vontazlab 12.04.2014

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Von Fatma Aydemir

Es gibt Wörter, die lösen einen nur schwer zu erklärenden, aber dafür umso tiefer greifenden Ekel aus. Weltmusik ist so eins. Warum das so ist, versuchen Autorin Claudia Basrawi, Musikethnologe Thomas Burkhalter (Norient Sounds) und Musiker Andi Teichmann (eine Hälfte der Gebrüder Teichmann) zu erörtern, bei „Euroglobale Musik – Oder die Krux mit der Weltmusik“.

Von seinem ersten Kontakt zu außereuropäischer Musik erzählt Burkhalter, dass er früher im Jazz-Bereich sehr aktiv war und schon früh gemerkt habe, dass es in arabischen Ländern oder auch in Indien eine große Experimental-Szene gab, also abseits der in Europa bekannten traditionellen Musiker. Gegen 2000/01 ging Burkhalter mehrmals nach Beirut, um Reportagen über die dortigen subkulturellen Szenen zu schreiben. Doch im deutschsprachigen Raum zeigte man wenig Interesse für Künstler, die keinen Europäischen Vertrieb hatten, weshalb Burkhalter immer auch bekannte Namen droppen musste, um die Texte zu verkaufen. Die eigene Version landete dann auf seiner Website.

Teichmann sagt, er habe während der vielen Clubgigs in Paris oder Barcelona gemerkt, dass ihn Westeuropa nicht mehr ausfülle. Er erzählt von einer prägenden Reise nach Sarajevo, wo man sich mit vielen Leuten ausgetauscht habe, die zwar unter ganz anderen, schwierigen Umständen, jedoch aus denselben Impulsen heraus interessante Musik gemacht hätten. So sei er weitergereist nach Afrika und nach Südamerika, um spannende Musik und deren soziokulturellen Kontext zu erschließen. Letzterer sei ihm sehr wichtig, sagt Teichmann, und sieht das Gegenteil im Begriff „Weltmusik“, der gefällig zusammengemischte, kitschige Festivalmusik bezeichne, zu der Europäer am liebsten „Wurscht und Semmel“ essen.

„Was genau ist diese kitschige Weltmusik?“, fragt Basrawi, die im Libanon geboren ist, aber durch ihre Familie keinerlei Kontakt zu klassischer arabischer Musik vermittelt bekommen habe, wie sie erzählt. „Ich würde sagen, es ist das Gegenteil von jener fragilen Musik, die nicht auf jeder Bühne funktioniert und als Fertigware verkäuflich ist“, lautet Burkhalters Antwort. Dann geht es um Death-Metal-Proben in Beiruter Villen und den Umstand, dass es jenseits des Westens eher wohlhabenderen Musikern vorbehalten bleibe, alternative Musikstile auszuprobieren.

Daraufhin erzählt Basrawi von ihren Erlebnissen in Ägypten, wo sie eine Veranstaltung des Labels 100Copies entdeckte und sehr befremdlich fand. Von einer belebten Kairoer Straße ging es in einen Club, der genauso gut hätte in Berlin sein können. „Man konnte nicht sagen, ob es Europäer, Amerikaner oder Ägypter waren, die sich dort aufhielten. Auf jeden Fall stammen sie aus der Mittelschicht. Irgendwie konnte ich das nicht ernst nehmen“, sagt Baswari und erntet Stirnrunzeln bei ihren Rednern. Klar. Wenn der Club in Kairo zu ähnlich zu dem ist, was man kennt, und zu unterschiedlich zu dem, was man erwartet, dann sind wir ja quasi wieder beim Konzept des Weltmusik-Begriffs.

„Hm, das finde ich jetzt etwas heikel formuliert“, sagt Burkhalter. Immerhin würde das Label 100Copies Tag und Nacht arbeiten, um alternative musikalische Positionen in Ägypten zu repräsentieren, sei also eine wichtige Institution des Undergrounds, auch wenn sie verhältnismäßig reich sei.

„Ich finde es natürlich auch interessanter, wenn Musiker aus dem Slum kommen,“ merkt Teichmann dazu an, „aber in Kabul zum Beispiel gibt es keine experimentelle Musik, die nicht aus der gehobenen Mittelschicht kommt.“ Ein Disqualifikationsgrund könne Reichtum also nicht sein.

Im Bild (von links): Autorin Claudia Basrawi, Musikethnologe Thomas Burkhalter, Musiker Andi Teichmann

Foto: David Oliveira

 

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