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vontazlab 16.04.2014

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Von Paul Henschel

„Es kann nicht normal sein, dass Menschen ihre Körper wie Ware verkaufen.“ – Cathrin Schauer

„Der deutsche Weg ist ein Desaster und Skandal!“ – mit diesen Worten eröffnete die Moderatorin des Panels, Manuela Heim die international und kontrovers besetzte Podiumsdiskussion zum Thema Prostitution. Als erstes wurde Cathrin Schauer das Wort erteilt. Sie ist Geschäftsführerin der Beratungsstelle „Karo“, die an der tschechischen Grenze Prostituierte betreut und für ein Sexkaufverbot plädiert: „Es kann nicht normal sein, dass Menschen ihre Körper wie Ware verkaufen.“

Mit der Legalisierung in Deutschland und den Niederlanden sei eine milliardenschwere Industrie entstanden. Sie habe noch nie eine Frau getroffen, die freiwillig in die Prostitution gelangte. Sexuelle Gewalt und sexueller Missbrauch seien die häufigsten Gründe.

Wirtschaftliche Not zählte sie auch zum Feld Zwangsprostitution dazu, was bei der Aktivistin &  Sexarbeiterin Pye Jakobsson aus Schweden nur ein Schmunzeln hervorrief. Immerhin gebe es auch andere Auswege aus finanziellen Nöten. Jakobsson zähle sich selbst zu denjenigen, die mittlerweile selbstbestimmt als Prostituierte arbeiten. Auch wenn das nicht immer der Fall war, wie sie einräumte.

Konträr zu Schauers Ansichten formulierte der niederländische Soziologe Jan Visser, dass er bei seiner Arbeit sehr wohl selbstbestimmte und freiwillige Sexarbeiterinnen angetroffen habe. Er arbeitete für die Selbsthilfeorganisation „De Rode Draad“.

Seriöse Zahlen zur Sexarbeit sind schwer zu ermitteln, konstatierte Jan Visser. Schätzungen für Deutschland beispielsweise schwanken zwischen 200.000 und 1 Mio. SexarbeiterInnen, die Dunkelziffer darf als wesentlich höher vermutet werden. Schätzungsweise 90-95 % der Prostituierten hätten migrantische Wurzeln. Auch hier operiere man jedoch nur mit ungefähren Zahlen.

„Dem Mann, dem Kunden, der auf ein Mädchen trifft, das kein Deutsch spricht und verschüchtert in der Ecke sitzt, muss klar sein, dass sie das nicht freiwillig macht“

Cathrin Schauer bescheinigte der Situation der SexarbeiterInnen in ihrem Arbeitsbereich keine verbesserte Situation, seit Inkrafttreten des novellierten deutschen Prostitutionsgesetzes. Sie forderte dringend ein neues Gesetz und eine Anhebung der Altersgrenze für Sexarbeit auf 21 Jahre. Gleichermaßen wissenschaftlich wie auch ideologisch geprägt, setzte sich die Diskussion fort. Das Gefühl, genauso schlau zu sein wie vorher, beschlich nicht nur mich als Blogger.

Auch im Publikum schien man eher zerknirscht ob der Diskussion, wie schon die erste Wortmeldung zeigte. Der Zuschauer bemängelte zudem, dass die Sicht des Konsumenten, des Freiers außer Acht gelassen wurde. „Dem Mann, dem Kunden, der auf ein Mädchen trifft, das kein Deutsch spricht und verschüchtert in der Ecke sitzt, muss klar sein, dass sie das nicht freiwillig macht“, entgegnete Cathrin Schauer.

Wenn man eines lernen konnte, dann das zum Zankapfel Sexarbeit unterschiedlichste Realitäten und Wahrnehmungen existieren, die nur schwer in Einklang zu bringen sind. Eigentlich ist diese Erkenntnis nicht der schlechteste Verdienst dieses streitbaren Panels.

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kommentare

  • Ich würde auch verschüchtert in der Ecke sitzen wenn ich als 18jähriger ohne Deutschkenntnisse z.B. Äpfel verkaufen müsste.
    Ich finde es auch beschämend, dass es in Europa Menschen gibt, die ihren Lebensunterhalt nur durch Prostitution bestreiten können. Diese Frauen sehen darin eine Chance, auch wenn sie ihren Job als schlecht empfinden.
    Geht es aber dem Schlachtereiarbeiter aus Rumänien nicht auch so? Den vielen Erntehelfer_Innen, Haushaltshilfen etc?

    • So ein … Kommentar denkt doch mal darüber nach wie es wäre, wenn ihr selbst euren Körper verkaufen müsstest. Das ist kein Vergleich zum Äpfel verkaufen oder sonstiges…..

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