Cottbus, für moralisch einwandfreie 4,90
von Detlef KuhlbrodtEs ist so: Zuhause ist man wieder ganz woanders. In Cottbus war man Teil eines Körpers mit diffusen Grenzen. War es ein organloser Körper? (was ist ein organloser Körper nochmal? Wie hatten Deleuze und Guattari noch einmal einen „organlosen Körper“ definiert und beschrieben?)
An einer dieser diffusen Aussengrenzen des Festivals schaute man aus dem Fenster des zehnten Stocks des Lindner-Kongreß-Hotels und bestaunte die Morgensonne oder wie hübsch die Wolken da neben und vor der Sonne aussahen und im Aufzug notierte man den komischen Satz, der neben dem Mittagsangebot des Hotels stand „für moralisch einwandfreie 4,90“ (echt); an einer anderen Grenze war man am Rande der Stadt in dem Vattenfall-Gebäude und ass Schnittchen oder stand in dieser komischen Raucherecke – (unter schicken Rauchabzugsdingern, die den Zigarettenrauch sofort wegsaugten) – und unterhielt sich mit einer bulgarischen Kollegin über Zigaretten.
Nachdem ich gesagt hatte, es gäbe eine klare „corelation“ (ein anderes Wort war mir nicht eingefallen) zwischen dem materiellen Reichtum einer Gesellschaft und dem Rauchen und dass deshalb noch lange in osteuropäischen Ländern mehr geraucht werden würde, als in Deutschland und dass deshalb logischerweise in der Ex-DDR auch mehr geraucht wird, als in München, und dass deshalb auch in allen osteuropäischen Filmen durchgehend geraucht wird, in deutschen aber kaum noch, hatte ich den Satz, obgleich er stimmte, gleich wieder zurücknehmen wollen, weil ich ihn irgendwie unhöflich fand; schwieg eine Weile und ließ die anderen reden)
An einer anderen Aussengrenze des Festivals tanzte man betrunken auf der Abschlußparty im Gladhouse zu so einer wilden Hard- oder Turbopolkamusik. (B hatte Gladhouse mit a und nicht ä ausgesprochen). Ich hatte mehr als ein halbes Jahr nicht mehr getanzt und es fühlte sich so ähnlich an, wie in den 90ern Technotanzen, nur war man nicht auf e oder bekifft, sondern betrunken.
Die Musik war ein Crossover zwischen Polka, Techno, House. Es war unglaublich kommunikativ. Die Leute schienen alle super. Leider musste ich irgendwann gegen vier noch gehen, weil ich am Sonntagvormittag noch meinen Festivalabschlusstext schreiben musste
Wir rauchten letzte Zigaretten vor dem Eingang. Einer der furchtbar betrunken war, wurde von den Türstehern mehrmals abgewiesen. Vieles in dieser Nacht war wie ein osteuropäischer Film gewesen. Dann torkelte ich gutgelaunt nach Hause.
Der Abend hatte am Nachmittag begonnen. Ich hatte zwei Schalkefans im Hotel getroffen. Einer hatte ein Varela-Trikot angehabt. Ich war dann jedenfalls in mein Hotelzimmer gefahren, hatte mir meinen Schalke-Schal umgewickelt und mich zu ihnen gesetzt. Sie waren aus dieser Gegend neben der holländischen Grenze gekommen und schon seit halb sieben unterwegs. Wir tranken Bier und sprachen über Schalke.
Ein Schauspieler setzte sich zu uns. Er hatte einen dunklen Anzug an und hörte sich gern reden. Mit seinem gepflegten Bart sah er so aus, wie jemand, den man aus dem Fernsehen kennt. Die Schalker sagten, ja das wäre ja super, dass alle (also ich und der Schauspieler und die Filmfachleute an den anderen Tischen nahebei) so normal, also nicht von herab oder so wirkten. Und der Schauspieler sagte dann so etwas in der Art wie, dass nur „die Kleinen“ (die Emporkömmlinge sozusagen) arrogant wären, auf Unterschiede bedacht, während die wirklich Großen es nicht nötig hätten, Rangunterschiede zu betonen. Er sagte das mit anderen, vorformuliert klingenden ( wie sagte man: leutseligen) Sätzen, die so klangen, als kämen sie aus einem Theaterstück oder Buch. Er sprach seine Sätze – mit wohlklingender, ausgebildeter Stimme, als säße er gerade vor einem Mikrofon – und schien leicht irritiert, dass niemand applaudierte.
Man hatte den Eindruck, er wollte damit sagen, er sei so ein wirklich Großer und dass er auch gar nicht merkte, was er da für einen Quatsch gesagt hatte.
Der eine Schalker sagte, er fände das nicht so.
Dann kam der Taxifahrer, der sich am Telefon unter dem Stichwort „Schalkefan“ gemeldet hatte. Während der Fahrt fragte ich ihn, wieviel Sorben es im Cottbus geben würde und er sagte „die Sorben und die Wenden, die klau‘n mit beiden Händen“ – haha. Irgendwie kannte er noch einen Puff und erzählte, er hätte da einen Polen hingefahren, der wäre so schüchtern gewesen, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen, den hätte er quasi da reinschieben müssen und dann hätte der Pole ihm auch eine Frau bezahlen wollen. Hatte er aber nicht gemacht. Hätte ich natürlich auch einfach so die fünfzig Euro nehmen können. Habs aber nicht gemacht. Wenn wir gewönnen, könnten wir danach ja noch hinföhren.
Erst hatte ich meinen Schalkeschal versteckt getragen, weil um mich herum lauter Cottbuser waren. Dann entdeckte ich aber noch zwei, drei weitere Schalke-Fans. Dann holte ich auch meinen Schal raus. Eine junge Frau machte viele Videos mit ihrer Digicam.
Die Cottbus-Fans in unserer Gegend waren okay. und man respektierte sich von Fan zu Fan. Irgendwie fand ich es sympathisch, dass manche nach dem zweiten Tor für Schalke schon gingen und sich nach dem Anschlusstreffer dann wieder reinstellten. Nur am Ende gab‘s zwei drei hochgradig Gestörte, aber der Gesamteindruck von den Cottbuser Fans war okay. Die brauchen halt bloß dringend ein neues Stadion. So eingequetscht wie dort habe ich noch nie Fussball geguckt.
Gestern war ich eigentlich entschlossen gewesen, noch ein bißchen mehr zu den Filmen auf dem Festival schreiben und was mir da auffiel und was und warum ich dies und das eben so supertoll gefunden hatte, war dann aber heute doch in so einem low-energy-loch gelandet.
Irgendwie war ich mit meinem Artikel zum Festival nicht richtig zufrieden gewesen, war alles zu ungenau und gestresst geschrieben; besonders blöd, dass ich vergessen hatte, dass ich selber das Foto von meinem Lieblings-rumänischen Film („12:08 East of Bucharest“ von Corneliu Porumboiu) gemacht hatte, nach dem ich in der Presseabteilung gefragt hatte und dass ich unter dem Artikel hatte haben wollen. Stattdessen hatten wir dann ein Foto von dem netten Trinkerpärchen in die Zeitung genommen, die vor dem Eingang der Cottbuser Stadthalle stehen.
Also hier dann das Foto, dass ich eigentlich hatte nehmen wollen.


