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Beiträge für die Kategorie ‘Cottbus’

20.11.2006

Cottbus, für moralisch einwandfreie 4,90

von Detlef Kuhlbrodt

Es ist so: Zuhause ist man wieder ganz woanders. In Cottbus war man Teil eines Körpers mit diffusen Grenzen. War es ein organloser Körper? (was ist ein organloser Körper nochmal? Wie hatten Deleuze und Guattari noch einmal einen „organlosen Körper“ definiert und beschrieben?)
An einer dieser diffusen Aussengrenzen des Festivals schaute man aus dem Fenster des zehnten Stocks des Lindner-Kongreß-Hotels und bestaunte die Morgensonne oder wie hübsch die Wolken da neben und vor der Sonne aussahen und im Aufzug notierte man den komischen Satz, der neben dem Mittagsangebot des Hotels stand „für moralisch einwandfreie 4,90“ (echt); an einer anderen Grenze war man am Rande der Stadt in dem Vattenfall-Gebäude und ass Schnittchen oder stand in dieser komischen Raucherecke – (unter schicken Rauchabzugsdingern, die den Zigarettenrauch sofort wegsaugten) – und unterhielt sich mit einer bulgarischen Kollegin über Zigaretten.
Nachdem ich gesagt hatte, es gäbe eine klare „corelation“ (ein anderes Wort war mir nicht eingefallen) zwischen dem materiellen Reichtum einer Gesellschaft und dem Rauchen und dass deshalb noch lange in osteuropäischen Ländern mehr geraucht werden würde, als in Deutschland und dass deshalb logischerweise in der Ex-DDR auch mehr geraucht wird, als in München, und dass deshalb auch in allen osteuropäischen Filmen durchgehend geraucht wird, in deutschen aber kaum noch, hatte ich den Satz, obgleich er stimmte, gleich wieder zurücknehmen wollen, weil ich ihn irgendwie unhöflich fand; schwieg eine Weile und ließ die anderen reden)
An einer anderen Aussengrenze des Festivals tanzte man betrunken auf der Abschlußparty im Gladhouse zu so einer wilden Hard- oder Turbopolkamusik. (B hatte Gladhouse mit a und nicht ä ausgesprochen). Ich hatte mehr als ein halbes Jahr nicht mehr getanzt und  es fühlte sich so ähnlich an, wie in den 90ern Technotanzen, nur war man nicht auf e oder bekifft, sondern betrunken.
Die Musik war ein Crossover zwischen Polka, Techno, House. Es war unglaublich kommunikativ. Die Leute schienen alle super. Leider musste ich irgendwann gegen vier noch gehen, weil ich am Sonntagvormittag noch meinen Festivalabschlusstext schreiben musste
Wir rauchten letzte Zigaretten vor dem Eingang. Einer der furchtbar betrunken war, wurde von den Türstehern mehrmals abgewiesen. Vieles in dieser Nacht war wie ein osteuropäischer Film gewesen. Dann torkelte ich gutgelaunt nach Hause.
Der Abend hatte am Nachmittag begonnen. Ich hatte zwei Schalkefans im Hotel getroffen. Einer hatte ein Varela-Trikot angehabt. Ich war dann jedenfalls in mein Hotelzimmer gefahren, hatte mir meinen Schalke-Schal umgewickelt und mich zu ihnen gesetzt. Sie waren aus dieser Gegend neben der holländischen Grenze gekommen und schon seit halb sieben unterwegs. Wir tranken Bier und sprachen über Schalke.
Ein Schauspieler setzte sich zu uns. Er hatte einen dunklen Anzug an und hörte sich gern reden. Mit seinem gepflegten Bart sah er so aus, wie jemand, den man aus dem Fernsehen kennt. Die Schalker sagten, ja das wäre ja super, dass alle (also ich und der Schauspieler und die Filmfachleute an den anderen Tischen nahebei) so normal, also nicht von herab oder so wirkten. Und der Schauspieler sagte dann  so etwas in der Art wie, dass nur „die Kleinen“ (die Emporkömmlinge sozusagen) arrogant wären, auf Unterschiede bedacht, während die wirklich Großen es nicht nötig hätten, Rangunterschiede zu betonen. Er sagte das mit anderen, vorformuliert klingenden ( wie sagte man: leutseligen) Sätzen, die so klangen, als kämen sie aus einem Theaterstück oder Buch. Er sprach seine Sätze – mit wohlklingender, ausgebildeter Stimme, als säße er gerade vor einem Mikrofon – und schien leicht irritiert, dass niemand applaudierte.
Man hatte den Eindruck, er wollte damit sagen, er sei so ein wirklich Großer und dass er auch gar nicht merkte, was er da für einen Quatsch gesagt hatte.
Der eine Schalker sagte, er fände das nicht so.
Dann kam der Taxifahrer, der sich am Telefon unter dem Stichwort „Schalkefan“ gemeldet hatte. Während der Fahrt fragte ich ihn, wieviel Sorben es im Cottbus geben würde und er sagte „die Sorben und die Wenden, die klau‘n mit beiden Händen“ – haha. Irgendwie kannte er noch einen Puff und erzählte, er hätte da einen Polen hingefahren, der wäre so schüchtern gewesen, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen, den hätte er quasi da reinschieben müssen und dann hätte der Pole ihm auch eine Frau bezahlen wollen. Hatte er aber nicht gemacht. Hätte ich natürlich auch einfach so die fünfzig Euro nehmen können. Habs aber nicht gemacht. Wenn wir gewönnen, könnten wir danach ja noch hinföhren.
Erst hatte ich meinen Schalkeschal versteckt getragen, weil um mich herum lauter Cottbuser waren. Dann entdeckte ich aber noch zwei, drei weitere Schalke-Fans. Dann holte ich auch meinen Schal raus. Eine junge Frau machte viele Videos mit ihrer Digicam.
Die Cottbus-Fans in unserer Gegend waren okay. und man respektierte sich von Fan zu Fan. Irgendwie fand ich es sympathisch, dass manche nach dem zweiten Tor für Schalke schon gingen und sich nach dem Anschlusstreffer dann wieder reinstellten. Nur am Ende gab‘s zwei drei hochgradig Gestörte, aber der Gesamteindruck von den Cottbuser Fans war okay. Die brauchen halt bloß dringend ein neues Stadion. So eingequetscht wie dort habe ich noch nie Fussball geguckt.
Gestern war ich eigentlich entschlossen gewesen, noch ein bißchen mehr zu den Filmen auf dem Festival schreiben und was mir da auffiel und was und warum ich dies und das eben so supertoll gefunden hatte, war dann aber heute doch in so einem low-energy-loch gelandet.
Irgendwie war ich mit meinem Artikel zum Festival nicht richtig zufrieden gewesen, war alles zu ungenau und gestresst geschrieben; besonders blöd, dass ich vergessen hatte, dass ich selber das Foto von meinem Lieblings-rumänischen Film („12:08 East of Bucharest“ von Corneliu Porumboiu) gemacht hatte, nach dem ich in der Presseabteilung gefragt hatte und dass ich unter dem Artikel hatte haben wollen. Stattdessen hatten wir dann ein Foto von dem netten Trinkerpärchen in die Zeitung genommen, die vor dem Eingang der Cottbuser Stadthalle stehen.
Also hier dann das Foto, dass ich eigentlich hatte nehmen wollen.

