Arbeitsprotokoll Rauchen

von Detlef Kuhlbrodt

Ein paar Zigaretten mit Friedrich Kittler
20. Dezember, mittags

Hier noch einmal das Gespräch mit Friedrich Kittler, mehr oder weniger ungekürzt, wenig bearbeitet; ich hatte nur mich dann ziemlich rausgekürzt ….
Ursprünglich war das Gespräch einseitig für den Berlin-Teil geplant gewesen; als Teil einer Serie mit lockeren Unterhaltungen über’s Rauchen, ist dann aber doch recht lang geworden. Und war dann in einer zweiseitigen Version im Kulturteil.
Es geht dabei nicht so sehr um für oder gegen Rauchen, sondern um kulturgeschichtliche Anmerkungen.
Dass es sehr anekdotisch geworden ist, lag an der ursprünglichen Vorgabe – „mach mal so ein lockeres Kneipengespräch, rauchend über’s Rauchen“ – die sich so natürlich nicht erfüllen ließ; die eigene Rolle im Gespräch war so ein bißchen verkompliziert.
Die Anekdoten sind eigentlich kleine Lehrgeschichten oder Skizzen kleiner Erzählungen.
Wer ein oder zwei Bücher von Kittler kennt (ich hatte „Grammophon, Film, Typewritter“ begeistert am Anfang meines Studiums gelesen), wird sich glaube ich auch an den kittlerschen Leitmotiven freuen, dass die verschiedenen Medien und unterschiedlichen Fortbewegungsmittel ihren Auftritt haben usw.
Als ich das Band abgetippt hatte, hatte ich eigentlich erst richtig mitgekriegt, wie gut und völlig schlüssig Friedrich Kittler improvisiert hatte, wieviele Themen er angeboten hatte.

Kittlers Geschichten sind eher melancholisch, finde ich.
Es gab gleich ein paar teils ganz böse Kommentare. (auf taz.de und am Ende von Helmut Höges Blog) Als ich sie las, dachte ich: wahrscheinlich ist es einfach so, dass die meisten Leserbriefschreiber denken, es gehe in allem um Meinungsbataillone, die in die Welt gesendet werden und dann versuchen sie den Meinungsbataillonen ihrer Wahl halt zur Hilfe kommen und übersehen dabei unter anderem, dass die Schlacht sozusagen ja schon geschlagen ist und man als …äh… unterlegene Seite und guter Verlierer, halt noch versucht, die Übergabe hinauszuzögern … sozusagen

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Rauchen in Helsinki

Mir gefiel es sehr gut, dass sovieles angetippt wurde, wie bestimmte Motive immer wieder auftauchen.
Als ich’s abtippte, schämte ich mich ein bißchen, dass ich nicht die Zeit gehabt hatte, mich besser vorzubereiten. Bei bestimmten Punkten müsste man noch mal nachfragen. (Das ist ja auch alles Stoff für mehr als ein Semester eigentlich)
Mich selber hab ich kursiv gedruckt.

… Rauchen Sie schon immer Benson & Hedges?

Seitdem ich die in England als einzige richtig normal lange entdeckt habe. Das ist schon Ewigkeiten her. Da war ich 17 oder 18. Da gab es so wahnsinnig kurze Zigaretten (Camel oder Navy Cut) und Benson waren die einzigen, die lang genug waren. Da fand ich sie ganz toll und hab sie beibehalten mein Lebtag lang.

Ich hab mit 15 angefangen zu rauchen und Camel-ohne waren die Einzigen. In den siebziger Jahren waren die sehr beliebt. Jedenfalls hatten alle, die ich gut fand, Camel-ohne geraucht.

In Südbaden, wo ich groß geworden bin, haben die meisten Rothhändle geraucht. Die wurden in der Nähe hergestellt, wo das Gymnasium stand. Die waren mir aber zu schwarz.

(Fotograf kommt…)

(sinnt vor sich hin)…. Ich weiss nicht, wieso ich so müd bin – diese Woche ist ganz schrecklich. Ich war die letzten Wochen ständig verreist und heute drei Termine ….

Komische Zeit. Ich schlaf plötzlich auch so schlecht, wach dann auf und rauch erst mal eine.

Ich schlaf wie ein Bär, manchmal wach ich auch auf und dann wird gleich gequalmt.

Ich hatte mal einen LKW-Fahrer kennengelernt. Der hatte soviel geraucht, dass er in der Nacht, immer automatisch geraucht hatte. Der ist alle anderthalb Stunden in der Nacht aufgewacht und hat dann automatisch, im Schlaf, geraucht.

Und ist nicht verbrannt im Bett … .Ingeborg Bachmann soll es ja geschafft haben. Manche Leute behaupten zwar, sie sei umgebracht worden, aber die offizielle Version ist ja so. Dass sie im Bett geraucht hat. Unbegreiflicherweise im September, im heissen Rom, ihr Nylonnachthemd – warum sie das überhaupt getragen hat, ist mir völlig schleierhaft – in Feuer gesteckt hat … Und Nylon ist dann so ein Nessoshemd. Drei Wochen haben sie dann versucht, sie zu retten. Dann ist sie doch gestorben.
…..
….

Das Frühstücksfernsehen hatte mit mir was vor sechs Wochen gesendet. Da waren wir sehr fantasievoll.

Es ging darum, dass früher alle Intellektuellen eigentlich ununterbrochen im Fernsehen geracuht hatten, nicht wahr?

Und dann wollte er wissen, was wir denn unter den Bedingungen des Rauchverbots machen und ich hatte gesagt, ich würde nicht mehr ins ZDF gehen. Es war sehr lustig.
(….)
Früher haben alle geraucht.

Auch im Kommissar. Alle haben ununterbrochen geraucht und komische Brillen getragen.

Jedes Laster braucht ja auch seine mediale Präsentation. Das setzt sich dann durch. Man raucht im Fernsehen, also fangen die 15jährigen damit an, das nachzuahmen, weil sie erwachsen sein wollen.

Aber das gehört schon zur Nachkriegszeit und wichtiger ist, dass die Zigaretten ausgeteilt worden sind, bevor man zum Angriff befohlen wurde im zweiten Weltkrieg. So war es auf allen Seiten. Auch bei der Roten Armee. Dass die eben mit Schnaps und Zigaretten beliefert worden sind, um anzugreifen.
Zigaretten wecken ja auch wirklich ein bißchen auf.
Der historische Grund, dass es überhaupt Zigaretten gibt. Angeblich ist das ja alles im Krimkrieg entstanden; dass die Engländer und Franzosen auf der Krim gelandet sind und eher noch aus der Kultur der Zigarre und der Zigarillos kamen, während die armen russischen Muschiks schon damals ihre Papyrossi rauchten. Dann hat sich das wie immer vom Feind übertragen und dann gibt es noch diese hinreissende Geschichte: man gibt nicht zwei Leuten ausser sich selbst Feuer war die Regel – man gibt nur einem Feuer. Erst dem anderen; dem Bekannten, und dann sich selbst. Und die Erklärung dafür war: wenn man das im Krimkrieg, 1853, so gemacht hätte; also zwei Leuten ausser sich selbst Feuer zu geben, wäre beim ersten Feuergeben erkannt worden, dass überhaupt Feuer benutzt wurde; beim zweiten Feuergeben hätte der Gegner angelegt und beim dritten geschossen. Der Dritte war dann immer tod.
Ich weiss nicht, ob die Geschichte stimmt – ein schönes Märchen eigentlich.

Es gibt ja noch das Märchen, dass man sich nicht an einer Kerze eine Zigarette anzünden soll, weil sonst ein Seemann stirbt. Keine Ahnung woher das kommt. Vielleicht, weil das Paraffin so giftig ist.
Einerseits: Rauchen, um erwachsen zu sein.
Andererseits:
Der größte emanzipatorische Erfolg, den wir in der Schülervertreung hatten, war die Einrichtung einer Raucherecke. (besser: dass wir im SV-Zimmer rauchen durften)

(Ich wach langsam auf)
Bei mir hatten die Männer alle geraucht. Frauenrauchen galt als völlig ungehörig als ich groß wurde. Aber mein Vater hatte geraucht, mein 20 Jahre älterer Halbbruder hatte geraucht. Der kam halt aus der Kriegsgefangenschaft und hatte deshalb wahrscheinlich seinen unendlichen Zigarettenbedarf. Dass heute so viele junge Frauen rauchen, ist ein dramatischer Trend, den ich mir nicht erklären kann.

