Die Reise

von Detlef Kuhlbrodt

Vor zwei Wochen hatte ich über eine Lesung aus dem bei Suhrkamp erschienen Buch “Schicht” geschrieben. Der Moderator der Veranstaltung hatte irgendwann Jörg Schröder vorgestellt und dabei an das “schöne” Buch “die Reise” von Bernward Vesper erinnert, dass Ende der 70er Jahre im März-Verlag erschienen war. Ich hatte also geschrieben, dass “schön” die völlig falsche Bezeichnung für einen unvollendeten Generationsroman ist, über dem sich der Autor das Leben genommen hatte (das Buch war fast fertig; der Autor dann tod), dass ich Anfang 2006 noch einmal versucht hätte, “die Reise” zu lesen und dass das es gar nicht mehr gegangen wäre; dass ich nach hundert Seiten oder so wieder aufgehört hätte zu lesen, weil mir “die Reise” plötzlich fast unerträglich war.

Der Musiker H. P. Daniels hatte dann einen Kommentar geschickt; darin geschrieben, dass die ersten hundert Seiten vielleicht mühsam zu lesen wären, man müsse danach aber weiter lesen, denn “dann wird es eins der interessantesten und irrsten Bücher über die Nachkriegsgeneration, das “Erbe” von Nazi-Vätern, Studentenbewegung, APO, Drogen etc. etc. …. alles, was damals bewegt hat”.

Ich hatte geantwortet, er hätte mich missverstanden: ich hatte das Buch ja als Teenager mehrmals gelesen; nur jetzt ging es eben nicht mehr.

Und er hatte geantwortet, er hätte das Buch einmal, also vor fast dreissig Jahren gelesen.

Das ist der Punkt. Die meisten, die “die Reise” bei Gelegenheit rühmen, haben das Buch glaube ich zuletzt vor 30 Jahren gelesen und halten es so hoch, weil es der einzige groß angelegte 68er Roman ist.

“Das schlechthin gültige Buch über Bewusstsein und Befindlichkeit der deutschen Nachkriegsjugend, eine Autobiografie von “bizarrer Schönheit, wild, chaotisch … Es ist der Roman einer aufbegehrenden, wütenden Jugend” (Der Spiegel). Für Peter Weiss “der intellektuelle Höhepunkt der Bewegung des Jahres ’68″. “Der Nachlass einer ganzen Generation” (Weltwoche), wie es auf der Seite des März-Verlages heisst.
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Das mag alles richtig sein, unterschlägt aber, dass “die Reise” vor allem auch Ergebnis und Protokoll des gescheiterten Versuchs ist, mit der eigenen Verzweiflung, den eigenen Störungen (die in “die Reise” immer auch gesellschaftliche sind), der eigenen Familiengeschichte, zurechtzukommen; sich schreibend zu kurieren.

Auf LSD zu versuchen, die eigenen zerstörerischen Prägungen zu überwinden.
Den Trip in den Mittelpunkt des Buchs zu stellen und behascht an den Teilen des ausufernden “Roman-Essays” zu schreiben. Zu meinen, so in einen unblockierten, wahrhaftigen Stream-of-Consciousness-Flow kommen zu können.
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In den Fußnoten dann immer so buchhalterisch genau zu vermerken, unter welchen Drogen einzelne Teile geschrieben worden waren. (ein Nietzscheanische, manieristischer Materialismus sozusagen)
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So ganz arbeitsethisch im Grunde genommen, Drogen vor allem als Arbeitsmittel im Dienste der schreibend zu ermittelnden Wahrheiten zu verwenden. Ein verführerisches Konzept, dass den Rausch an die Arbeit und die Arbeit an den Rausch verrät.

Aber völlig falsch.
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In der Generation von Vesper waren Drogen auf diese Weise ideologisiert; als Produktionsmittel und als Mittel zur individuellen “Bewusstseinserweiterung”, die der gesellschaftlichen Revolution vorangehen müsse. Leuten, die Drogen allein um des Rausches willen verwendeten, waren suspekt. Sich zu vergnügen war verpönt.

Bei Vesper führte das LSD dazu, dass er seine Mitmenschen als “Vegetables” wahrnahm.
Ecstasy hatte in den neunzigern dazu geführt, dass wildfremde Leute einander umarmten.
Die Entideologisierung illegaler Drogen schien mir damals ein großer Fortschritt zu sein.

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“Die Reise” ist vermutlich tatsächlich der wichtigste deutsche Roman über 68ff., aber eben auch ein obszönes Buch.

Lebenstechnisch wäre es für Vesper möglicherweise besser gewesen, wenn er einen guten Psychoanalytiker gefunden hätte, anstatt zu versuchen, sich schreibend zu kurieren. (so kam es mir jedenfalls als Leser vor)

“Die Reise” war auch deshalb so erfolgreich, weil sich der Autor das Leben nahm. Als Teenager hatte man das Buch – und den Autor – auch deshalb so toll gefunden; so nach dem Motto: hier hatte es jemand wirklich, richtig ernst gemeint.

Von den 68ern und 70er-Jahre-Linken war Vesper vielleicht so begeistert adoptiert worden, weil er durch seinen Tod stellvertretend gezeigt zu haben schien, wie fürchterlich die Spannungen waren, unter denen die ehemaligen Linksradikalen damals standen und die dazu führten, dass sie auch kurz mal die RAF toll fanden.

Dass viele tazler in den Anfangszeiten der taz so viel bei der Arbeit kifften hat glaube ich auch mit so einem hohen inneren Anspannungsniveau zu tun, unter dem sie standen.
Die Rezeption über die Jahre war auch ganz interessant: in dem Film “die Reise” (1986) wird das Drogenthema, das im Zentrum der Reise steht, heruntergefahren (der Held raucht einen kleinen Joint, nachdem der Sohn endlich eingeschlafen ist, um sich besser seinen Erinnerungen überlassen zu können); 2005 erschien dann ein kleines Büchlein von Henner Voss (‘Vor der Reise’, Erinnerungen an Bernward Vesper (edition nautilus), der zwischen 1959 und Mitte der sechziger Jahre mal (da waren beide Anfang 20) mit Vesper befreundet gewesen war.

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In diesem ausgesprochen widerwärtigen, denunziatorischen Buch beschreibt Voss, was für ein verwöhnter, gestörter Idiot Bernward Vesper in seiner Jugend gewesen und wie gewandt, klug, reif und gebildet er dagegen als junger Mann gewesen wäre.
Völlig unglaublich; dass jemand mit 63 noch so neidisch auf den posthumen Ruhm eines Jugendfreundes ist, dass er ihn noch 36 Jahre nach dessen Selbstmord meint, denunzieren zu müssen.


Ein Kommentar zu "Die Reise"

  1. Danke
    der Roman ist nicht lesbar. Stimme komplett zu

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