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vontazlab 12.04.2014

taz lab

Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

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Von Ghassan Abid

Thomas Burkhalter, Jahrgang 1973, ist Gründer und Chefredakteur der Onlineplattform Norient – Network for Local and Global Sounds and Media Culture. Der Schweizer arbeitet als Kulturschaffender interdisziplinär.

tazlab-Blogger: Hallo Thomas, du bist Musikethnologe. Was versteckt sich hinter diesem Begriff?

Thomas Burkhalter: Musikethnologen erforschen Musik und Gesellschaften. Sie erforschen auf der einen Seite was musikalisch passiert, auf der ganzen Welt. Früher war das meistens außerhalb von Europa. Heute gibt es auch die Musikethnologie in Europa und in den USA. Und auf der anderen Seite ist es auch eine Analyse und Forschung zur Funktion der Rolle von Musik in Gesellschaften.

Du forscht und arbeitest seit 1997 als Musikjournalist. Warum diese zusätzliche Mehrarbeit?

Schwierige Frage… Als ich angefangen habe, im Jahr 1997, über Musik in Afrika, in der arabischen Welt und in Indien zu arbeiten, da habe ich eben nicht zu traditioneller Musik gearbeitet, nicht zur Volksmusik. Sondern zu experimenteller und subkultureller Urbanmusik. Und das war ein wenig neu in der damaligen Zeit. Von daher hatten man keine vorgegebenen Berufswege. Man war immer ein bisschen der Exot. Aus meinem Naturell, als Freischaffender, hat sich dieser Mix ergeben. Es ist auch eine Überlebensstrategie. Ich arbeite akutell an zehn Projekten gleichzeitig.

Die Weltmusik interessiert dich sehr. Wie kann diese charakterisiert werden?

Weltmusik ist heutzutage ein Netzwerk von Labels, Veranstaltungen und Fans, die eine bestimmte Musik mögen. Ich selber fühle mich nicht als Teil der Weltmusik. Ich bin eher an Nischenmusikszenen interessiert , die heute immer mehr global und transnational funktionieren.

Lassen sich Regionen feststellen, die weitgehend von westlichen Einflüssen frei sind?

Das glaube ich nicht… vielleicht Nordkorea. Ich glaube, die Leute interessieren sich für Neues und haben Möglichkeiten, sich zu informieren und kommunizieren über Grenzen hinweg. Viele Menschen sind in ihren Gedanken und Träumen Weltbürger – auch wenn es natürlich viele Grenzen gibt.

Die libanesische Musikszene gilt innerhalb der arabischen Welt als sehr beliebt, die Superstars wie Haifa, Nancy Ajram oder Elissa hervorgebracht hat. Dennoch sind diese Namen in Europa nahezu unbekannt. Warum?

Ich wurde einmal von einem Festival in der Schweiz angefragt, einen arabischen Popstar in die Schweiz zu holen. Und wir haben die Manager von Nancy Ajram getroffen. Aber die wollten 70.000 bis 80.000 Euro. Sie brauchen Europa nicht. Sie haben bereits ihre Konzerte und spielen vor reichen Scheichs und reichen Geschäftsmännern in der arabischen Welt. Wir können nicht mehr mithalten.

Du hattest dich schon mal mit der südafrikanischen Kwaito-Szene auseinandergesetzt. Diese gilt vielen Kennern einerseits als traditionell und andererseits als westlich. Welche Globalisierungsprozesse lassen sich im europäisch-afrikanischen Kontext feststellen?

Ich glaube, dass die Leute, die heute Musik machen und produzieren, sich weltweit informieren und ihre Soundbeats-Grenzen austesten. Und sie passen sich auf den verschiedenen Plattformen an. Einige Künstler spielen in Südafrika anderen House, als in Deutschland. Andere konzentrieren sich auf den lokalen Markt.

Südafrikanische Klick-Laute wie die von Miriam Makeba bleiben unvergessen. Warum werden in deutschen Radiosendern solche „exotischen Songs“ kaum abgespielt? Fehlt es an der Nachfrage der Zuhörer?

Ich glaube es gibt zwei Gründe. Es ist für Kunst und Künstler überall schwer in der Gesellschaft wirklich wahrgenommen zu werden – im Gegensatz vielleicht zu Sportlern und Sport. Ferner ist die deutsche und europäische Medienlandschaft in der Krise. Deshalb kommt die Nischenmusik nicht durch. Viele Künstler sind längst abgewandert ins Internet und die traditionellen Medien können nicht mehr mithalten.

Du bist Gründer und Chefredakteur der Onlineplattform „Norient“. Welche Ambitionen werden mit diesem Projekt verfolgt?

Die Idee dahinter war, Musik aus Afrika oder Lateinamerika – die nicht nur traditionell klingt – in Europa vorzustellen. Spannende experimentelle Musik, Club- und Popmusik. Mittlerweile eine Plattform, die auch Musik aus Europa und den USA vorstellt. Und wir wollen die erste von der dritten Welt nicht voneinander abgrenzen. Uns interessieren transnationale Nischenszenen. Das Ziel ist es, neue künstlerischen Produktionen als Ausdruck von neuen Weltbildern der Öffentlichkeit zu zeigen.

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