Auf der Straße sieht man so viele junge Frauen rauchen.
Auf-der-Straße-Rauchen ist ja auch eine Sache, die etwas tabuisiert ist.
Im Unterschied zu dem In-den-eigenen-vier-Wänden-zu-rauchen.
Auf der Straße rauchen vor allem die siebzehn- bis neunzehnjährigen jungen Frauen. Ganz demonstrativ. Das wäre damals unmöglich gewesen.
Meine Liebste hat zehn Jahre gebraucht nach mir,bevor sie dann geraucht hat, (sich das Rauchen anzugewöhnen) und hat es jetzt längst wieder aufgegeben.

Helsinki. Ich war vor fast zwei Jahren im Winter in Helsinki gewesen und hatte dort eine Freundin besucht. In ihrem Haus war das Rauchen verboten, mit der Begründung, dass der Rauch dann in andere Wohnungen kriechen könnte. Oft sah man dann auf der Straße oder vor Hauseingängen Rauchergruppen.

Aber das schmeckt dann doch gar nicht; draussen im Kalten im Winter in Helsinki … Zigaretten setzen eine bestimmte Mindesttemperatur voraus und auch eine gewisse Absenz von Zugluft.
Oder waren die Raucherecken wenigstens überdacht?

In den Tagen, als mir das aufgefallen war, war es sehr kalt gewesen, aber eher windstill. Ich bin also morgens dann immer in einen kleinen verschneiten, schön aussehenden Park gegangen, um zu rauchen. (….) Und diese Zigaretten hatten mir unglaublich gut geschmeckt. (Vielleicht aber auch, weil wir da schon gemerkt hatten, dass aus unserer Affäre nichts werden würde)

Wegen dem Verbot?

Nein. Ach vielleicht war es einfach so, weil ich da schon gemerkt hatte, dass aus unserer Liebesgeschichte nichts werden würde. Es waren also ein paar Trennungszigaretten (nicht die berühmten, schönen Zigaretten danach… ), die mir da so gut geschmeckt hatten. Diese morgendlichen Zigaretten haben ja auch noch so leichte Drogenwirkungen; wie die Zigaretten, die man als Teenager geraucht hatte. Dass einem ein bißchen schwindlig wird und dass einen dieser Schwindeln dann wieder mit dem Traum oder der Nacht verbindet., aus der man grade kommt und das hatte ich da sehr genossen.

Ich hab auch einmal, um eine Frau wieder zu gewinnen, drei Monate nicht geraucht und musste dann nach Kalifornien fliegen. Die Vorstellung, nun drei Monate lang weg zu sein, war so aufregend, dass ich gleich wieder eine angesteckt hatte. Und bin dann auf diesem halbgepackten Koffer gesunken mit Schwindelanfällen und hab gedacht: würde denn nicht auch eine Zigarette pro Tag reichen, wenn man sich enthalten könnte, würde man jeden Tag diesen wahnsinnigen Schwindel erleben, den man gar nicht mitbekommt, wenn man eben viele am Tag raucht. Dann ist das so eingespielt, dass man eigentlich gar nicht, diesen Effekt hat.

Als junger Mann hab ich wahnsinnig gerne “Dorian Gray” gelesen von Oscar Wilde und da steht dieser Satz: “die Zigarette ist der vollkommene Genuss, weil sie unbefriedigt lässt”. Das stimmt aber gar nicht, sondern ist aus der Sicht eines Kettenrauchers formuliert. Wenn man viel raucht, läßt die Zigarette unbefriedigt; raucht man aber nur eine, erschlägt sie wie jede andere Droge eigentlich. Aber im Unterschied zu den anderen Drogen, die verboten sind oder verpönt, war das Zigarettenrauchen eben bis jetzt in der Öffentlichkeit erlaubt und es hing kein Tab drüber.
Vielleicht wird das sehr witzig ab erstem Januar, weil die Zigaretten dann so verboten sind, dass sie weniger geraucht werden und mehr wieder als Drogen erfahren werden; das wäre das einzige Positive, was ich diesem schrecklichen Rauchverbot abgewinnen könnte; ansonsten sehe ich da überhaupt nichts Positives.
Ich verstehe nicht, was der Staat für ein Recht hat, sich in solche Dinge einzumengen. Am Sonntag sagte eine kluge Frau: die Welt ist eigentlich immer in Balance und wenn weniger Zigarettentodesarten auftreten, dann fressen die Leute mehr und werden dick und kriegen mehr Diabetes – auf jeden Fall; dei Summe der Todesarten bleibt strukturell auch für die Krankenkassen gleich, also auch die Kosten des Todes. Der Tod ist sowieso unvermeidlich. Insofern besteht in thanatologischer Hinsicht schon kein Grund, das so zu machen; aber ich finde auch in moralischer und ethischer Hinsicht. Seit wann sind denn Staaten, vor allem Rechtsstaaten und demokratisch freie Staaten, legitimiert, solche Eingriffen in das Privatleben und Verhalten der Menschen zu machen?

Es muss schrecklich an den klassischen Strukturen der Höflichkeit und des Respekts und der Zurückhaltung gedreht worden sein, um überhaupt solche Eingriffe möglich zu machen.

Ich komm jetzt auf meinen Taxifahrer, von dem ich ja alles weiss, was das Volksleben angeht – sonst weiss ich ja nichts vom Volk ausser aus Büchern und so. Bis vor zehn Jahrern oder so war Taxifahren juristisch gesehen ein Akt, in dem der Taxifahrergast sich für zehn Minuten dies Gehäuse mietet und deshalb in den Grenzen des allgemeinen Anstands und des Strafgesetzbuches, gehörte dies Taxi mietweise ihm für die Dauer der Fahrt und deshalb konnte er rauchen, wann immer es ihm beliebte. Und das ist so geändert worden, dass das Taxi jetzt quasi dem Staat gehört und als öffentliches Verkehrsmittel per Taxifahrer vom Staat quasi zur Verfügung gestellt wird, aber alle Rechte bleiben beim Staat, der dies öffentliche Verkehrsmittel wie alle anderen ausgibt.
Erst auf Grund dieses Irrsinns, dass man nicht mehr Herr ist über das aktuelle Verkehrsmittel – Bundesbahn usw. – Herr Mehdorn freut sich ja teuflisch, dass er uns jetzt endlich das Rauchen auch generell verbieten darf.
Und das Ganze kommt natürlich aus Amerika und ist deshalb überhaupt nicht verwunderlich – so wie die US-Anti-Terror- oder Terrorgesetze – eben klammheimlich weltweit auch ausgedehnt worden sind, so scheint das auch funktioniert zu haben. Das weiss ich jetzt nicht vom Taxi, sondern von der Air France.

