12.12.2006 von Detlef Kuhlbrodt
Zehn Stunden am Tag normal sind schon ein schönes Ergebnis.
Das gilt es auszubauen.
Was soll man auch aufschreiben.
Man hat genug damit zu tun, sich durch die Tage zu schleppen.
Und neben einem piepst es.
“Hallo…!” piepst es.
“Was ist denn?”
“Miauuuuu.”
“Bist du ein Hund … äh … eine Katze?”
Intensiveres Miauen.
“Hast du Hunger?”
“Miauuuuu.”
“Willst du Fische?”
“Miauuu.”
“Grüne oder rote?”
“Miauauuuu” (= unwichtig, that’s not the point)
“Soll ich dir sagen, wo die Fische sind?”
“Miauuuau” (zustimmend)
“Also da unter dem Scheibtisch.”
Er krabellt unter den Schreibtisch, verspeist rasend schnell ein paar imaginäre Fisch und schaut erwartungsfroh.
“Und da. Neben dem Bett.”
Freudig miauend krabbelt der kleine Freund neben das Bett und verspeist in Sekundenschnelle ein paar Fische.
Und guckt wieder fragend und faucht… weiter lesen
06.12.2006 von Detlef Kuhlbrodt
Vieles von dem, was man erlebt, kommt blitzartig und aus dem Zusammenhang gerissen vorbei, wenn man selber oft eher ein bißchen am Rande steht. Manche lesen auch “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” von Proust, um ihrem Leben eine Geschichte zu geben. An manchen Abenden, wenn man irgendwo ist, sammelt man Informationen, kleine Puzzlestücke.
Was war noch mal mit diesem Typen? Irgendwas war doch mit dem?
Jemand erzählt einem etwas über irgendjemanden anders, jemand sagt, er hätte gehört, dass …. und man versucht das dann zu korrigieren, nein; dass, was er gehört hätte, könne man so eigentlich nicht sagen und später denkt man, dass man eigentlich auch nicht mehr ganz genau weiss, wie es war.
Oder man sieht meinetwegen irgendetwas; Freitagnacht im ‘Golden Gate’, wie sich dieser betrunkene Autor mit seinem weissen I-Book auf den Schoß des schmalen, netten Lektors setzte, der letztes Jahr wohl sein… weiter lesen
18.11.2006 von Detlef Kuhlbrodt
Das Festival neigt sich dem Ende zu. Plötzlich gibt es auch Wolken. Vorhin guckte ich noch zwei bulgarische Filme. Im einen tranken die Helden erst in der einen, dann in der anderen Kneipe, sangen viel und erzählten sich Geschichten; der andere, 1995 gedreht, berichtete von einer Busfahrt; von Sofia nach Deutschland. Das Busfahrtfilmgenre ist logischerweise ein melancholisches Genre.
Heute abend werden die Preisträger gekrönt.
Heute morgen fing ich an, einen Artikel für die taz-Druckausgabe zu schreiben, der Montag erscheinen soll. Komisch, dass das soviel schwerer fällt, und viel weniger Spaß macht, als das direkte Schreiben hier.
Darüber wieder zu schreiben ist aber blöd; Film-im-Film-Filme, in denen ständig das eigene Filmen thematisiert wird, gefallen mir meist auch nicht wirklich.
Draußen, gleich neben dem Bus von Radio Eins, saß eine Frau. Sie heisst Marina, hatte ein kleines, rotes Radio aufgestellt und fragte, ob ich auch Lust hätte, Bier mit… weiter lesen
17.11.2006 von Detlef Kuhlbrodt
Im Festivalzentrum läuft die ganze Zeit Radio-100. Auf dem Vorplatz, hinter den großen Glasscheiben, trinken Jugendliche Bier und rauchen. Misstrauisch guckt man von innen nach außen und von ausen nach innen, so kommt es mir vor. Die Sonne scheint und ich beginne das Zeitgefühl zu verlieren. Mir ist schon klar, dass jetzt grad Vormittag ist, aber ich habe kein Gefühl für den Wochentag oder die Jahreszeit. Vielleicht sitze ich ja auch schon Jahre hier oder bin im Urlaub und es ist Juni 2003. Dann haben sich Wolken vor die Sonne geschoben.
Die Leute vom Fahrdienst sitzen in der Nähe und warten darauf, dass sie gebraucht werden. Die meisten vom Festival tragen rote T-Shirts und was Schwarzes noch. Der Sound in dem modernen Betonbau stimmt von ferne leicht melancholisch.
