vontazlab 12.04.2014

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Von Julia Rothenburg

„Wenn ich den Titel der Veranstaltung gewusst hätte, wäre ich überhaupt nicht gekommen“, sagt Julian Nida-Rümelin, ehemaliger Staatsminister und Professor für Philosophie und Politik in München. Unter dem Titel „Abbitte – wo irrt die Bologna-Kritik“ diskutiert er im Orchideengarten mit Anna Lehmann, Bildungsredakteurin der taz, über die deutsche Hochschullandschaft. Rund 15 Jahre ist es her, dass 29 europäische MinisterInnen in der italienischen Stadt Bologna eine Erklärung unterzeichneten und damit eine grundlegende Reform des europäischen Hochschulwesens anstießen. Nida-Rümelin formulierte seitdem immer wieder harte Kritik. Die will er auch heute nicht zurücknehmen. „Dieser Wunsch nach Abbitte erinnert mich an die Schauprozesse nach der französischen Revolution, außer, dass es hier keine Todesstrafe gibt. Ich glaube man muss keine Abbitte an der Kritik leisten, diese Kritik war wichtig“, sagt er.

Trotzdem gibt er zu, dass an Bologna auch nicht alles schlecht sei: „Ich will keinesfalls zurückkehren. Bologna hat einen Rahmen gesetzt, man muss bloß aufpassen, dass die Webfehler da nicht durchschlagen.“ Und das sind laut Nida-Rümelin vor allem die Modularisierung und die starke Ausrichtung an der „employability“, das heißt der Orientierung an der Berufsvermittlung, der Studierenden. Das führe dazu, dass vor allem die Zahlen der Studierenden der Geisteswissenschaften massiv zurück gegangen seien, so Nida-Rübelin. Die Botschaft „studiert was anständiges“ sei angekommen und zerstöre die Idee des humboldtschen Lernens. „Studieren ist heute nicht mehr das, was es mal war“, sagt er. „Ich sehe das als einen wirklichen Kulturverlust.“

Aber nicht alles, was im derzeitigen Bildungssystem falsch läuft, gehe auch auf das Konto von Bologna. Seit Jahren, so Nida-Rümelin, habe sich in Deutschland das Denken durchgesetzt, dass man im europäisch-amerikanischen Bildungsvergleich hinterherhinke, weil Deutschland eine niedrigere AkademikerInnenquote habe. Das zeige langsam Wirkung, seit Jahren steigen die Studierendenzahlen konstant an. Doch unter der vermeintlich egalitären Forderung, jeder solle studieren dürfen, verberge sich ein „akademischer Bildungsdünkel“. Denn damit, so Nida-Rümelin, der derzeit an einem Buch zu diesem Thema arbeitet, werde behauptet, dass nur Hochschulbildung auch wirkliche Bildung sei.

„Das impliziert, dass ein Schreiner nichts gelernt hat“, kritisiert er. Dabei gebe es in Deutschland eine beispielslose Vielfalt an Ausbildungsmöglichkeiten, weit mehr als etwa in den USA, wo es neben dem Studium nicht viele Möglichkeiten zur Weiterbildung gebe. Die Botschaft, die sich hierzulande durchsetze „wer nicht studiert, ist irgendwie auf dem Wege zum Scheitern“, sei falsch. „Das Studium ist kein Bonbon“, sagt er. Man solle daher auch nicht versuchen, es allen Auszubildenden als solches zu verkaufen. Das gilt vermutlich auch für Studieninteressierte. Denn mit den Schwachstellen der Bologna-Reformen ist es doch zumindest ein bittersüßes.

Foto: Paddy Bauer

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kommentare

  • Der Weg nach Bologna war und ist ein Holzweg. Der Bachelor impliziert eine nutzlose Verflachung des akademischen Niveaus. Gleichzeitig zerstört der Akademisierungswahn die Stärken des bundesdeutschen dualen Ausbildungssystems. Wenn die Studienabbrecher die neuen Facharbeiter werden (sollen), dann ist das eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen. Wir sollten wieder stärker auf unsere eigenen Stärken vertrauen, statt uns von der OECD in die Irre führen zu lassen.

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