Wir mussten mal nach Buenos Aires fliegen. Ein Raucher und eine Raucherin. Wir fanden den Flug furchtbar lang. Dann haben wir eben gehört, dass die Air France immer noch kleine Raucherecken hatte, auch in der Bussiness-Class. Dann haben wir unser ganzes Geld zusammen gerafft und haben einen Economy- und einen Bussiness-Class-Sitz gekauft und wollten uns dann so abwechseln. Und als wir einstiegen, hieß es, gerade dieser Jumbo-jet sei noch nicht mit der neuen, von der Air-France konstruierten Raucherecke ausgerüstet.
Auf dem Rückweg war wieder alles okay; da konnte ich dann rauchen mit den Stewardessen, die alle qualmten in dieser Raucherecke. Und dann hatte ich mich beschwert und gesagt, dass ich eben extra diesen Bussiness-Class-Sitz gekauft hätte, um rauchen zu dürfen und dann wurde die Chefstewardess so hochnäsig und arrogant, dass sich ein älterer Steward – mit so einem reizenden Moustache – geärgert hat. Und er fing in einem eleganten Französisch an: “Je m’excuse” – Ich entschuldige mich im Namen der Air France, ich entschuldige mich im Namen Frankreichs, der République française, und es tue mir wahnsinnig leid und hoffentlich kriegen Sie auf dem Rückflug die Ihnen versprochene Raucherecke, die ich dann ja auch bekommen hab. Und ich solle doch bitte nicht glauben, dass das vom Gesichtspunkt der Hygiene, des Verbraucherschutzes, oder dass die Air France an den Putzkolonnen sparen würde, in dem sie das Rauchen verbietet, sondern es gebe einen einzigen Grund auf der Welt und das seien jene besagten New Yorker Anwälte, die bekanntlich immer aus der Mücke einen tödlichen Elefanten machen; also irgendeine Amerikanerin klagt die Air France an, dass sie zehn Jahre nachdem sie mit der Air France geflogen sei und zehn Meter vor ihr hätte ein einziger Fluggast eine Zigarette angebrannt und deshalb sei sie eben jetzt an Lungenkrebs erkrankt. Und da kommt ein Anwalt und bauscht diesen Fall so auf, dass sie gewinnt und Millionen Dollar an Schadenersatz bekommt und selbst die Air France sei nicht reich genug, um solch einen Prozess zu gewinnen, indem sie einen noch new-yorkerischen Anwalt engagiert.
Von der Air France hab ich dann auch noch erfahren, dass die Amerikaner allen Fluggesellschaften die Landerechte innerhalb von Amerika abgesprochen haben, die überhaupt noch Rauchersitze an Bord haben. Und dann haben das alle übernommen und die Lufthansa auch und Mehdorn und seine idiotische deutsche Bahn, die verstehen sich ja eh schon als ein Luftfahrtunternehmen auf Rädern, weil sie die Sitze ja nicht mehr so bauen, dass Menschen miteinander sprechen können, wie früher in der Kutsche, sondern alle sitzen, wie im Flugzeug, nacheinander aufgereiht und die Illusion, man fliege, ist ja sozusagen das Werbeversprechen des ICE.

Man soll sich eben eingeschränkt fühlen; man soll als guter Manager nicht rauchen.
Das Rauchen gehört ja inzwischen zu den strikt proletarischen und femininen Tätigkeiten.
Man ist Manager, insofern man nicht raucht.
zumindest indem man so tut, als würde man nicht rauchen.

Als das ZDF-Morgenmagazin das Problem hatte, einen bekennenden Raucher zu finden, haben sie natürlich zuallererst an Helmut Schmidt gedacht. Dann haben sie ihn angerufen und dann hat Schmidt gesagt: “Ich mache gerne einen Auftritt kurz vor Mitternacht, aber Morgenmagazin ist mir einfach zu popelig.”
Und dann haben sie weiter überlegt, wen sie als bekennenden Raucher in ihre Sendung kriegen können und dann haben sie Herrn Steinbrück gefragt und dann haben sie Herrn Müntefering gefragt und dann haben sie Herrn Steinmeier gefragt. Und die haben alle drei abgelehnt, weil sie sich nicht outen wollten.
Dadurch hab ich ja erst erfahrern, dass die Rauchen.
Und wenn sie interviewt werden, rauchen sie eigentlich Kette, aber immer mit der einen Hand hinter dem Rücken.
Vor Aufregung, weil sie alle nicht besonders eloquent sind; im Unterschied zu mir. (lacht) Sondern einfache, proletarische SPD-Mitglieder. (kichert)
Und dann blieb quasi nur noch ich in Berlin.

Mir ist eine Parallelgeschichte auf einem Air-France-Flug von Bangkok nach Paris passiert. Irgendwie konspirativ hatte da eine Raucherecke von zwei bis drei Uhr nachts aufgemacht. Vor der Bordkombüse …

Genauso war das bei mir. Die Raucherecke war zwischen zwei Vorhängen.

Da durften nicht mehr als zwanzig Leute rauchen und das Gespräch ging nur um den amerikanischen Kultuirimperialismus.Auf eine elegante Art wurde gegen Amerika gewettert.

Die Franzosen haben eben die Fähigkeit, Doppelleben und Doppelmoral zu leben. Die Amerikaner sind zu dumm dazu. Aber sie leben natürlich trotzdem Doppelmoral.
(…) Richard Klein scheint ein großer Neuphilologe in Amerika zu sein. Und dieser Richard Kline hat ein schönes Buch geschrieben während er sich das Rauchen abgewöhnte mit dem Titel “Cigarettes are sublime”. (erhaben) Und dies Buch fängt an mit dem Knalleffekt, dass er Zigaretten liebt und sie sich aus Liebe zu ihnen abgewöhnt. Und den doppelten Knalleffekt, dass er die Zigaretten jetzt nur noch ideell verehren will als erhaben. In der Kritik der Urteilskraft schreibt Kant ja, dass man das Erhabene im Gegensatz zum Schönen nicht haben kann, sondern nur verehren in der Abszenz und Ferne. Dass die Zigaretten ihm suspekt geworden seien an dem Tag, an dem er in der New York Times am selben Tag zwei Meldungen gelesen habe: Erstens: habe der amerikanische Senat erste Maßnahmen hinsichtlich eines Rauchverbots eingeleitet und zweitens habe der selbe Senat am selben Tag den Tabakpflanzern in Virginia noch mehr Subventionsgelder bewilligt. Also auf der einen Seite Verbot, auf der anderen Seite Übertretung des Verbots, um diese herumwandelnde, unlebbare Paradoxie zu produzieren.

/Olympic Airways …. war die letzte Raucherline … /

Man muss glaube ich Raucherclubs gründen – das machen die in den USA ja schon. Aber ich weiss auch nicht, ob es dann so schön ist, wenn alle immer qualmen. Auf dem Flughafen München wird man in so ein eisernes, gläsernes Gehäuse reingesperrt Da sind vier Aschenbecher und um jeden dieser Aschenbecher stehen vier, fünf Leute. Und die Aschenbecher quellen immer über und es ist kaum Luftzug drin, es stinkt wie die Pest und man ist froh, wenn man wieder raus ist. Im Flughafen von Tokyo ist es ähnlich.

Die Japaner haben ja diese wahnsinnige Idee was soll man sagen; das ist glaube ich einer der wesentlichen Nichtrauchergründe dort – man soll den internationalen Touristen keinerlei Zeichen geben, dass man leidenschaftlich raucht – was die Japaner aber eigentlich tun – und deshalb ist man an diesem Flughafen so zusammengepfercht und es gibt keine offenen Raucherecken wie in Berlin.
Ich landete in Japan – das ist kein halbes Jahr her – und als allererstes bekam ich von den Studentinnen, die mich abholten, so ein kleines Plastiksystem – und zwar gleich zwei von denen – von denen geschenkt mit Staniolpapier ausgeschlagen und einem Druckknopf. Man darf zwar rauchen auf der Straße in Tokyo, aber man muss dringend die Kippe da reinmachen und den Druckknopf zu, damit die Straßen so aussehen, als wenn kein Mensch in Japan rauchen würde.
Wenn man auf die Dörfer geht, gilt das alles nicht mehr. Da sieht man, wie die Japaner rauchen.
Nach aussen ist so eine puritanische Idee von Straßensauberkeit dahinter.
(….)

Ich hab einen Freund, der trinkt keinen Schnaps, sondern nur Wein und raucht nicht. Weil er sich sagt, die Griechen hatten Wein, aber keinen destillierten Schnaps; die Griechen hatten keinen Tabak, also kann ich durchaus Opium zu mir nehmen, aber keine Zigaretten, weil das die Griechen in Hellena zum Beispiel gemacht haben, aber eben keine Drogen der Neuzeit. Man kann ja sagen, die Neuzeit beruht auf Feuerwaffen; Feuerwasser und Tabak und kandiertem Zucker statt Honig. Und da hab ich mir überlegt, was ich an meinem Lebensstil ändern müsste, um griechischer zu leben und nicht nur griechisch zu schreiben und griechischen Geist zu zeigen. Und da fiel mir ein, ich könnte doch, Virginia-Zigaretten und Blended-Zigaretten – also dies Gemisch aus Orient und Okzident – sein lassen und könnte mir jetzt wieder Orientzigaretten leisten. Das wäre doch griechischer, als wenn ich Virginia rauchen würde.