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18.11.2006

Cottbus, Anfang vom Ende

von Detlef Kuhlbrodt

Das Festival neigt sich dem Ende zu. Plötzlich gibt es auch Wolken. Vorhin guckte ich noch zwei bulgarische Filme. Im einen tranken die Helden erst in der einen, dann in der anderen Kneipe, sangen viel und erzählten sich Geschichten; der andere, 1995 gedreht, berichtete von einer Busfahrt; von Sofia nach Deutschland. Das Busfahrtfilmgenre ist logischerweise ein melancholisches Genre.
Heute abend werden die Preisträger gekrönt.
Heute morgen fing ich an, einen Artikel für die taz-Druckausgabe zu schreiben, der Montag erscheinen soll. Komisch, dass das soviel schwerer fällt, und viel weniger Spaß macht, als das direkte Schreiben hier.
Darüber wieder zu schreiben ist aber blöd; Film-im-Film-Filme, in denen ständig das eigene Filmen thematisiert wird, gefallen mir meist auch nicht wirklich.

Draußen, gleich neben dem Bus von Radio Eins, saß eine Frau. Sie heisst Marina, hatte ein kleines, rotes Radio aufgestellt und fragte, ob ich auch Lust hätte, Bier mit zu trinken. Später kam ihr Freund Locke. Locke wirkte recht gemütlich. Er sagte: „Ohne Flasche läuft bei mir gar nichts“ und dass er früher, vor der Wende, einen Jugendclub gemacht hätte. Ich fragte, ob ich sie fotografieren dürfe; ich durfte. “Habt ihr Lust, Euch vor den Eingang der Stadthalle zu stellen?” – “Da dürfen wir doch nicht hin.” Für ein paar Momente ging es dann doch.
Blöderweise hatte ich meinen Fotoapparat falsch eingestellt, so dass die Bilder dann doch nicht so gut geworden sind.

