Seitenstraße von der Torstraße) gewesen und irgendwie fiel mir dann doch nichts anderes ein als “November”. Und weil “November” zu pathetisch klang: “November06″. Unterzeile oder Kategorie: “Tagebuch” klingt logisch. Unter “Tagebuch” archiviere ich ja alles, was ich so neben dem Veröffentlichten schreibe.
Im tazcafé traf ich Harald Fricke. Er sagte dann, dass man sich bei Tagebuch doch eigentlich etwas Privates vorstellt, so eine Art Selbstgespräch, das Leute mit sich selber führen. So hatte ich mir das aber eigentlich nicht gedacht.
Auch wenn man so-für-sich, also ohne direkten Veröffentlichungsgedanken, schreibt, richtet sich das Geschriebene ja an imaginäre andere. Deutlich sind Selbstgespräche doch eigentlich nur im eigenen Kopf; wenn man versucht, das zu notieren, wird es wirr oder schlecht, weil das Schreiben länger dauert, als das Geschwätz, was im Kopf immer so nebenher läuft und wenn man es in eine Form bringt, ist es etwas anderes. Das heisst die schriftliche Form ist Mitteilung. Irgendwie so. “Brief” statt “Tagebuch” ist richtiger; klingt nur komisch. “Tagesbriefe” klingt eigentlich völlig bescheuert; ein wenig starr. Egal.

Dann ist es wieder komisch, wie seit mindestens zehn Jahren zum Dokumentarfilmfestival nach Leipzig zu fahren. Manches bleibt sich gleich. Zum Beispiel, dass man es nie hinkriegt, rechtzeitig aufzubrechen; dass man den Tag immer – eigentlich auch inhaltsreich – vertrödelt; dass man sich immer zuviel anzieht. Über die synthetische Kuscheljacke von Karstadt einen synthetischen Anorak von Karstadt. Früher bin ich oft in einem blauen Wintermantel nach Leipzig gefahren. Dann rennt man ein wenig zum Halleschen Tor, überlegt kurz eine Fahrkarte zu kaufen, dann lieber doch nicht, weil die U-Bahn gleich kommt. In der U-Bahn: leichte Schweissausbrüche. Friedrichstraße hat man die tolle Idee, sich den Anorak wieder auszuziehen und während der Bahnfahrt im Raucherabteil guckt man in die Luft, d.h. aus dem Fenster. Das heisst. Eigentlich kann man gar nicht richtig aus dem Fenster rausgucken, weil es in dem Abteil so hell ist. Es wäre auch schöner, wenn das Abteil nicht hellblau (mit Kopfkissen in diesem blöden Magenta), sondern in angenehm warmen Farben angestrichen wäre.
In wenigen Minuten erreichen wir Lutherstadt Wittenberg.
Eigentlich finde ich Seidenmatt schöner, als Hochglanz.

Im Prinzip bin ich Orientierungslegastheniker. In den Jahren, in denen ich – nur früher mehr als fünf Tage – in Leipzig war, ist aber eine Art Autopilot im Körper entstanden. Man geht durch die Straßen vom Bahnhof her ohne auf die Straßennamen zu gucken.Nach ein paar Schlenkern landet man auf dem Marktplatz, auf dem die Kräne vom letzten Jahr immer noch stehen. Man baut an einer hochgradig schwachsinnigen (wie mir Leipziger Kollegen und Freunde versichern) U-Bahnstation. Die, die sie dann benutzen werden, werden ca. zwei Minuten Fußweg sparen. Der Quatsch wird Milliarden kosten.

Im Festivalzentrum Akkreditierung. Man fühlt sich gleich heimisch und denkt andeutungsweise pathetisch, dass man sich am heimischsten auf Filmfestivals fühlen würde.

Weil es in dem Hotel, wo ich sonst immer war, kein Frühstück mehr gibt, habe ich mich für ein anderes entschieden. Es heisst Michaelis. Keine Ahnung, wo es ist. Neben mir am Counter steht Nadezhda Marinchevska. Sie gehört der Jury der “Féderation Internationale de la Presse Cinématographique” an. Eine geheimnisvolle Organisation von Filmfachleuten, die immer irgendwelche Preise vergibt. Sie ist in dem gleichen Hotel untergebracht wie ich. Wir werden mit einem Festival-Volvo zum Hotel gefahren. Früher hätte es immer Festival-BMW’s gegeben.

Viel gebe es ja vermutlich hier nicht zu fahren.
Doch. Sie wäre heute schon in Prag gewesen, wo sie amerikanische Regisseure abgeholt hatte.

Im Foyer des “ersten christlichen Hotels in Leipzig”, dem “Michaelis” also, sitzen paar Polizisten mit einer gefassten Kleinfamilie an einem Tisch und lassen sich erzählen, was denn alles gestohlen wurde. “Christlich” heisst möglicherweise, dass es im Hotelfernseher keine Bezahl-Pornokanäle gibt.

Die feierliche Festival-Eröffnung war prima. Die abstrakte,leicht nostalgisch konstruktivistische Animation “Tower Bawher” des Kanadiers Theodore Ushev: ein Film wie ein Paukenschlag! Der andere (“Losers and winners” von Ulrike Franke und Michael Loeken, die 2001 “Herr Schmidt und Herr Friedrich” hier gezeigt hatten; ein liebe- und humorvolles Porträt zweier schlagerliebender Homosexueller in mittleren Jahren) war auch prima. Es ging um fleissige Chinesen, die eine dichtgemachte Kokerei nahe Dortmund abgebaut hatten, um dieselbe in China wieder aufzubauen; also Globalisierung; kulturelle Unterschiede usw.) Auch sehr interessant und lehrreich!
Anfangs schien die Rede des Festivalchefs Claas Danielsen noch etwas lehrerhaft; als er anfing, den diesjährigen Festivaltrailer zu analysieren. Dann wurde er aber immer besser. Es ging um Grundsätzliches, wie es wohl grundsätzlich in eröffnenden Reden um Grundsätzliches gehen muss. Also um die Lebensberechtigung des Dokumentarfilms in schweren Zeiten; um das, was nicht gezeigt wird (wie lebt eigentlich Ackermann; wie funktionieren Entscheidungsprozesse in Fernsehanstalten oder wie wurde Hartz4 genau entwickelt; wie arbeiten Pharma-Lobbyisten, wie werden Quoten ermittelt; aus welcher Perspektive wird was gezeigt; es ging um die vergessenen Kriege wie Tschetschenien – dazu hatte es in den letzten Jahren einige Filme gegeben – , er erinnerte an die ermordete russische Journalistin Anna Politkovskaja, die im letzten Jahr noch hier gewesen war; sprach über “Fake Documentaries” (es gibt eine so betitelte Reihe, die bestimmt prima wird), was wahr und was Ware ist usw.
Rhetorischer Höhepunkt seiner Rede war sein Dank an die Sponsoren.Er sagte: “Ich möchte mich bei unseren Sponsoren bedanken”, dann gab’s für zwei oder drei Sekunden ein großes Dia mit den Namen derselben. Das war’s dann.

Später Gespräche über Filmfestivals.
Bewundert werden vor allem solche, die wie ein Gesamtkunstwerk konzipiert sind.
Oder wie ein Blockseminar für Filmfreunde.


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