Und dann hab ich auch ein tolles Zigarrengeschäft “Whisky & Cigars” hier in der Sophienstraße und da gab es massenhaft Orient-Zigaretten, weil dieser Laden auf teure Wiskys setzt und teure Zigarren und eben auch teure, exotische Zigaretten und geh darein – das war eine Woche bevor Bush-Junior in den Irak eingefallen ist. Und da sagt mir mein Fachhändler – ausgezeichneter Mann mit dramatischer Vergangenheit – und da hielt er in seiner hochdramatischen Wiener Art die Hände über den Kopf, als ich Orient-Zigaretten haben wollte und sagt: Stellen Sie sich vor. Die zwei drei großen britisch-amerikanischern Tabakkonzerne, denen die ganze Tabakproduktion im Wesentlichen gehört, haben ganz mucksmäuschenstill ohne was in die Presse zu geben, beschlossen, alle drei stellen jetzt keine einzige Orientzigarettenmarke mehr her. Und nur die österreichische Tabakwarenmanufaktur hat sich diesem Schritt nicht angeschlossen und deshalb kann ich Ihnen nur noch NIL anbieten. Die gibt es bis heut und ab und zu rauch ich die immer.
Und dann raffte sich dieser Mann zu einem unglaublichen Satz auf, der wirkllich gut in die taz passen könnte, als Statement, Code: „Da haben wir Genusshandelsfachleute seit dreihundertfünfzig Jahren in Europa eine Tabakwarenkultur aufgebaut und diese Affen – also Bush – kriegen es innerhalb von einer Woche fertig, 350 Jahre Kultur mit einem Federstrich abzuschaffen.“

Und das ist ja der Punkt: all diese Anekdoten ranken ja um das Faktum, dass selbst Laster und ungesunde Tätigkeiten eine Kultur zwischen Menschen ausbilden. Zwei Raucher behandeln sich anders, als zwei Nichtraucher; bieten sich Feuer an, haben Aschenbecher und so weiter.

Derjenige freiburger Dozent, dem ich am meisten verdanke (Hugo Ochse), der hatte sich dann hier in Berlin, wo er dann Professor geworden war, vollkommen zurückgezogen, auch aus privaten Gründen, und lebte völlig allein, wie alle seine Bücherhelden, nach der Devise: Gäste empfange ich frühestens nachts um drei. Also: am Tag will ich keinen Menschen sehen. Und dann kam ich dann, nachts um drei, und musste irgendein Signal pfeifen auf der Strasse, weil er nicht wollte, dass das jemand ausnutzt – ich musste mich quasi akustisch ausweisen. Und dann kam er runter und hat die Tür aufgeschlossen (irgendwo in Dahlem) und dann kam ich hoch – vier Treppen – und da lag – schon aufgemacht – eine volle Schachtel Benson & Hedges vor dem Sessel, in den er mich hineinbat.
Also er hatte überlegt, wie er Kittler empfängt und wusste noch ganz genau, was ich rauche, und wir hatten uns zwanzig Jahre nicht mehr gesehen und er wusste es immer noch. Das war eine Form der Höflichkeit, die man mit solchen Gesten herstellt und diese Form der Höflichkeit wird uns jetzt sozusagen – zumindest in der Öffentlichkeit – entwendet.

Ich hatte mit Rainald Goetz darüber gesprochen. Obwohl er eigentlich nur abends raucht, war er viel erregter und erboster über die kommenden Rauchverbote als ich eigentlich. Und hatte gesagt, er müsse jetzt eigentlich unbedingt mehr rauchen. Das sei jetzt ganz wichtig. Er hatte das auch vor allem mit dem kommunikativen Moment des Rauchens begründet.
Es war ja auch in der Universität so, wenn man neu war, in den Pausen. Bei den Rauchern bildete sich dann so eine gesprächige Traube.
Egalitär. Die Besuche bei meinem Opa. Er hatte mir immer genau fünf Zigaretten hingelegt. Wir hatten gar nicht viel geredet; nur zusammen Zigaretten geraucht und Sportschau geguckt. Ohne Zigaretten wäre das gar nicht gegangen.

So wie unsere Großeltern Pfeife geraucht hätten. Oder unsere Ur-ur-Großeltern in England, die hätten eben bei Tisch bis zum Nachtisch keine einzige Zigarre angerührt, weil die Damen anwesend sind.
Also absolutes Rauchverbot, so lange die Damenwelt anwesend ist im Salon oder Esszimmer und dann geht man hinüber ins Herrenzimmer und das Herrenzimmer war immer das Raucherzimmer und da gab es dann Zigarre und Portwein.

Weltweit werden Raucherecken so ungemütlich gestaltet wie möglich.
Bei Krankenhäuseren gibt es zwar die absoluten Rauchverbote, aber es gibt auch immer Ausnahmen für die Psychiatrie. Weil die Ärzte den Gesetzgeber hatten überzeugen können, dass der gesundheitliche Schaden kleiner ist, als der therapeutische Nutzen. (es gibt Studien, nach denen Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen doppelt so häufig rauchen, als Menschen ohne psychiatr. Erkrankungen; Menschen in schwierigen Situationen könnten nicht auch noch mit dem Rauchen aufhören, das binde zu viel Willen und Energie. Und bei einigen gehöre das Rauchen auch dazu: «Das Ritual des Rauchens bringt gerade bei Langzeitpatienten Struktur in den Alltag».. Doch nicht nur die Patientinnen und Patienten dürfen weiter rauchen: Im Gericht an manchen Stellen für nervöse Zeugen, Angeklagte und Kläger. In Knast-Zellen

Die Raucherecke in der Psychiatrie in der Charitée sah jedenfalls so aus wie ein sowjetisches Verhörzimmer.

Verhörzimmer ist eine tolle Assoziation. (john Le Carré; Trilogie) …. (45) legt ihm eine Schachtel Zigarette vor dem Gefangenen hin, obwohl er verführt ist, wie der heilige St Antonius. … steckt das Feuerzeug des Verhörers ein …. Das könnte man nicht machen mit einer illegalen Droge; es muss eine legale Droge sein.

Ein Aspekt ist ja richtig; also zu sagen, dass Zigaretten Drogen sind. (also nicht so weit entfernt von Haschisch) … Einige der Gründerväter der taz hatten ja damals ständig Hasch geraucht, beim Schreiben. Kann man sich kaum noch vorstellen …

Es ist gut, dass Sie in Erinnerung rufen, dass ein Rauchverbot ein abstrakter und verunglückter Ausdruck davon ist. Gemeint ist ja ein Zigarettenverbot, aber es wird ständig als Rauchverbot plakatiert. Und oft auch: “Danke, dass Sie nicht rauchen” – so eine unverschämte Wendung, so als ob man da selber zugestimmt hätte. Das Rauchverbot meint ja nicht nur eigentlich Zigarettenverbot, sondern auch Haschisch und alles Mögliche. Alle möglichen Drogen, die man rauchen könnte, die aber überhaupt nicht erwähnt werden, als gebe es sie gar nicht.

Es gibt ja die von Kapielski kolportierte Anekdote, dass in Fixerstuben das Rauchverbot auch gilt, aber das Heroinrauchen erlaubt wäre.
Außerdem ist mir unter haschrauchenden Freunden aufgefallen, dass sehr viele keinen Tabak mehr rauchen; also pur.

Das sollte man festhalten. Wenn man mit dem späten Foucault daran geht, gibt es eine Ethik und Ästhetik der Existenz und dazu gehört eben, dass ein vernünftiger Haschischraucher- oder esser eben nicht gleichzeitig Nikotin zu sich nimmt und nicht gleichzeitig Alkohol dazu nehmen soll. Alle Welt weiss, wie ruinös die Vermengung von Drogen sein kann. Die Horrortrips – zumindest in meiner Erfahrung und in meinem Bekanntenkreis, entsteht eben durch die wahllose Promiskuität des Einnehmens diverser Laster gleichzeitig. Man muss sich dem Laster auch aufschließen und dieser einen Droge ihr Monopol oder ihre Ehre lassen.