Gleich gehe ich mit schlechtem Gewissen zum Spiel von Cottbus gegen Schalke. Der Priester Arne Kristophersen wird mich begleiten. Er ist der einzige Däne hier und war wegen Ebbe Sand zum Schlake Fan geworden; genauer, wegen dem Buch, das Ebbe Sand über seine Krebserkrankung geschrieben hatte.

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17.11.2006

Cottbus, nach dem Frühstück, Festival des osteuropäischen Films

von Detlef Kuhlbrodt

Im Festivalzentrum läuft die ganze Zeit Radio-100. Auf dem Vorplatz, hinter den großen Glasscheiben, trinken Jugendliche Bier und rauchen. Misstrauisch guckt man von innen nach außen und von ausen nach innen, so kommt es mir vor. Die Sonne scheint und ich beginne das Zeitgefühl zu verlieren. Mir ist schon klar, dass jetzt grad Vormittag ist, aber ich habe kein Gefühl für den Wochentag oder die Jahreszeit. Vielleicht sitze ich ja auch schon Jahre hier oder bin im Urlaub und es ist Juni 2003. Dann haben sich Wolken vor die Sonne geschoben.
Die Leute vom Fahrdienst sitzen in der Nähe und warten darauf, dass sie gebraucht werden. Die meisten vom Festival tragen rote T-Shirts und was Schwarzes noch. Der Sound in dem modernen Betonbau stimmt von ferne leicht melancholisch.
Gestern abend traf ich Kornel Miglus; ein alter Freund, Regisseur, der für’s polnische Kulturzentrum in Berlin arbeitet. Er war nur kurz hier und erzählte von wilden Filmprojekten. Später stellte er mich Christine Kopf vor. Christine Kopf ist die Direktorin von goEast, dem Wiesbadener Festival des mittel- und osteuropäischen Films, das nächstes Jahr zum siebten Mal in Wiesbaden stattfinden wird, der Konkurrenzveranstaltung aus dem Westen also quasi.
Scherzhaft werde sie manchmal kurz “der Feind” genannt, erzählt sie, doch eigentlich verstehe man sich ganz gut, er hätte sogar ein Handyfoto, auf dem die Beiden nebeneinander drauf sind, sagt Miglus. Und es ist ja auch prima, dass man sich nicht nur hier um den osteuropäischen Film bemüht.
Am Vormittag gucke ich ein tolles Programm mit zeitgenössischen rumänischen Filmen. Am besten gefallen mir zwei Kurz-, bzw. mittellange Filme von Cristian Nemescu. (“Marilena von P7″ und “Mihai si Cristina”) in denen sehr intensiv um Jugend, Liebe und Sex geht. Im ersten Film geht es um einen dreizehnjährigen, der mit seinen Kumpels von einem Dach aus in einem bukarester Slum Prostituierte beobachtet. Der Junge verliebt sich in eine Teenagerprostituierte und versucht sie mit einer Busentführung zu beeindrucken und alles endet in einer Katastrophe.
Leider ist der Regisseur im Sommer mit seinem Kameramann in Bukarest bei einem Autounfall um’s Leben gekommen, als er an seinem ersten langen Spielfilm arbeitete.
Am Nachmittag guckte ich einen serbischen Film – “Morgen in der Früh” von Oleg Novkoviç – , in dem Freunde ständig unglaublich viel trinken und im Hintergrund geht es auch um einen Freund, der sich das Leben genommen hatte und zuvor sich viel so tagebuchmäßig vor einer Wand mit Marc Bolan-Posterngefilmt hatte und am Ende geht einer nach Kanada.

Dies ist das häufigste Thema der Filme hier – bleiben oder gehen.

Am Abend lernte ich zufällig Uwe kennen. Uwe ist arbeitsloser Dreher. Er hatte sich hier in’s Foyer der Stadthalle gesetzt und Sternburger-Bier mitgebracht. Er fühlte sich wohl einsam. Er sagte, er käme aus Guben (wo Gunther von Hagen grad heute sein Plastinarium eröffnete), lebe seit zwei Jahren hier und wäre heute das erste Mal hier in der Stadthalle. Was denn hier los sei? – Festival des osteuropäischen Films.
Aha. Amerikanische Filme seien blöder Schmu; viel lieber gucke er auf rbb Filme aus Rumänien, Ungarn, Russland usw. Immer wieder lobte er den RBB und erzählte von Hartz4 und seinem Alkoholismus und dass Cottbus spießig wäre, machte aber niemanden für seine Misere verantwortlich.
Er fand es toll, dass ich aus Kreuzberg komme und verabschiedete sich mit warmen Worten. Vielleicht würde man sich ja in Berlin wieder sehen.

