NB
von Detlef KuhlbrodtFoyer, Delphi
Das vollbesetzte Delphi guckt sich gleich Tatjana Turanskyjs schönen Film “Eine flexible Frau” an
Von seiten der Berlinale gab es nur Erfolgsmeldungen: neuer Zuschauerrekrod mit über 300.000 verkauften Karten an „normale“ Filmfreunde usw., erfolgreicher European Film Market, 2000 hätten sich Metropolis am Brandenbruger Tor angeguckt (was ich eher wenig fand) usw.
Dann wieder, wie jedes Jahr, so ein bestimmtes Rumgemäkel von Kollegen wie grad im „Tagesspiegel“: dass zu Beginn der Ära Dieter Kosslick die Berlinale Cannes ebenbürtig gewesen wäre, mittlerweile aber zu viele belanglose Filme laufen würden, dass die „prominentesten Regisseure des Weltkinos“ ihre Filme also lieber in Cannes, Venedig oder einer anderen Mittelstadt zeigen würden, dass der Wettbewerb der Berlinal für Einkäufer nur beschränkt attraktiv sei. Außerdem mache inzwischen auch das Glamourfestiveal der Zweieinhalbmillionenstadt Toronto als Publikumsfestival Konkurrenz.
Das mag vielleicht so sein, aber ich versteh es trotzdem nicht; ich war noch nie in Cannes, Venedig usw. und stelle es mir eher nicht so toll vor, mir meinetwegen auch um sagen wir mal 8% „bessere“ Filme, im Kreis von 10.000 akkreditierten professionellen Filmguckern anzugucken. Notgedrungen gucke ich mir in Berlin zwar auch viele Filme in Pressevorführungen an, unter Kollegen oft, die noch beim Vorspann telefonieren oder auf ihren Laptops im Kino rumschreiben, aber das nervt oft schon; viel besser sind die Forumsvorführungen meinetwegen im Delphi oder im Arsenal, wo das normale Publikum überwiegt, die Filme in ihrem Neben- und Gegeneinander einen kollektiven Kommunikationsraum aufmachen und so.
Ich hab also, wie so oft, den Eindruck, dass viele Kollegen Filme irgendwie losgelöst von ihrer Vorführung und dem Publikum betrachten; pflichtschuldig zwar erwähnen, dass die Berlinale das Festival mit dem größten Publikumszuspruch ist, aber möglicherweise vielleicht zu weit entfernt vom Publikum ihre Filme gucken. Also ignorieren, dass Filme tatsächlich „besser“ werden, die in ihnen ja schon drin steckenden Möglichkeiten entfalten, wenn sie vor einem großen, enthusiastischen Publikum aufgeführt werden und dass das vor allem auch den Reiz der Berlinale ausmacht.
Andererseits hatten mich die Wettbewerbsfilme – bis auf “Caterpillar” – aber auch nicht wirklich umgehauen, auch wenn ich die sieben, die ich gesehen hatte, alle auf ihre Weise interessant gefunden hatte und den Goldenen-Bären-Gewinner “Bal” von Semih Kaplanoglu sehr gern geschaut habe. Aber man sollte immer dran denken, dass im prominentesten Teil der Filmfestspiele weniger als 10% der auf der Berlinale gezeigten Filme laufen. Egal. Nächstes Jahr wird‘s bestimmt noch besser.


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Ah, dieses Gemäkel am Rumgemäkel nervt mich jetzt aber, schon weil ich zu den lautesten Mäklern gehöre. Wer das Kino liebt, dem kann doch nicht wurscht sein, dass dieser Wettbewerb Jahr für Jahr in wesentlichen Teilen das Grauen ist (das Grauen der Mittelmäßigkeit nämlich). Und wenn Du die Berlinale als Gemeinschaftserlebnis toll findest, ist das natürlich schön und in Ordnung. Aber ich finde schon, dass die Filmkritik das Recht hat zu sagen, aus Filmkritikerperspektive ist das ganz schöne Scheiße, was im Wettbewerb läuft. Und das aus Filmkritikerperspektive und nicht aus Gemeinschaftserlebnissucherperspektive genau so festzuhalten.
Hmmm…. ja und nein …. war vielleicht so ein bestimmter Ton in der Rummäkelei im Tagesspiegel, der mich genervt hatte; also gar nicht so sehr die Kritik an der Wettbewerbsauswahl, sondern, dass ich das Gefühl hatte, dass einigen Kollegen mit einem zu professionellen Blick an das Festival rangehen (in dem Sinne, dass sie nicht mehr auf die Berlinale gehen, wenn sie das Ressort wechseln oder so). Gemeinschaftserlebnis ist der falsche Ausdruck … es wird doch tatsächlich während der Berlinale-Zeit so ein kollektiver Kommunikationsraum geöffnet, der doch weiter und interessanter gefasst ist, als die Olympiade jetzt. Interessante und alles Mögliche betreffende Überlegungen, anstößt; natürlich auch über das eigene Schreiben. (ich hatte glaube ich dreimal die paar Sätze, die ich über den “Tag des Spatzen” geschrieben hatte, korrigiert und dann am Ende gegen meine grundsätzlichen Sympathien das geschrieben, was ich eben doch finde)
Mit dem Wettbewerb hast du recht; “Mammuth”, den ich ja sehr sympathjisch fand, war ja auch eigentlich richtig hingerotzt, nicht zu Ende geschnitten als hätten die plötzllich die Lust an ihrem Film verloren oder kein Geld mehr gehabt. Ich hatte dann sogar das Gefühl, dass es für “Bal” auch selber nicht richtig gut ist, den Goldenen Bären zu kriegen; Preis für die beste Regie wäre angemessen gewesen und den Goldenen Bären nicht zu vergeben. Hatte aber wie gesagt auch nicht alle Filme gesehen.
