Thomas Meinecke und Daniel Richter hatten im HAU2 Platten aufgelegt und darüber gesprochen
von Detlef Kuhlbrodt
(ist alles bißchen notizenhaft & kohärenter sozusagen hier beschrieben)
Weil ich Daniel Richter von früher kenne, fällt der Nachname weg & weil es sonst komisch klingen würde, heisst es dann auch nur Thomas)
Als Trumpf spielte Daniel “Leverkusen, Take 7″ von der Punkband “OHL”, die vielen als faschistoid gilt. (wie soll man sagen? – “die WK2-orientierte Band” selber distanziert sich auf ihrer Homepage von jeder Form des politischen sowie religiösen Extremismus…)
Anfang 80er wohl.
“Leverkusen, Leverkusen – die Stadt, die keine Bäume hat, die Stadt, die keinen Raum zum Träumen hat”. Das sei irgendwie doch ergreifend. (weil die an ähnlichen Verhältnissen gelitten hatten und dazu auch noch doof o.ä.)
Daniel trumpfte auf im Speziellen und Spezialistischen. Er ärgerte sich glaube ich auch gleichzeitig darüber, wieder in so einen spezialistischen Jargon gefallen zu sein, auf Stichwort in die Vergangenheit gefallen zu sein, sich auf Stichwort wiederholen zu müssen. Weil Thomas Meinecke ihn dazu gebracht hatte, sich zu wiederholen, war er wütend auf ihn.

Es lag nicht nur an Daniel, dass kein richtiges Gespräch zustande kam, sondern auch an Thomas, der moderat für jeden verständlich sein wollte. Seine Position war die sozusagen des Gereiften; Daniels die des Checkers.
Wie war das noch mal? – Weil Thomas also lange in einer WG gewohnt hatte, wo das Bong direkt neben dem Telefon gestanden hatte und alle ständig gekifft hätten, hätte er angefangen, Longdrinks zu trinken, obwohl zu Kiffen rückblickend besser gewesen wäre?
Überhaupt war diese öffentliche Aufführung eines Gesprächs sowieso ganz problematisch. Sie sprachen zum Dunklen hin, wo die Zuschauer saßen und manche sich emsig Notizen machten.
Ich schrieb mir überhaupt nichts auf.
Irgendwann nervte es mich aber doch sehr.
Viele der immer nur viel zu kurz angespielten Platten kannte ich nicht. Daniels Argumentationen waren mir aus den Achtzigern noch vertraut.
Die Leerstellen, die er ließ, im Vertrauen darauf, die Zuschauer, (von denen beide auf der Bühne nur Schemen sehen konnten), könnten das in ihrem Kopf vervollständigen. Funktionierte nicht so ganz. Die meisten im Publikum waren ja so um die 30 also 17 Jahre jünger als Daniel, 24 Jahre jünger als Thomas.
Ein alter Punkspruch:
“Das Publikum ist dumm und gefräßig.” (o.ä.)
Entschlossen verdammte er jede Form der Ironie, doch wie er das sagte, wirkte es gleichzeitig ironisch, oder theatralisch, weil er ja von der Bühne her redete.
Er hatte es als eine Beleidigung empfunden, dass Thomas Meinecke zwei dieser unseligen Künstlerplatten aus den 80er Jahren mitgebracht hatte, wo sich Albert Oehlen, Immendorff und Diedrich Diederichsen und was weiss ich wer noch als Punkmusiker an der Spitze der Avantgarde versuchen und in einer Sauna fürs Coverphoto posen; alle nackt bis auf Penck, der aber sowieso auch nur als Fotografie mit dabei ist.
“Hast du dir überhaupt mal eins meiner Bilder angeschaut?”
Ich war leicht genervt und wurde unruhig. Ein Zuschauer, den ich nicht richtig einordnen konnte, redete ab und zu auf mich ein. Als meine Antworten immer kurzsilbiger wurden, hörte er damit auf. Es entstand eine peinliche Stille. In der Daniel zu erklären versuchte, warum die Türme von Auschwitz auf dem Throbbing Gristle-Label (“Industrial Records”), als ästhetisch kämpferisches Mittel, die supersatte, deprimierende BRD und vor allem auch gegen die Resthippiekultur aufgefahren wurden. Er brach seine Erklärung (genervt von sich selbst und von Thomas) dann wieder ab.
Ich ging raus. Der Barmann verkaufte mir eine Zigarette, die er hinter sein Ohr gesteckt hatte. “Laber, laber”, sagte eine Frau, die auch draussen rauchte, zu einem Bekannten und dass die meisten doch auch wegen Thomas Meinecke gekommen wären, dem Daniel so oft das Wort abgeschnitten hatte.
Daniel ist reicher, er wird für seine Kunst viel besser bezahlt als Thomas und das gesellschaftliche Sein wird das Bewusstsein irgendwie auch bestimmen. Einerseits und andrerseits.
Wieder drinnen setzte ich mich woanders hin.
Soviel Wissen, mit dem auftgetrumpft werden konnte, aber davon, was die Platten mit einem ganz privat gemacht hatten (bevor man zum Oberchecker geworden war), wie Musik rettend irgendwie in’s Leben getreten war usw. kein Wort.
“Ich hoffe, dass Euch dieser Abend sowenig gebracht hat wie mir”, sagte Daniel am Ende. Der Beifall war viel größer, als ich erwartet hatte. Dann verließ er die Bühne und schnell auch das Haus. Gleich würde der Zug nach Hamburg fahren. Wo Daniel den Studierenden am nächsten Morgen was beibringen sollte. Er wollte frisch sein für die Arbeit mit den Studenten, die er sehr ernst nahm.
Manchmal war ich so genervt wie vor dem Fernseher ein paar Tage später, wo über 68 geredet wurde und Peymann dann sagte, “die 68er waren die Welt-Elite”.

Damals war meine Küche mit schwarzem Lack gestrichen. Hinter Daniels Rücken war die Dunkelkammer, in der ich Fotos entwickelte. Ein Bild von Willy Brandt ist auch auf dem Bild.
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Schönes Foto, aber dieser unaufgeraümte Küchentisch!!!!
OHL ist keine Fascho-Band
kann ich nicht beurteilen – es wurde so gesagt; um jetzt keinen zu denunzieren, hab ich da oben einen zusatz hingetan
hättest du nicht machen brauchen, danke, und mir liegt auch persönlich nichts daran, nur sachlich. OHL waren bei ihrer ersten Single meines Wissens nach 15, 16 bei der LP dann höchstens 16, 17, praktisch Kinder. Bei Egoldt, Rock-O-Rama waren schon Rechte, bzw. dem Egoldt gings wahrscheinlich ums Geschäft, die Nachfrage nach schlecht produzierter Skin-Musik, aber eher waren es Dumme, Hools, Jungens, die auf die Scheiße hauen wollen, damit es spritzt, ähnlich wie heute bei Aggro Berlin. Martial Arts fasziniert. Es haben nicht alle Abitur. Es gibt viele dumme Punk-Bands. Die Bedingungen der Möglichkeit ein ausdifferenzierter, feinziselierter rücksichtsvoller kontemplativer Kulturmensch zu werden sind nicht für alle gleich. 1 2 3 4
In diesem Sinn hatte Daniel glaube ich auch OHL gut gefunden.
Mir selber ist dies Kriegsding widerlich; nicht weil ich so ein feinziselierter Kulturmensch wäre, sondern weil meine Eltern als Kinder durch den Krieg richtig ordentlich traumatisiert worden waren. Das färbt dann schon auf einen ab.
na klar