Karneval der Verpeilten
von Detlef Kuhlbrodt
Den Sommer beschloß der “Karneval der Verpeilten” am Planetarium an der Prenzlauer Allee. Wir schätzten, dass zwei bis dreitausend Leute gekommen waren, um für den Weltfrieden zu tanzen. Der Park hinter dem Planetarium war jedenfalls proppenvoll.

Zum ersten Mal hatte der “Karneval der Verpeilten” glaube ich 2002 stattgefunden. 2003 war’s jedenfalls auf dem Mariannenplatz (eine Party, die ich in superguter Erinnerung habe; ein großes Picknick mit schöner Musik) und später auch mal im Treptower Park. Weil der “Karneval der Verpeilten” ein Geschenk ist, war der Eintritt umsonst.
Das Publikum der Technoparty zitierte schätzungsweise vierzig Jahre lebenspraktisch ausgerichtete Gegenkultur: es gab einige tribalistisch orientierte Gruppen, die so familymäßig auf Decken nebeneinander saßen. Die Goa-Oma im trauten Gespräch mit ihrem Punkenkel und solche Geschichten.
Ein Mann erinnerte mich an Winnetou. Er saß aufrecht, mit einer auch nach aussen gerichteten Entspanntheit wie ein Yogarlehrer, mit nacktem, braungebrannten Oberkörper und pechschwarzen Haaren im Indianersitz und drehte einen äußerst akuraten Joint, den er später mit so besonders bewussten Gesten weiterreichte.

Ein anderer drehte einen Joint mit einer Hand und benutzte die andere Hand als Bröselschale.
Als Attribut trägt jemand einen Indianerschmuck auf seinem Kopf. Ein junges dünnes Mädchen, fast ein Hemd, zieht einen Holzschlitten hinter sich her. Sie ist mit ihrer Freundin hier. Beide wirken fröhlich.
“Du warst doch Peter?!”, begrüßt ein Junge einen anderen.
Viele Mütter hatten ihre kleinen Kinder mitgenommen und später über die Veranstaltung teils auch in blogs berichtet. Im “Ruderclub Mitte” gibt es übrigens jede Woche einen “Mutter-Kind-Rave”.
Eine Frau trug eine knallrote Plastiktasche. Auf der Tasche stand “Berlin wasted youth”. Das hatte auch auf dem Truck gestanden, mit dem der Ruderclub-Mitte Anfang des Sommers am Karneval der Kulturen teilgenommen hatte.
Ein Mann hatte ein Bussi-Bär-Kostüm an. Den Kopf trug er meist in der Hand, weil’s sonst zu heiss war.
Einer hatte sein Gesicht so clownsmäßig geschminkt.
Einer lief in einer südamerikanischen Ethnojacke herum.
Logischerweise gab’s auch Luftballons, Frisbees und Seifenblasen.
Eine Frau trug ein schwarzes Nonnenkostüm. Den schwarzen Rock hatte sie hastig sehr kurz geschnitten. Hinter mir sagte ein Junge zu seinem Freund, dass sie darunter sicher nichts anhaben würde.
Mehrere junge Frauen waren als Krankenschwestern verkleidet und beschenkten Leute, die sie beschenkenswert hielten, mit roten Sternen, die man sich irgendwo rankleben konnte, Auf der Rückseite ihrer Kittel stand: „Bis der Arzt kommt“.
Am Rande haute ein Betrunkener mit lustigem Cowboyhut immer wieder rhythmisch auf eine Mülltonne und wurde dafür ironisch beklatscht.
Ich dachte an die alternativ gekleidete Frau, die ich hier vor zwei Jahren gesehen hatte. Sie hatte sehr nett und irgendwie auch wie ein Maulwurf geguckt und ein Pappschild hochgehalten, auf dem “Suche dringend meine Brille” gestanden hatte.
Und später (vor zwei Jahren), als es schon dunkel gewesen war, war ein dünnes Mädchen zu uns gekommen. Wir hatten im Kreis auf dem Boden gesessen und sympathisch ausgesehen. Sie hatte gezittert und sich bemüht, ihr Zittern zu kontrollieren. Sie hatte gesagt, ihr wäre so kalt und ob sich vielleicht jemand hinter sie setzen könne, während ihr nervöser Freund immer wieder wilde Indianertänze aufgeführt hatte. Eine Weile war Ruhe, dann war’s wieder losgegangen. Stampfend war er auf dem Boden herumgesprungen. Those were the days.
Auffällig in diesem Jahr war auch ein gewisses Kreuzberg-80ies-Revival im Outfit der Leute. Richtig viele waren durchgehend schwarz angezogen. Pechschwarz färben sich auch manche wieder die Haare.
U. sprach von Woodstock. Mein Kopf dachte automatisch den Artikelhalbsatz: “(…) aber ohne verwertbaren Proklamationscharakter”.
Das Publikum war ziemlich gut, großstädtisch und bodenständig. G. meinte, die meisten würden hier sicher wohnen.
Die Musik am Nachmittag (u.a. Liebe ist coll, Matt John, die Cereal Killers und Tobi Neumann) war angenehm relaxed bis verspielt psychedelisch.

“NICHTANTIZIPIERBARKEIT” war die politische Parole auf der Fahne, die jemand am frühen Abend zwischen zwei Lautsprecher steckte.

Als der Dritte Raum spielte, war alles ziemlich super. Die Leute gutgelaunt die Musik prima – Andreas Krüger spielte auch Hits von vor zehn Jahren, als der dritte Raum ein paar Jahre Headliner auf der Fusion war.
Damals hatten sie manchmal erst um drei Uhr morgens angefangen zu spielen. Danach dann Oliver Koletzki – alles okay.

Leider gab’s dann (wie schon vor zwei Jahren) am Ende schlechte Stimmung. Die schöne Athmosphäre, die man über acht Stunden aufgebaut hatte, kippte.
Erst gab es eine Pause und in dieser Pause besonders ekelhafte House-Stücke, wo man sich vorstellt, die kann nur jemand spielen, der House hasst und als Stil denunzieren will.
Dann war Khan erst kurz und schlechtgelaunt so übertrieben pseodcrooner- und discorockermäßig aufgetreten, daß man dachte, es handle sich um eine Parodie. Nach zehn Minuten begann er damit, seinen DJ (es war glaube ich eine DJane), übel über’s Mikro zu beschimpfen. Dass sie seinen ganzen tollen Auftritt kaputtmachen würde und so weiter.
Wir standen an der Bühne und dachten, das ist Theater, eine blöde Parodie und gleich würde der Musiker zum Richtigen kommen.
Aber es war alles echt.

Die Stimmung auf der Bühne muss furchtbar gewesen sein. Genervt und enttäuscht (wie über eine Lieblingsmannschaft, die einen toll herausgesspielten Vorsprung in den letzten fünf Minuten vergeigt gegen einen richtig unsympathischen Gegner) gingen wir dann zu Freunden, die weit weg von der Bühne rumhingen. Deshalb weiss ich nicht, wie sich das auf der Bühne alles auflöste.

Jedenfalls trat wohl niemand mehr auf. Und dann tanzten die letzte Stunde, vielleicht 20 Leute, in spontan ausgedachten Choreografien zu aktuellen Clubhits vom Band bwz. digital. Wahrscheinlich waren’s wohl die Helfer. So rettete man sich irgendwie bis viertel nach zehn als dann Schluß war.
(Die Fotos 5, 6 und 8 hatte Uli gemacht.)





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