Sonntag; 15:21

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Guten Tag, meine Damen und Herren; guten Morgen, liebe Studenten!

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Warum-muss-der-Sohn-betteln ist wieder unterwegs. Seine letzte Groß-Kampagne war vor sechs Jahren.

Kirsten Küppers hatte darüber in der taz berichtet:

„Ich will Geld für Schuhe“

Ein Sohn muss betteln, weil er glaubt, sein Vater habe 1967 einen Kaufhausbrand in Brüssel gelegt. Außerdem braucht er Schuhe. Seit einigen Jahren streift Friedrich Teubner durch Berlin und hinterlässt an Litfasssäulen und Bauzäunen seine Bemerkungen. Mittlerweile bedroht er aber auch Frauen

von KIRSTEN KÜPPERS

„Warum muss der Sohn betteln?“, fragt ein Filzstift die Welt. Von Litfasssäulen, Stromkästen und anderen Berliner Stadtmöbeln herunter. Es handelt sich um einen stummen Schrei. Das zeigt der rote Strahlenkranz um den Satz. Und es scheint, dringend zu sein. Warum muss der Sohn betteln?

Wer ist der Sohn? Wer ist der Vater? Abgewaschen, weggeräumt, übertapeziert, – der Text kommt wieder, seit Februar beharrlich. Die Stimme aus dem Off hat in ihrer Eindringlichkeit mittlerweile etwas Hysterisches. Das Ganze ist kein Spaß, mehr hingeworfene Wut. Zuerst dachte man, der unbekannte Verfasser sei der Mann, der die Sechsen malt. Aber der verneint. Zwar kenne er den Kollegen. Es herrsche auch eine gewisse Form der Arbeitsteilung unter den beiden Stadtbeschriftern. Er erklärt: „Wenn alle glauben, ich habe das geschrieben, dann ist das schließlich eine gute Werbung für mich.“ Denn der Sechsen-Mann will berühmt werden, um dann als Prominenter eine weltweite Kampagne gegen den Straßenverkehr zu starten. Warum der Sohn allerdings betteln müsse, wisse er auch nicht ganz so genau.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Verfasser der Bettelfrage um den Kreuzberger Friedrich Teubner. Er behauptet, sein Vater sei mit ihm als 8-jährigen Jungen am 22. Mai 1967 in die Spielzeugabteilung eines Brüsseler Kaufhauses gegangen und habe dort einen Brand gelegt. In dem Feuer kamen damals mehr als 300 Personen ums Leben. Teubner fordert die Bestrafung seines Vaters. Bereits vor sechs Jahren verteilte er dafür in der Stadt Zettel mit der Aufschrift: „Dreihundert Tote, und nur einer grinst: Papa“ oder „300 Tote in Brüssel, und die taz pennt“ (taz berichtete).

Der Brüsseler Kaufhausbrand hat schon 1967 zu Flugblättern inspiriert. Wenige Tage nach dem Unglück verteilten Mitglieder der Kommune I vor der Mensa der Freien Universität Handzettel. Darauf versuchten die Kommunarden anzudeuten, belgische Anarchisten hätten den Brand gelegt. Unter der Frage „Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“ hieß es da: „Unsere belgischen Freunde haben endlich den Dreh heraus, die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam wirklich zu beteiligen: Sie zündeten ein Kaufhaus an, dreihundert saturierte Bürger beenden ihr aufregendes Leben. Und Brüssel wird Hanoi.“ Der Text mündete in dem berühmt gewordenen „Burn, warehouse, burn!“

Die öffentliche Empörung über die Kommuneflugblätter war groß. Ein anschließendes Gerichtsverfahren gegen Fritz Teufel und Rainer Langhans wegen „Aufforderung zur Menschen gefährdenden Brandstiftung“ endete jedoch mit Freispruch. Das Gericht wertete die situationistische Aktion als politische Satire, „bei jeder satirischen Schrift ist ihre Anstößigkeit gegeben, ja mit bezweckt“, lautete damals die Begründung.

Friedrich Teubner bewältigt den Brüsseler Kaufhausbrand derzeit nicht nur, indem er im Stadtraum eine Fährte legt, den Satz „Warum muss der Sohn betteln“ oder eine Art Gebell: „Hey Schweine! Brauch Geld!!!“. Seit einigen Monaten versucht er auch mit massiven Drohanrufen Bekannte zu erpressen. Um seinen Geldforderungen Nachdruck zu verleihen, sind diese Telefonate von Sachbeschädigungen begleitet. Teubners Adressaten sind sämtlich aus der linken Szene, vornehmlich Frauen.

Seit Betroffene den Berliner Krisendienst und den Sozialpsychiatrischen Dienst alarmiert haben, radikalisieren sich Teubners Aktionen. Auf Anrufbeantwortern hinterlässt er Sätze wie „Ich mach Hackfleisch aus dir!“ oder „Jetzt wird Blut fließen“. Bisweilen schmeißt er mit Steinen auf Fensterscheiben und Passanten. Dem Sozialpsychiatrischen Dienst sind indes die Hände gebunden, solange sich eine psychisch auffällige Person, wie im Falle von Friedrich Teubner, einer ärztlichen Begutachtung entzieht. Inzwischen laufen etwa 30 Anzeigen gegen Teubner bei der Polizei, eine Amtsrichterin und die Staatsanwaltschaft sind mittlerweile mit der Angelegenheit befasst. Die bedrohten Frauen haben trotzdem nicht das Gefühl, in ausreichendem Maße vor eventuellen gewalttätigen Ausschreitungen Teubners geschützt zu werden.

Wer Friedrich Teubner selbst am Telefon nach einer Erklärung für sein Verhalten fragt, erhält von einer krächzenden Stimme Antworten, die er so ähnlich oder identisch auch schon vor sechs Jahren gegeben hat: „Ich will Geld für Schuhe.“ Überhaupt sei das Ganze ein „ziemlich dickes Ding“, mindestens drei Bücher könnte man damit füllen. Und man solle die schwarz angezogenen Menschen fragen, was es mit den „deutschen Teufeln“ auf sich habe. „Ist dir im Fernsehen noch nicht aufgefallen, dass sich die Farben verändert haben?“

21.9.2001 taz Berlin lokal Berlin 164 Zeilen, KIRSTEN KÜPPERS S. 22

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Ist der Himmel dunkel, sehen die Bäuser viel besser aus.

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Mir persönlich ist der Wind zu kalt. Was da rumwehr ist übrigens ein abgetakeltes Papierflugzeug, das in seinem früheren Leben einmal ein Gewerkschaftsplakat war.

Außerdem hatte mich der schöne Beton & Garten – Blog eben an jodi.org zurückerinnert.

1 Kommentar

  1. irre geschichte aus dem berliner untergrund.die stadt hat viele augen und ohren.r