Interessant ist auch, dass die Cannabisverbote ja gleichzeitig in den letzten 15 Jahren eher gelockert wurden. (seit Neskovic) In Berlin darf man glaube ich zehn Gramm bei sich haben.

Wir sollten aber noch die wichtigste kommunikative Zigarette erwähnen bevor wir uns beide in die Abszenz absentieren: die Zigarette danach! Wenn zwei langsam aus den Glückszuständen der Orgasmen wieder erwachen und sich eine Zigarette im Bett erlauben, ausnahmsweise, selbst bei Menschen, die normalerweise in ihrem Schlafzimmer nicht rauchen. Das ist so eine schöne Geste und wenn`s die Frau ist, die nach meiner Erfahrung immer weniger raucht, als der Mann und etwas mehr Druck macht, dies Rauchen zu moderieren oder einzustellen, und wenn dann die Frau sagt, “lass uns eine rauchen”, das ist doch einer der schönsten Momente. Das habe ich gerade erleben dürfen, deshalb musste ich das erzählen. (Pause) Und jetzt die einsamen Zigaretten … Das einsame Haschisch ist ja auch was ganz anderes, als das Haschisch in der Gruppe, oder Joint – wie der Name schon sagt – verbindet, indem er wandert im Kreis.

Als ich als Jugendlicher zuhause nicht rauchen konnte, fand ich das eigentlich auch oft schön. Dass man rausgeht, einen Moment für sich hat, eine kleine Pause. Das ist das was man eigentlich erstrebt, wenn man beim Arbeiten zuviel raucht.

Rauchen nicht um zu schreiben, sondern Rauchen mal, um mal nicht zu schreiben.

Das Rauchen am Schreibtisch ist ja wie die alte industrielle Produktion; auch beim Geistesarbeiter raucht es.

Was mich immer beschäftigt hat: die Kürze der Zigarette und im Unterschied zur Pfeife oder zur Pfeife Zigarre; dass es eben sozusagen zur Hektik und Nervosität und damit eben zum Intellektuellen gehört, dass er Zigaretten raucht. Weil er selber muss schneller leben als die anderen, muss schneller schreiben – Jean Paul Sartre und solche qualmenden Existenzen in St. Germain de Près – und da müsste man ein bißchen drüber nachdenken; über die Zeitlichkeit der Einnahme.

Am Schreibtisch soll das glaube ich in einen Fluss führen – diese Verbindungen von Tee oder Kaffee und Zigarette. Wo die Zigarette moderat noch aufputschen soll.

Ein Schluck Schnaps, eine Zigarette, ein geistreicher Aphorismus und dann sind die jungen Existenzialisten von den älteren Existenzialisten ganz begeistert. So macht man Proselyten.

So lief das ja bei den Autoren der Beatgeneration; dass das Denken durch’s Rauchen befeuert werden soll.

Ich würde gern noch mal ein bißchen historisch werden: wenn man Carlos Castaneda und solchen Helden glaubt, dann ist es ja zunächst einmal. Das Rauchen war ein absolut heiliges Ritual und wurde eben von einem Lehrer/Guru überwacht, damit kein Horrortrip auftritt, und es wurde vierzig Tage prämeditiert und vierzig Tage nachmeditiert und es war ein hohes indianisches Heiligtum. Und die Weissen, die jetzt, das Feuerwasser bringen, um das indianische Selbstgefühl auf den Status von Arbeitslosigkeit und Reservaten herunterzufahren, übernehmen von den Indianern eben den Tabak und bringen es wie immer fertig, aus dem heiligen Ding ein profanes Ding zu machen. Es wird also zum profanen Laster und wird nach Europa importiert von Piraten und Gangstern und der Tabak wird unter Staatsaufsicht gestellt und dann im 17ten Jahrhundert werden wahnsinnig viele Gesetze erlassen, wie ich mal irgendwo nachgelesen habe. Dass man also in Berlin und London auf der Straße gar nicht rauchen durfte, weil das als extremer Verfall an indianische, barbarische Sitten galt, und dann – Ende des 17ten, Anfang des 18ten Jahrhunderts, entdecken die Staaten, dass jedes Laster zwar ein Laster ist, aber andererseits – dialektisch betrachtet – eine staatliche Geldquelle. Und dann wird das Rauchen wieder erlaubt und es gibt eine Tabaksteuer.
Die Leute sollen jetzt also rauchen, damit der Staat Geld verdient und deshalb fängt der Soldatenkönig eben an, sein Tabakskollegium einzurichten. Und alle Generäle und hohe Staatsbeamten fangen an – nachdem die Damen gegangen sind – aus diesen langen, holländischen Ton- oder Meerschaumpfeifen zu rauchen und davon – und von dem Postmonopol des preussischen Staats, der sich extra wegen seines eigenen Postmonopols aus dem gesamtdeutschen Postmonopol von Thurn und Taxis ausklinkt, um selber Postgebühren einzuziehen – und daraus wird dann der 7jährige Krieg finanziert. Aus solchen merkwürdigen Steuereinkommen, die ja bis heute die Förderseite des Staats an den Zigaretten sind. Man freut sich also, dass wir rauchen, obwohl wir es eigentlich gar nicht sollen und deshalb werden die Tabaksteuern immer erhöht.
Ein Pfennig hatte glaube ich eine Zigarette gekostet, als ich anfing, die ersten heimlichen Zigaretten mit zehn oder elf bei meinen Freunden zu kaufen und jetzt kostet eine soviel, wie früher eine ganze Schachtel kostete.
Und die Abschaffung der Drei – jetzt haben wir ja nur noch 17 Zigaretten in der Packung – finanzieren, auch hier gleich um die Ecke, das Anti-Terrorzentrum von Herrn Schily in der ehemaligen Treptower Telegrafenbataillonskaserne, ist mir zugeflüstert worden.
Das Anti-Terrorzentrum schlägt sich ja mit den Rändern der Zivilisation herum, mit den Wüsten und Steppen und ölreichen Feldern, der Versorgung der USA mit Kerosin, Petroleum, Dieseltreibstoff usw. – das ist schon eine Art Pynchon-Geschichte. (…)

Wichtig wäre vielleicht ja noch, dass im Zuge der amerikanischen Anti-Raucherkampagnen der Tod geleugnet wird. Es gibt ja nur noch Mord: Cigarette kills. Ob das Opfer, dass dann an Lungenkrebs stirbt, nun 53 ist oder 85. /Dann noch die Herstellung: die Industrialisierung des Lasters oder Genusses/

Ich frag mich immer: was haben die USA davon, dass sie ständig ein Feindbild aufbauen müssen. In der Prohibition das Feindbild des destillierten Alkohols, und jetzt das Feindbild der Zigaretten und des Rauchens und übermorgen ein anderes Feindbild. Die einzige Erklärung, die ich immer finde, ist so eine uralte, historische. Die Leute, die sich von Sir Walter Raleigh nicht anstecken ließen, im England des 17ten Jahrhunderts, zu Zeiten Elisabeth der Ersten, die eben rein, also puritanisch blieben, die hatten es schwer, bevor Cromwell, dieser Verbrecher die Macht ergriff und sind alle nach Amerika ausgewandert und regieren de facto bis heute. Die Mayflower-Familien. Die schicken dann irgendwelche Präsidenten vor, lassen sich von irgendwelchen Milliarden-Banken nach aussen hin vertreten, aber in Wahrheit haben sie immer noch die Kontrolle über ein völlig subjiziertes, unterworfenes Volk, dem immer gezeigt werden muss, dass es unterworfen ist; durch Schikanen; diese endlosen Schlangen, die man hatte, wenn man in JFK landete; jetzt die Schikane der Fingerabdrücke, die die Manager zur Weissglut treibt. Ich flieg eben nicht mehr, ich nehm einfach keine Einladung mehr an, aber ein VW-Manager kann sich das nicht leisten – wenn er nach New York fliegen muss, muss er dahin fliegen und fühlt sich dann wie der letzte Dreck. Das ist eben das Betriebsgeheimnis dieser ältesten Demokratie der Welt.
Man wird in der Economy-Class behandelt wie Schlachtvieh; man steht auf dem Flughafen wie Schlachtvieh und wenn man dann durch ist, die ganzen Zeremonien hinter sich gebracht hat, dann braucht es plötzlich keinen Pass mehr. Innerhalb vom Amerika ist man dann im guten wie im schlechten Wortsinn vogelfrei. Der Pass wird ersetzt durch die Drivers Licence und wenn man dann keine hat, ist man rechtlos. (….)