Gestern abend traf ich Kornel Miglus; ein alter Freund, Regisseur, der für’s polnische Kulturzentrum in Berlin arbeitet. Er war nur… weiter lesen
16.11.2006 von Detlef Kuhlbrodt
Nur wenige waren gekommen, um diesen wunderbaren rumänischen Film “Koks und Kohle” (2001) zu sehen und als er dann zu Ende war, gingen die meisten der Wenigen auch schon, weil sie kein Interesse an einer Diskussion hatten. Der Film von Cristi Puiu ist ein klasse direktes Road-Movie; junge Leute bringen in einem Auto Stoff von Constantia nach Bukarest und werden von Unbekannten verfolgt. Der Co-Autor des Films, Razvan Radulescu war auch gekommen, ein schmaler, melancholisch wirkender, gut aussehender Typ mit Ringen unter den Augen. Er ist an vier Filmen des Festivals beteiligt. Wir standen jedenfalls dann zu viert vor dem Kino (der als Kino benutzten “Kammerbühne” – ; dass es in Cottbus kein einziges Innenstadtkino gibt ist seit Jahren der running-gag des Festivals) in der schönen Sonne und rauchten Filterzigaretten; die Kuratorin der tollen Rumänienreihe, in der der Film lief – Elvira Geppert -, Boris Schönfelder von epd-Film und ich.… weiter lesen
07.11.2006 von Detlef Kuhlbrodt
Novemberfilme
Keine Lust, die Entscheidungen der Jury zu kommentieren. Den israelischen Gewinnerfilm – “the cimetery club” – der von alten Leuten handelt, die sich immer auf dem Friedhof treffen, hatte ich das erste Mal verpasst und das zweite Mal hatte es eine kurzfristige Saalbelegungsänderung gegeben – ich hatte also gemeint in diesen Film zu gehen und war stattdessen in “Kehraus, wieder” von Gerd Kroske gelandet. (Kroske hatte irgendwann bei der Diskussion gesagt, er fände die politische Situation “nicht so prickelnd”. “Nicht so prickelnd” ist auch so ein seltsames Idiom; lange nicht mehr gehört)
In den anderen Gewinnerfilm, “Exile Family Movie” aus Österreich war ich nicht gegangen, weil ich den Text zu dem Film irgendwie doof fand: “Wie kann man in einer Zeit, in der intimste Beichten öffentlich am Handy ausgeplaudert werden, einen Film über seine Familie drehen, ohne in die Falle der trivialen Bekenntnisse zu laufen? “Exile Family Movie”… weiter lesen
04.11.2006 von Detlef Kuhlbrodt
Nun gehört man also auch zu den Leuten, die im Zug an einem Laptop sitzen. Mir gegenüber sitzt ein anderer, der auch seinen Laptop anhat. Er trägt eine Mütze und kommt glaube ich aus Polen. Er versucht ein Spiel zu spielen, dass er einer Zeitschrift entnommen hat. Sein Trackpad funktioniert nicht. Es reagiert nicht. Manchmal macht er verzweifelte Gesten zum Himmel hin. Dann wendet er sich wieder einer Autozeitung zu. Als er in Berlin den Zug verlässt, wünscht er mir noch einen guten Tag.Ein anderer, ein älterer Mann mit vertrauensvollem Gesicht, schräg gegenüber, liest in der FAZ. Zwei schmale ägyptische Männer im Blaumann setzen sich für zehn Minuten nebeneinander hin. Ich fahre mit dem Rücken voran in die Zukunft. Schade, dass ich das DOK-Festival vor dem Ende verlassen musste. Richtung Schleswig-Holstein. Über’s Wochenende kann meine Mutter aus der Klinik. Am Sonntag ist der Geburtstag meines Vaters. Er starb im Frühjahr… weiter lesen
03.11.2006 von Detlef Kuhlbrodt

Stanley Nelsons Film “Jonestown” erzählt von einer der großen, geheimnsiträchtigen Tragödien der 70er Jahre. Dem Massenselbstmord von 900 Anhängern der Volkstempel-Sekte (“People’s Temple”), einer fundamentalistischen christlichen Gruppierung, die in San Francisco gegründet wurde und schließlich in Guyana Zuflucht suchte. Ihr charismatischer Führer, Jim Jones, predigte Revolution und Utopie. Seine antirassistische Kirche, die Gottesdienste etc. wirken schwarz. Es ging um eine Mischung aus spiritueller Erfüllung und politischem, linken Engagement. Seine Großkommune – mit vielen Tausend Mitgliedern – war urkommunistisch organisiert; erinnert an die AAO-Kommune von Otto Mühl, die zur gleichen Zeit von Österreich ausgehend sehr beliebt und einflussreich war.
Die Mitglieder des “People’s Temple” wirken authentischer, weniger ferngesteuert, fröhlicher , halt so gospelmäßig, als die Leute, die ich in Dokumentaraufnahmen von der AAO mal gesehen habe.
Bis 1977 war Jim Jones politischer Einfluss sehr groß. Sein Tempel sorgte etwa dafür, dass ein demokratischer Kandidat die Gouverneurswahlen gewann.
Als… weiter lesen
02.11.2006 von Detlef Kuhlbrodt
Am Frühstückstisch hatten wir der Kollegin, die erst gestern abend gekommen war, von den Filmen erzählt, die wir toll gefunden hatten und auch die erwähnt, die wir uninteressant gefunden hatten. Dr. Grit Lemke, die seit der Wende glaube ich für’s Festival arbeitet (wir kennen und schätzen uns jedenfalls seitdem ich hier auf dem Festival vor zehn oder zwölf Jahren zum ersten Mal war), hatte gesagt, sie fände es komisch, wenn man sie mit Dr anrede, obgleich sie genau so im Programm steht. “Eigentlich bist du ja auch Mtglied im Club der einfachen Menschen, oder.” – “Das hast du aber schön gesagt.”

Der Club der einfachen Menschen, war eine Kategorie, die der berliner Schriftsteller Peter Wawerzinek mal Anfang der 90er in’s Gespräch gebracht hatte, um die Position die er und sein Freund Matthias Baader Holst in der Endphase des sogenannten DDR-Undergrounds eingenommen hatten (um sich von dem quasi etablierten Underground… weiter lesen