Kurz überlegte ich, ob ich ihn fotografieren sollte, ließ es dann aber doch, weil es mir irgendwie ausbeuterisch vorgekommen wäre, obgleich ihm das vermutlich gefallen hätte, dachte ich später

Bemerkenswert ist auch, dass in allen Filmen hier viel geraucht wird. Es wäre auc seltsam, wenn es anders wäre.

16.11.2006

Die August Bebel-Straße liegt neben der Lovestreet

von Detlef Kuhlbrodt

Nur wenige waren gekommen, um diesen wunderbaren rumänischen Film “Koks und Kohle” (2001) zu sehen und als er dann zu Ende war, gingen die meisten der Wenigen auch schon, weil sie kein Interesse an einer Diskussion hatten. Der Film von Cristi Puiu ist ein klasse direktes Road-Movie; junge Leute bringen in einem Auto Stoff von Constantia nach Bukarest und werden von Unbekannten verfolgt. Der Co-Autor des Films, Razvan Radulescu war auch gekommen, ein schmaler, melancholisch wirkender, gut aussehender Typ mit Ringen unter den Augen. Er ist an vier Filmen des Festivals beteiligt. Wir standen jedenfalls dann zu viert vor dem Kino (der als Kino benutzten “Kammerbühne” – ; dass es in Cottbus kein einziges Innenstadtkino gibt ist seit Jahren der running-gag des Festivals) in der schönen Sonne und rauchten Filterzigaretten; die Kuratorin der tollen Rumänienreihe, in der der Film lief – Elvira Geppert -, Boris Schönfelder von epd-Film und ich. Für den Produzenten war es vermutlich etwas frustrierend und ich konnte auch nicht viel mehr sagen, als dass ich den Film toll gefunden hatte.
Sie redeten über einen bekannteren Films von Cristi Puiu (“Der Tod des Herrn Lazarescu”), den ich leider nicht kannte und der in Cannes 2005 Preise gewonnen hatte und darüber, warum es so schwer ist, rumänische Filme auf den deutschen Markt zu bringen. Obgleich die rumänischen Filme, die ich kenne, tausendmal besser sind, als französische Produktionen, die ja gerne von Programmkinos gespielt werden. (Andererseits haben es rumänische Produktionen in Frankreich wiederum einfacher)

Wahrscheinlich finde ich rumänische Filme so gut, weil die Umgebung, in der sie spielen, noch nicht so fertig ist. Meist ist ja alles provisorisch, passt nicht zueinander, superschwierig und so und die sehr direkten Gefühle, die in dieser nicht-fertigen Umgebung entstehen, sprechen mich an; die Filmgefühle und Komplikationen der Fertigen dagegen nerven.

Abends war ich aus Quatsch und Interesse zu einem Empfang bei Vattenfall, dem Hauptsponsor des Festivals, gegangen, d.h. mit einem neuen Auto mit viel buntleuchtendem Spielkram drin gefahren worden. Manche fanden es falsch, dsss Roland Rust die antisemitischen Schmierereien nicht erwähnt hatte, die es am Tag des Festivalbeginns gegeben hatte und die hier ausgiebig in der Presse diskutiert werden. Rust ist ein um Harmonie bemühter Direktor. Wenn ich’s richtig notiert habe, sagte er – in seiner Vattenfallrede – irgendwann sogar: “Wir tanken hier Energie bei Vattenfall”. Auch das Motto für die Fokusländer Rumänien und Bulgarien “Sommer auf (oder vor – egal) dem Balkan” wurde gelobt, obgleich es ja ganz offensichtlich vorn überhaupt nicht stimmt; obgleich andererseits: Gestern war der heisseste Novembertag seit 100 Jahren. Heute ist es noch wärmer.
Und zum Milchkaffee gibt’s Kaffeesahne.
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15.11.2006

Cottbus, Anti-Nazi-Bank

von Detlef Kuhlbrodt

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Die meisten Bänke in diesem kleinen schönen Park im Ebert-Viertel, bzw. an einer Straße mit Puschkin im Titel,  sind mit Botschaften und Liebesbriefen vollgeschrieben. Es gibt aber auch eine “Anti-Nazi-Bank”.

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Trotz meiner Neigung zum Ethnomagnetismus werde ich am Samstag den FC Energie im Spiel gegen meine Lieblingsmannschaft nicht unterstützen.

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