/USA Marlboroland, Humphrey Bogart, Beatgeneration/

… Das war aber vielleicht doch eine Weise, den Virginiatabak durchzusetzen und dem Orient-Tabak, der ja älter ist, den Boden zu entziehen. ….. Ägyterinnen sollen ja achtzig Zigaretten am Tag rauchen. Aber die sind dann ganz klein und stummelig und werden auch nicht mit Pestiziden behandelt und sind deshalb auch nicht krebserregend. In der paranoischen Welt heisst es ja manchmal, dass es die Spritzmittel sind, die den Krebs machen und nicht der Tabak.

Letzter Satz: Ich muss ja immer meinen Assoziationen hinterherjagen wie andere Leute ihren Rauchwolken. Gottfried Benn schreibt irgendwo, wer wann und zu welchem Zweck die erste Zahnbürste benutzt hat und erwähnt eben auch, dass 1913, mit der Camel – Ihrer Zigarettenmarke – die erste blended Zigarette auf den Markt gekommen ist. Das hat er in den vierziger Jahren aufgeschrieben, diese alltagskulturgesschichtlichen Sachen, dass er völlig überrascht war, dass zum ersten Mal Orient und Okzident in einer einzigen Zigarette zusammengemischt waren nach einem bestimmten Mischungsverhältnis. Das war eben die Camel und deshalb heisst sie nach dem Orient; also nach dem Kamel.
Davor hatte man immer nur entweder Virginia oder Orientzigaretten gehabt.

Es gibt ja auch die Gegenbewegung der nichtbehandelten Zigaretten in den letzten Jahren. Also Manitu, American Spirit usw. , die zunächst mit ihrer angeblichen Unabhängigkeit und der Zusatzgiftfreiheit geworben haben.

Sollte ich vielleicht auch überlegen. Ob das man noch hilft?

Die schmecken nicht unbedingt besser, machen aber ein gutes Gefühl; sind grüne Zigareten sozusagen. Die haben erst in den letzten Jahren größere Marktanteile bekommen, obgleich eine ähnliche Zigarette schon Mitte der 90er Jahre von Reemtsma auf den Markt kam. Das hat damals gar nicht funktioniert. Und jetzt funktioniert es.

Bei Reemtsma kommt man ja gleich auf den Gedanken, dass die ganze Wehrmachtsausstellung ja nur so hat finanziert werden können, weil Reemtsma eben die Wehrmacht mit Zigaretten beliefert hatte und dadurch zum Milliardär geworden ist. So hängt ja die Tabakindustrie auch in Deutschland mit den Weltkriegen zusammen soll man festhalten dabei. Das weiss der Jan Philip Reemtsma natürlich auch, wem er sein Vermögen zu verdanken hat: nämlich den Rauchenden an der Front. (- Chesterfield – )
(….)
Es muss ja furchtbar für Sie gewesen sein, als sich die Rauchverbote in der Uni durchsetzten …

Ich hab in Berlin natürlich auch aufgehört in den großen öffentlichen Seminaren zu rauchen. Aber ich hatte vorgestern mal wieder ein Oberseminar und da rauch ich als einziger. Und meine Doktoranten und Magistranten, die nehmen mir das nicht übel; die kennen mich ja.
Was mich selber wundert an der Uni, dass ich klammheimlich, ohne es selbst zu merken bei der Einstellung von Assistenten und wissenschaftlichen Hilfskräften, schon drauf achte, dass sie zumindest aktive Nichtraucher sind, also das Rauchen dulden. Aber die meisten rauchen.
Das gilt ja sogar für die Frauen, mit denen man zusammen ist. Wenn die Frau das überhaupt nicht erträgt, dass ich rauche, ist es unmöglich mit der zusammen zu sein. Insofern bilden sich auch schon soziale Gruppen heraus.
(….)
Die Utopie der Raucherecke war nicht nur die unterschiedlichsten Klassen usw. zusammenzuführen – die Raucherecke bestand ja auch zu einem Drittel vielleicht meist aus Nichtrauchern, die drum rum standen.

Ich war am Sonntag auf einem großen Geburtstagsfest von einer 60jährigen. Die hatte das ganz schön arrangiert mit Musik und so weiter. Der extra angemietete Saal stand aber unter totalem Rauchverbot. Man hätte nur in dem verregneten Hof nach einer dreistöckigen Fahrstuhlfahrt rauchen dürfen und da hab ich mich beschwert bei der Chefmieterin dieses Saals. Und dann kam heraus, dass sie selber raucht, das Rauchverbot aber strikt aufrechterhalten müsse, sonst würde der Vermieter – irgendeine Immobilienfirma – sie rausschmeissen.
Dann hat sie sich erbarmen lassen und draussen am Ende des kalten Flurs eben paar Aschenbecher aufgebaut, wo es aber auch null Grad hatte oder so. Und dann hat eine Frau – aus der besten Hamburger Gesellschaft – dann so wütend reagiert mit der vollkommen berechtigen Begründung: “Ich möchte rauchen, aber nicht bei minus drei Grad und irgendwo am Ende des Flurs, sondern ich möchte sitzen, ich möchte ein Glas Wein haben, ich möchte meine Zigarette in Ruhe ausrauchen, ich möchte es warm haben. ich möchte in Anstand sterben und rauchen.”
Und das hat die Gastgeberin dann überzeugt; wir durften ab zehn Uhr rauchen. Und eine andere, ebenfalls großbürgerliche Frau, sagte dann: “Ach die Welt … Schauen Sie sich einmal die Kleider an, die die Leute auf den Flughäfen tragen; all diese amerikanischen Jeans und Turnschuhe und das Rauchverbot. Wissen Sie: ich möchte eigentlich gar nicht mehr so lange leben in dieser Welt.”
Die Welt wird so widerlich und gegen meine Ansprüche an Eleganz und Luxus, dass ich gar nicht mehr einsehe, warum ich 70 werden soll.

Es gibt aber auch Gegenbewegungen in der Schweiz. Dass man sich da nun bemüht, Raucherecken angenehm zu gestalten. Die Gestaltung von Raucherräumen wird ausgeschrieben für Künstler. Also Richtung eleganter Rauchersalons. /die Frankfurt-Geschichte … Die haben in dieser Kneipe um zwölf Uhr zugemacht, alle Vorhänge zugezogen und dann einen Aschenbecher auf den Tisch gestellt. Die Zigaretten, die wir dann in geschlossener Gesellschaft zusammen geraucht hatten, hatten besonders gut geschmeckt.

Das hab ich auch einmal in Neapel erlebt. Da legte man zwanzig Euro auf den Tisch und dann kam stumm und nett ein Aschenbecher.

Nichtraucherorganisationen, die Denunziationsvordrucke in’s Netz gestellt haben.

Typisch Nichtraucher! Typisch Moralapostel! … Ich rege mich ja nur über dieses Petzer- und Denunziergehabe auf, die die Moralseite dieser Welt so an sich hat. Dass Nichtraucher ohne Kopfschmerzen aufwachen wollen, kann ich sehr gut verstehen.

Am Bahnhof Friedrichstraße ist die Raucherecke auf dem Bahnhof abgeschafft und der Kerl mit dem Kiosk da ist ganz unglücklich. … und anderswo ist es mit so einem gelben Strich auf dem Pflaster gekennzeichnet, als ob es so der Davidsstern wäre aus den guten alten Zeiten.

2

(Herr Kittler geht kurz in’s Arbeitszimmer, um in seinem neuen Buch was nachzugucken.)

