Berlinaleflaschen
von Detlef KuhlbrodtAlles war prima an diesem Abend gewesen: Schalke hatte gegen Dortmund gewonnen, ich hatte ein Bier getrunken, ein bißchen geraucht, war wie x-mal am Tag mit dem Fahrrad durch diese seltsame Frühlingsluft Richtung Berlinale geglitten und hatte mich auf dem Potsdamer Platz an den Lampen erfreut, die von unten so ausgesehen hatten wie lustige Gesichter.

Mit einer Flasche “Linée”, dem Energiehausstabilisator von Gerolsteiner, war ich in das CinemaXX-Gebäude gegangen. vor dem CinemaXX 5 hatten Sandra Prechtl und Sascha Hilpert, die netten Dokumentarfilmer, gestanden.

Kurz hatten wir über das neue Berlinale-Getränk gesprochen, das von weissgekleideten Gerolsteiner-Mitarbeitern umsonst an die Festivalbesucher verschenkt wird. Der Clou dabei: In jedem Getränk ist eine “Geld-zurück-Garantie” und außerdem gibt es pro Flasche 25 Cent Pfand.
Das muss jemand dringend den Flaschensammlern erzählen!
Sie hätten gerade welche gesehen und wollten es gleich weitersagen, hatten die Filmschaffenden gesagt.
Dann musste ich ganz schnell in den neuen Film von Johnnie To gehen und war ein bißchen enttäuscht, dass sie den berühmten Regisseur aus Hongkong nicht kannten.
“Sparrows“, also “Spatzen” hieß der Film und sollte im Pressevorführungskino, dem CinemaXX 9, gezeigt werden. Es hatte aber noch ungefähr eine viertel Stunde gedauert, bis es los ging.
Wir hatten im halbleeren, spärlich beleuchteten Kinosaal gewartet. Die Kollegen hatten, oft mit Hilfe von Handylampen, Zeitung gelesen, sich flüsternd unterhalten, oder gelangweilt im Saal herumgeguckt. Eine asiatische Delegation war auch da. Ich hatte mir vorgestellt, dass das Produzenten waren.
Die meisten im Saal waren aber Journalisten unterschiedlichster Blätter gewesne, mit unterschiedlichen, auf sie zugeschnittenen Aufgaben betraut. Ein paar waren sicher auch wie ich ohne konkreten Auftrag, sondern aus Vergnügen hier, um sich diesen Film zu gönnen, um mit “Sparrow” einen anstrengenden, interesssanten, vielfältigen Tag abzuschließen.
Leicht melancholisch hatte ich an vielen Johnnie-To-Film-Vorführungen gedacht, die ich in den letzten acht Jahren auf der Berlinale gesehen hatte. Es waren meist sehr festliche, großartige Veranstaltungen am Abend gewesen. Der berühmte Sänger und Schauspieler Andy Lau war 2002 auch einmal da gewesen mit einer in Ostasien berühmten, schönen Schauspielerkollegin. Die beiden Stars waren von meist asiatischen Fans belagert worden. Damals im Delphi dabeigewesen zu sein, war eins meiner schönsten Berlinale-Erlebnisse überhaupt. (gerade hab ich einen ziemlich schönen Andy-Lau-Link mit schönen Fotos und recht seltsamer Musik entdeckt)
Während mich die Stars meiner westlichen Welt nur selten interessiert hatten, hatte ich Stars aus Japan oder Hongkong immer toll gefunden, bestimmt auch, weil die Begeisterung ihrer Fans, festlich gekleideter Migranten meist, immer so schön gewesen war.
Nun aber zurück ins Kino-hatte-gewesen:
Eine schlanke, dunkelhaarige Kollegin, Anfang 30 vielleicht, hatte während des Wartens in ihrem Laptop herumgetippt. Die Plätze neben ihr waren frei gewesen. Sie war viel professioneller als ich und konnte zehn Finger, mit denen sie tatsächlich an einem Text arbeitete.
Ich hatte gleich mein Notizbuch ausgepackt, um ihr Laptoppen als “affektiert und sinnlos” zu bechreiben. Beim Schreiben war mir aufgefallen, dass man sich inmitten des gleichmässig, mehrsprachigen Gemurmels im dreiviertelvollen Kinosaal tatsächlich sehr gut konzentrieren kann und entwickelte Theorien, die erklären, warum das so ist.
Sein neuer, irritierend märchenhafter Film, der von der Handwerkskunst des Taschendiebstahls erzählt, war okay. Ein Teil des Vergnügens hatte darin bestanden, an frühere Filme Johnnie Tos erinnert zu werden.
(früher hatte der extrem produktive Johnnie To postmoderne, seltsam romantische, teils großartig choreografierte Gangsterfilme gemacht, die meist in stets ausverkauften Spätvorstellungen des Forums gezeigt worden waren. Einige dieser Filme hatten mich damals tatsächlich umgehauen und sprachlos glücklich gemacht)
Nach dem Film hatte ich noch eine Zigarette vor dem Kino geraucht. Ein drahtiger Flaschensammler, schon leicht heruntergekommen, mit blauem Müllsack, war des Wegs gekommen. Zunächst hatte er die Papierkörbe vor dem Kino untersucht und war dann in das Gebäude gegangen, wo er sich vorsichtig den Gerolsteiner-Mitarbeiterinnen genähert und sie wohl darum gebeten hatte, ihm ein leere Flaschen zu überlassen. Sie hatten ihm ein paar gegeben; er hatte nicht locker gelassen. Ein paar Meter von mir entfernt hatte ein Mann nervös geraucht und dabei telefoniert. Kurz danach waren zwei Sicherheitskräfte gekommen und in das Kino gegangen.
In Ulrich Peltzers Roman “Teil der Lösung” wäre die Szene so weitergegangen: die Sicherheitsleute (die bei dem Schriftsteller kräftiger gewesen wären, als in echt) hätten den Flaschensammler aufgefordert, zu gehen und ihn dabei geschubst. Der Flaschensammler hätte angefangen zu krakelen.
Eine neugierige Traube von Zuschauern hätte sich gebildet und dem Ereignis neugierig zugeguckt. Einige der Zuschauer hätten ihr Handy gezückt.
Ein überforderter Sicherheitsmensch hätte dem Flaschensammler auf die Nase gehauen, die Zuschauer angeschnauzt, nicht zu fotografieren. Verstärkung wäre gekommen. Fünf bodygebuildete Securityleute hätten den wild um sich schlagenden Flaschensammler schließlich nach draußen getragen, wo ein Polizeiauto mit Blaulicht den Delinquenten entgegengenommen und weggefahren hätte.
In echt verhielten sich die Sicherheitsleute zivilisiert. Einer von ihnen scherzte mit den Gerolsteinern, der andere sagte entschuldigend zu dem Flaschensammler, ihm sei es ja egal, aber er hätte seine Anweisungen: der Flaschensammler könne also gerne vor dem Kino nach Flaschen suchen; in’s Gebäude dürfe er aber nicht.
In Wirklichkeit war übrigens auch noch ein zweiter, schüchternerer Flaschensammler dabei, der sich aber die ganze Zeit nicht in’s Gebäude getraut hatte. Ihn jetzt aber ordnungsgemäß zu beschreiben und sinnvoll hier einzubauen, dauert mir doch zu lange.

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Du hörst dich wohl auch gerne selber reden, oder? Viel Luft, um nichts!
Treffenderes habe ich über Peltzers Roman noch nicht gelesen.