Es ist ein Problem, dass man als “professioneller” Kritiker vom Kommunikationsraum Berlinale so wenig mitbekommt (und wenn, dann vor allem als das unsägliche Gewäsch von Kollegen, neben denen man bei Pressevorführungen als Sitznachbar landet). Und wenn ich dann zum Beispiel lese, wie großartig die Stimmung bei der Vorführung von Dominik Grafs “Im Angesicht des Verbrechens” gewesen sein muss; oder wenn ich – selten genug – erlebe, wie ein großes Publikum etwa im “Delphi” bei einem Film wie “Beeswax” mitgeht (das war letztes Jahr), dann finde ich das natürlich auch toll. Und das muss auch gesagt und geschrieben werden, wie fantastisch die Berlinale als Publikumsfestival ist.
Aber fast umso schlimmer, dass der Wettbewerb so ein Stimmungskiller ist. Und dass man als Kritiker sich darauf konzentrieren muss. Bzw.: Man muss natürlich nicht. Die meisten Freunde gehen da ja einfach nicht mehr hin. Aber diese Form von Einspruch wird halt nicht wahrgenommen. Und wenn alle, die der Wettbewerb nervt, nicht mehr hingingen, dann blieben die übrig, die nichts dabei finden, so mittelmäßiges Zeug vorgesetzt zu bekommen. Ja, die das nicht mal merken, wie mittelmäßig das ist.
Darum finde ich es gut, dass Cristina und Michael Althen und Peter Körte und Jan Schulz-Ojala und Anke Westphal und Daniel Kothenschulte und also fast vollzählig alle Zeitungs-Filmredakteure, die das Kino noch ernstnehmen, so laut und deutlich nicht “rummäkeln”, sondern sagen, was Sache ist. Wenn sie das nicht täten, wenn sie nicht darauf beharrten, dass Kino mehr sein muss als das, was Kosslick serviert, dann hätte das für eine eh schon traurige Filmkultur, glaube ich, nur verheerende Folgen haben. Keine Ahnung, ob es viel hilft. Weiß man ja nie. Aber die Bretter vor den Köpfen sind so dick, da muss man eben bohren und bohren.
Wegen “Mammuth”. Letztlich fand ich den auch nicht unsympathisch, aber doch versemmelt. Und mich hat gar nicht das Hingerotzte als solches gestört, sondern die mangelnde Sorgfalt und Liebe bei den einzelnen Sketchen (und eigentlich war das ja eine Sketchrevue, avancierte Fernsehcomedy); mit mehr Lakonie und genauerem Timing und weniger dickem Auftrag hätte mir das viel besser gefallen.
Ja; “Mammuth” hätte sehr gut werden können, jammerschade, aber die Szene mit dem Einkaufswagen am Anfang war schon ein tolles Highlight … Ich hatte die meisten Berlinalen den Wettbewerb ja auch eher ignoriert und war dann nur in die ein, zwei Wettbewerbsfilme gegangen, die ich zu besprechen hatte. (und hatte dabei oft Glück; die nicht-prominenten Wettbewerbsfilme waren ja meist okay gewesen) Bei den ersten Berlinalen, wo ich noch als Student mit Dauerkarte war, hatte ich mir das immer so zurechtgelegt: Wettbewerb ist Mainstream und doof und wer hingeht, selber schuld, fertig. So sind dann in meiner Festivalerinnerung von mehr als zwanzig Berlinalen vor allem Forumsfilme, paar Panorama-Sachen und paar Retrospektivegeschichten als Highlights gespeichert.
Als Autor fühlte ich mich dann auch überhaupt nicht verpflichtet, mir diesen ganzen Wettbewerbskram anzugucken und das zu kommentieren, weil es eben neben dem Wettbewerb so viele tolle andere Filme gibt. (natürlich auch bessere und schlechtere Jahrgänge – einen herausragenden Film wie “Love Exposure” hatte es dies Jahr ja glaube ich auch nicht im Forum gegeben) Und deshalb finde ich es auch oft schade, dass viel zu viel über den Wettbewerb geschrieben wird, von dem doch jeder eigentlich aus Erfahrung weiss, dass er nicht so dolle sein wird. Einen besseren Wettbewerb sollte man schon einfordern, aber eben dann mehr über die guten Filme der anderen Sektionen schreiben, über die tollen Aufführungen im Delphi, über die schönen Auftritte von Sabu vor begeistertem Publikum usw. und weniger über den realexistierenden schlechten Wettbewerb. Mit scharfen, knappen Worten das Schlechte geisseln und sich mehr bemühen, das Gute herauszustellen, so ungefähr.