(sein Buch; es geht um Platons Idealstaat, in dem die Dichter verbannt werden, weil sie die Menschen zur Unmoral anhalten: zum Vögeln, Huren, Saufen usw. Deshalb darf da kein Dichter mehr irgendetwas aufführen. Und da schreib ich dann: “dichterfreie Schönstadt. Judenfreies Café. Rauchfreier Bahnhof.” Das eine belege ich mit Platon; das zweite stammt von Henry Miller, der mit seinem Freund in “Stille Tage in Clichy” eine Reise nach Luxemburg macht, das von der Wehrmacht besetzt ist. Und stolz hat da ein Café an sich selbst rangeschrieben: “judenfreies Café”. Miller und sein Freund sind entsetzt und halten das fest. Und dann eben: “Rauchfreier Bahnhof” von Herrn Mehrdorn. Und diese Kombination macht sich ganz gut – was immer verpönt ist: Dichter, Juden und Raucher.

… Ich war mal ein Semester in Basel als Gastdozent. Und mit wahnsinnigem Stolz haben sie mich in einen edlen Bau, ein riesengroßes Haus geführt, dass von Albert Speer 1937 in Basel gebaut worden war. So ein pseudoklassizistischer Monumentalbau. Und das Zentrum dieses Baus war eben ein unglaublich schönes Zimmer mit tiefen Ledersesseln und neben jedem Ledersessel war eben so ein großer Aschenbecher und lauter Zeitungen aus allen Ländern und da setzte man sich eben rein, rauchte und plauderte und trank Portwein oder sowas und las die Zeiung und es war so klar nach dem Modell eines Herrenzimmers gebaut, dass ich mich gefragt hatte, was nichtrauchende Frauen darin machen. Wie die überhaupt mit diesem Zimmer zurechtkommen. Das Gastdozentenzimmer. Und es gab kein zweites Nichtraucherdozentenzimmer oder so.

Eine Kollegin, die eine Weile in Zürich Gastdozentin war, erzählte, dass sie in ein entsprechendes Züricher Dozentenzimmer geführt worden war und der Herr, der sie da hineingeführt hatte, hatte also gesagt: Freuen Sie sich, Frau X, dass Sie überhaupt von mir hier hereingeführt werden, dass Ihnen diese Ehre widerfährt und da hat sie gefragt: “Wieso denn, Herr Kollege?” – Und da hatte er lächelnd gesagt: “Wissen Sie, vor zwanzig Jahren waren hier drei Menschengruppen total verpönt und verboten: Juden, Frauen und Katholiken.” Wer also Jude, Frau oder Katholik war, wurde noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht Professor. Keine Chance.

Ich binde Ihnen keinen Bären auf.
(….)
Wir weissen, kettenrauchenden professoralen Männer haben auch eine Weile eine Tyrannei ausgeübt. Das werden wir wohl zugeben müssen.
(….)
Ich bin am dritten September von Heidelberg zurückgefahren von einem sehr schönen Kongress. Ich hatte mich noch gar nicht darauf eingestellt, dass man in der Bahn nicht mehr rauchen darf. Und es war gräßlich; diese sechs Stunden Fahrt, hin- und zurück. Und als ich dann feststellte, kurz vor Wolfsburg, dass ich in dem Waggon der ersten Klasse restlos allein war. Nachts um elf oder zwölf. Und ich war auch noch einem Abteil, dass man zuziehen konnte. und der Schaffner hatte sich quasi zur Ruhe gelegt, weil er ja auch wusste, dass wir die Einzigen in diesem Waggon sind. Und da hab ich zwei Zigaretten heimlich geraucht und war richtig happy und glücklich. Und kam mir wieder wie fünfzehn vor, wo man noch nicht rauchen durfte.
Und die Klimaanlage wirkte so gut, dass man diese Zigarette nach zehn Minuten nicht mehr riechen konnte.
Eine andere Geschichte auf der gleichen Fahrt.
….Den Schaffner nämlich in meinem Abteil hatte ich schon am Ostbahnhof kennengelernt. Als er in der Raucherecke auf dem bahnsteig stand. Und dann hatte ich die Zeitung dabei und las zu meinem Entsetzen, dass die Pressestelle der Deutschen Bahn eben die Mitteilung durchgab – seit drei Tagen dürfe nicht mehr geraucht werden – und es habe keinerlei Beschwerden gegeben. Das druckte die FAZ kommentarlos auf der Seite “Deutschland und die Welt” ab. Und dann kommt der Schaffner zu mir und kontrolliert mich und ich sage: “Bitte geben Sie der Pressestelle durch, dass das nicht stimmt. Ich protestiere hiermit und bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin.” Und da hat er gesagt: “Da haben Sie recht. Sie sind nicht der Einzige der protestiert, aber ich werde es nicht durchgeben Sie müssen einen Brief schreiben an die Pressestelle. Ich mach das nicht” – Da hab ich gesagt: “Aber Sie sind doch dafür dafür da, dass Sie meine Beschwerde weitergeben an Ihre höheren Stellen.” Da sagt er: “Sind Sie denn wahnsinnig? Ich protestiere und dann sagt mein Vorgesetzter: „Ja, Sie wollen wohl kündigen? Dann dürfen Sie das und sind hiermit entlassen. Was meinen Sie, wieviele Leute sich um ihre Stelle drängen.”
Das ist eine Geschichte, die wirklich in die taz gehört.

Es ist immer alles höheren Orts befohlen. … Auch alle meine Kollegen, die alle nicht mehr rauchen. Das ist alles von der Frau oder vom Arzt oder “im Namen des Anstands” und um kein schlechtes Vorbild abzugeben: es ist immer eine eingebaute höhere Instanz.

… Oder die Nichtraucher, die ich immer anstecke auf den Kongressen … und am dritten Abend haben sie wieder eine Schachtel geraucht und am Ende des Kongresses hören sie dann wieder auf.
Das Suchtverhalten des Mensches ist unergründlich. ….

“Welche Zigarettenmarke schmeckt am besten? – Am besten schmeckt Von-Anderen.”
(…. …. )
209 erobern die Römer Tarrent; eine von Griechen bewohnte Stadt, die offiziell dem Poseidon geweiht ist, insgeheim aber, durch die praktizierten Kulte und Unsitten, der Aphrodite und dem Dionysos heilig. Und dreissigtausend Tarrentiner werden nun verschleppt und versklavt; höchstwahrscheinlich nach Rom. Und kaum ist das passiert, bilden sich Bacchanalien mitten in Rom. Dyonisos wird also gefeiert mitten in Rom. (In Höhlen und Kellern und Diskos und Raucherecken. Die ersten Jahre geht das noch ganz gut, aber dann beschließt die Hohepriesterin des Dionysos oder des Bacchus, dass nur noch Mädchen und Buben unterhalb von 20 Jahren zugelassen werden. Und dann wird Musik gemacht und dann geht es zur Sache. Alle jungen Frauen, die sich weigern, gevögelt zu werden, werden umgebracht, während die Musik dröhnt und alle anderen machen Gruppensex usw. Und das breitet sich aus wie eine Epidemie, wie eine Seuche. /…/ Und das fliegt dann auf, weil ein junger Mann entsetzt ist, dass seine Geliebte nicht mehr mit ihm schläft, sondern viel lieber auf die Orgien geht mit ihm und dann mit allen schläft. Dann meldet er das dem Konsul und der ruft den Senat ein und der Senat ermächtigt dann die Konsulen zu einem berühmten Edikt, das in zwei Bronzetaflen bis heute erhalten ist. Also: Dionysos darf gefeiert werden, aber nur, wenn weniger Menschen als fünf beteiligt sind.
Und die Begründung ist: diese Epidemie als solche, nämlich als Attraktion, die immer weitere Kreise zieht, würde das Prinzip der Wehrpflicht untergraben.
Die jungen Männer würden also lieber zu den Bacchanalien gehen als zur Legion. Das ist die interne Begründung in den Senatsverhandlungen – Fand ich toll!
/Und Nietzsche kennt diese Geschichte gar nicht. Er erwähnt das nirgends in der Geburt der Tragödie.
/…Religio…12:34 . .an den Sitten der Ahnen festhalten. die Sitten, die die Ahnen von den Ahnen übernommen haben … und irgendwann waren sie mal so keusch die Puritaner. Die hat’s zwar nie gegeben, die Ahnen, der Ahnen – fiktive Menschen. …. Die Griechen hatten so einen Begriff von Religio nie gehabt./

Ich würde das gerne weltgeschichtlich oder seinsgeschichtlich mit Heidegger verankern.

