Cottbus, nach dem Frühstück, Festival des osteuropäischen Films

von Detlef Kuhlbrodt

Im Festivalzentrum läuft die ganze Zeit Radio-100. Auf dem Vorplatz, hinter den großen Glasscheiben, trinken Jugendliche Bier und rauchen. Misstrauisch guckt man von innen nach außen und von ausen nach innen, so kommt es mir vor. Die Sonne scheint und ich beginne das Zeitgefühl zu verlieren. Mir ist schon klar, dass jetzt grad Vormittag ist, aber ich habe kein Gefühl für den Wochentag oder die Jahreszeit. Vielleicht sitze ich ja auch schon Jahre hier oder bin im Urlaub und es ist Juni 2003. Dann haben sich Wolken vor die Sonne geschoben.
Die Leute vom Fahrdienst sitzen in der Nähe und warten darauf, dass sie gebraucht werden. Die meisten vom Festival tragen rote T-Shirts und was Schwarzes noch. Der Sound in dem modernen Betonbau stimmt von ferne leicht melancholisch.
Gestern abend traf ich Kornel Miglus; ein alter Freund, Regisseur, der für’s polnische Kulturzentrum in Berlin arbeitet. Er war nur kurz hier und erzählte von wilden Filmprojekten. Später stellte er mich Christine Kopf vor. Christine Kopf ist die Direktorin von goEast, dem Wiesbadener Festival des mittel- und osteuropäischen Films, das nächstes Jahr zum siebten Mal in Wiesbaden stattfinden wird, der Konkurrenzveranstaltung aus dem Westen also quasi.
Scherzhaft werde sie manchmal kurz “der Feind” genannt, erzählt sie, doch eigentlich verstehe man sich ganz gut, er hätte sogar ein Handyfoto, auf dem die Beiden nebeneinander drauf sind, sagt Miglus. Und es ist ja auch prima, dass man sich nicht nur hier um den osteuropäischen Film bemüht.
Am Vormittag gucke ich ein tolles Programm mit zeitgenössischen rumänischen Filmen. Am besten gefallen mir zwei Kurz-, bzw. mittellange Filme von Cristian Nemescu. (“Marilena von P7″ und “Mihai si Cristina”) in denen sehr intensiv um Jugend, Liebe und Sex geht. Im ersten Film geht es um einen dreizehnjährigen, der mit seinen Kumpels von einem Dach aus in einem bukarester Slum Prostituierte beobachtet. Der Junge verliebt sich in eine Teenagerprostituierte und versucht sie mit einer Busentführung zu beeindrucken und alles endet in einer Katastrophe.
Leider ist der Regisseur im Sommer mit seinem Kameramann in Bukarest bei einem Autounfall um’s Leben gekommen, als er an seinem ersten langen Spielfilm arbeitete.
Am Nachmittag guckte ich einen serbischen Film – “Morgen in der Früh” von Oleg Novkoviç – , in dem Freunde ständig unglaublich viel trinken und im Hintergrund geht es auch um einen Freund, der sich das Leben genommen hatte und zuvor sich viel so tagebuchmäßig vor einer Wand mit Marc Bolan-Posterngefilmt hatte und am Ende geht einer nach Kanada.

Dies ist das häufigste Thema der Filme hier – bleiben oder gehen.

Am Abend lernte ich zufällig Uwe kennen. Uwe ist arbeitsloser Dreher. Er hatte sich hier in’s Foyer der Stadthalle gesetzt und Sternburger-Bier mitgebracht. Er fühlte sich wohl einsam. Er sagte, er käme aus Guben (wo Gunther von Hagen grad heute sein Plastinarium eröffnete), lebe seit zwei Jahren hier und wäre heute das erste Mal hier in der Stadthalle. Was denn hier los sei? – Festival des osteuropäischen Films.
Aha. Amerikanische Filme seien blöder Schmu; viel lieber gucke er auf rbb Filme aus Rumänien, Ungarn, Russland usw. Immer wieder lobte er den RBB und erzählte von Hartz4 und seinem Alkoholismus und dass Cottbus spießig wäre, machte aber niemanden für seine Misere verantwortlich.
Er fand es toll, dass ich aus Kreuzberg komme und verabschiedete sich mit warmen Worten. Vielleicht würde man sich ja in Berlin wieder sehen.

Kurz überlegte ich, ob ich ihn fotografieren sollte, ließ es dann aber doch, weil es mir irgendwie ausbeuterisch vorgekommen wäre, obgleich ihm das vermutlich gefallen hätte, dachte ich später

Bemerkenswert ist auch, dass in allen Filmen hier viel geraucht wird. Es wäre auc seltsam, wenn es anders wäre.


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