(bei Sartre gibt es da nichts .. auch nicht im Ekel, wo man’s erwartet hätte.)

Wann haben Sie angefangen zu rauchen?

Ganz früh. Wir hatten angefangen mit Eiche und haben da sofort Durchfall von bekommen. Mit zehn. Da hatten wir so eine Höhle im Wald gebaut. /…../ Mit Eiche haben wir Durchfall gekriegt. Birke war ganz gut zu rauchen, aber schmeckte auch nicht. Und dann haben wir den jüngeren Bruder von Richard genommen und der hat uns dann fünf Zigaretten beschafft. Der war acht und konnte so tun, als wenn er für seinen Vater kaufen würde. Wir wären da schon verdächtigt worden, wenn wir in den Laden gegangen wären.
Auf dem letzten Klassentreffen hat jemand erzählt, dass wir in der vierten Klasse hinter dem Schulgebäude in Sachsen zum ersten Mal geraucht haben. Da waren wir zwölf.
Und das erzählte er laut und deutlich und das Mädchen, um das ich damals geworben hab, als ich mit 12-13 in der Pubertät war und von dem ich bis heute nicht wusste, ob sie nun Gegenliebe empfunden hatte oder nicht, sagte, als wir das erzählt hatten: “Auch du?” – und dann kam mein Kinderspitznamen und dann wusste ich, dass sie mich damals geliebt hat. Das weiss ich seit vier Wochen.

Und dann kam die Tanzstunde und das Protzgehabe … Die Jungen hatten nur zwei Rollenbilder als Gymnasiast – entweder gehörte man zu den Nichtrauchern oder zu den Rauchern. Und die einen galten als erotisch aktiv und die anderen als erotisch passiv oder als schwul, als impotent, als desinteressiert, als zurückgeblieben, zu katholisch, ihren Eltern zu sehr unterworfen.

Der Liebe meines Lebens blieb dann zwanzig Jahre nichts anderes übrig, als mitzurauchen und kaum war sie mehr entronnen und entlaufen, stellte sie fest, dass ihr Zigaretten nicht mehr schmecken und dann stellte sie fest, dass sie von Schnaps und von Wein immer Migräne bekommt und dann stellte sie fest, dass sie auch von Schnapspralinen und Desserts Migräne bekommt und dann kriegte sie einen Wutanfall auf sich: ach, ist das schrecklich, wenn ich doch wenigstens Wein trinken könnte, dann könnte ich so gut wie du verdauen und essen, jetzt kann ich gar nichts mehr. Nicht mal essen.
Da tat sie mir sehr leid. Aber sie hat sich das ja schließlich selber eingebrockt – das ganze Unheil.

… Die Frau, mit der ich zusammen bin, raucht vier oder fünf am Tag und das find ich völlig korrekt und normal – wenn ich das nur könnte.

Jetzt muss ich doch noch einmal auf meinen Lieblingstaxifahrer kommen, der klarerweise die Linke wählt und genauso wütend ist auf’s Rauchverbot wie ich und dann hab ich gesagt: es ist aber die SPD, die das durchgesetzt hat und nicht meine etwas rechtere Partei und dann sagt er, die CDU macht ja wirklich nicht alles falsch. Die CDU hatte sich ja zunächst gewehrt gegen das Rauchverbot; zwei Jahre lang auch erfolgreich. Am Ende mussten sie dann im Namen einer fiktiven Doppelmoral die Flagge streichen.
Und dann fing er an, zu meditieren: also erstens: ich darf immer in seinem Auto rauchen, man müsse nur aufpassen, dass keine grüne Minna hinter uns fährt.
Wir kennen uns ja schon so lange.
Und dann fing er an. Mit dem Taxi hat er eigentlich keine Sorgen für sein Geschäft, aber er mache sich wahnsinnig viele Sorgen um seinen Bruder. Ich wisse ja, er wohen in Adlershof und all seine Liebesaffären spielen sich in Adlershof ab, sein Bruder sei eben auch in Adlershof und da habe er eine Kneipe. Und diese Kneipe werde er wohl nach dem Rauchverbot zumachen müssen. Denn – und jetzt kam so eine brillante soziologische Analyse – diese Kneipe hat die Funktion, dass alle, die ab zwölf Bier trinken, weil sie arbeitslos oder verzweifelt oder Hartz4-Empfänger sind – und dazu eine Zigarette brauchen, weil andernfalls das Bier nicht schmeckt, dass die diese Kneipe und die Intimität der vier Wände brauchen, um vor sich selbst in Anstand ihren Lastern nachzugehen. Und auf dem Dorf Adlershof kein schlechtes Bild von sich abzuliefern.
Er wolte mir also erzählen, die werden sich ab erstem Januar als Clochard fühlen, weil sie in der Kneipe nicht mehr rauchen können und damit geht ihnen der letzte Rest von Ehre verloren. Darum geht’s eigentlich in dem ganzen Ding und das hat er als Einziger richtig auf den Begriff gebracht.
“Die verlorene Ehre der Raucher”, könnten wir ja Ihren Text nennen.

Parallelgeschichte von Chappi …

Kittler darf im Fernsehen rauchen.
Das gehört dazu.
Andere dürfen das nicht.

Jetzt fällt mir wieder ein, ab wann das Rauchen wirklich Spaß gemacht hat. Mit fünfzehn, also unmittelbar vor unserer Republikflucht im Sommer 1958, musste ich noch mal als frischgebackener Oberschüler oder Gymnasiast, einen Industrieeinsatz bringen und mussten hunderttausende von vrerosteten Nägeln und Schrauben aus dem zweiten Weltkrieg in irgendeinem sächsischen Ort einsammeln.
Wir hatten zwei Vorarbeiter, die uns die Plätze zeigten, wo alle Muttern hingehören usw. Und die rauchten beide Kette. Und die konnten eben – das war mein Entzücken – nicht nur Rauch erzeugen, sondern Rauchringe. Das war die große Kunst. Und da hab ich zum ersten Mal bewundert, dass jemand Rauchringe blasen kann.
Mein Vater hat das mir zu liebe auch immer versucht, aber selten fertig gebracht.
Und die waren Meister im Rauchringe machen und dann bin ich der Sache verfallen.
Man spürte ja schon, dass unsere Republikflucht in der Luft lag.

/…. Meine Großmutter fand es nicht gut, dass ich rauche, was sie aber nicht daran hinderte, mir Schachteln zu kaufen. Und bei meinem Vater fand sie es weniger nett als bei mir. Und da hat mein Vater die Ausrede gehabt, dass ich so wahnsinnig gerne, mit drei, vier Jahren schon, das Streichholz anbrenne und ihm für die Zigarre Feuer gebe. Das war seine Ausrede immer: der Kleine gibt mir doch so gerne Feuer.
Das ist einer der Gründe für die Polemiken gegen das Rauchen in der Nähe von Kindern

Eigentlich peinlich, dass ich die offene Schachtel vor mir habe. Wir haben nämlich alle an dem Tag, als der Schrecken mit der Anti-Raucherreklame auf jeder Schachtel begann, da haben wir alle silberne Zigarettenetuis gekauft.
Da hab ich dann versucht, wirklich, mit diesem teuren Feuerzeug, dass ich geschenkt bekommen habe und dem dazu passenden Silberetui, ein bißchen mehr Kultur reinzubringen. Das hat auch ganz gut gewirkt. Die offene Schachtel ist sehr ungesund vor den eigenen Augen.
Wenn man das Etui erst aufmachen muss und das Feuerzeug mühsam öffnen – im Unterschied zu den Billigfeuerzeugen – Ich glaube, wir Raucher müssen uns wirklich ernsthaft bemühen, aus der Unkultur des Rauchens, wo man raucht, ohne es zu merken, in eine etwas bewusstere Kultur zu überführen.


4 Kommentare zu "Arbeitsprotokoll Rauchen"

  1. Pingback: Übers Rauchen « Birgit’s Weblog

  2. Zuerst gab es Dinosaurier, und dann gab es Raucher ….

  3. Pingback: Rauchen in Zügen - Rauchen ist todschick at kein-Rauchen

  4. Grandios.

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