Existenzen im Westen: „Ein scheißkompliziertes Leben“

Erschöpfung? Der Kongress neigt sich dem Ende zu. Der letzte Einsatz. Die Gutscheine für Kaffee sind verbraucht. Das Thema: Wie erschöpft ist der Westen? – irgendwie passend.

Das Zelt ist voll, schon 15 Minuten vor Beginn. Erschöpfte Menschen schleppen sich herein. Müde, ausgezehrt, alle Sitzplätze sind belegt. Geht es jetzt los? Kann ich noch zuhören, folgen, verstehen? Zehn Minuten Verspätung; der Zug von Iris Radisch, Leiterin des Feuilleton der Zeit, ist noch nicht da. Ein Raunen geht durch die Menge.

Immerhin werden jetzt wieder Sitzplätze frei. Anspannung liegt auf den Gesichtern. Laufen, stehen, warten und intelligent sein – das ist viel für einen Tag, oder das ganze Leben. Neben dem Zelt gibt es Gerangel. Vermutlich geht es um Sitzplätze und das Erreichen der ganz persönlichen Grenze.

Es geht los! Nils Minkmar ist nicht da. Seine Frau und sein Kind sind krank. Er lässt sich entschuldigen. Dirk Knipphals leitet ein mit einer literarischen Vorlage von Michel Houellebecq. Kinderlosigkeit als endgültiger Erschöpfungszustand der westlichen Gesellschaft – de facto die Selbstabschaffung.

„Man springt immer durch das Erschöpfungsthema.“

Radisch kann dem zustimmen: Der westliche Mensch, als selbsternannte Krone der Schöpfung, kann sich nicht mehr reproduzieren. Eine gewisse Ironie. Nur mit der Rückkehr zum islamischen Patriarchat, dass Beck als Lösung angibt, kann sie sich nicht anfreunden.

Martin Altmeyer ist Psychologe und Autor. Er sieht die These einer Ermüdung der Gesellschaft durch den Kapitalismus kritisch. Für ihn ist die Debatte ein kulturpessimistischer Überbietungswettbewerb von Philosophen wie Zizek. Es sei keine Gesellschaftsbeschreibung, sondern theoriegeschwängerte Meinung. Mit Studien ließe sich dies alles nicht belegen. Es seien Behauptungen ohne Befunde. Sie entsprechen dem Zeitgeist, sind kapitalismuskritisch.

Altmeyer ärgert sich über die Linken, sie hätten die Trauerarbeit über die verlorene Utopie des Kommunismus nicht geleistet. Bei Houellebecq gehe es ohnehin nur um ein Europa ohne Migranten. Hinter der Feststellung des Selbstabbaus des Westens liegt die Angst vor dem Verlust einer homogenen Gesellschaft.

Knipphals wirft ein: „Man springt immer durch das Erschöpfungsthema.“ Da hat er Recht. Es geht weiter mit Byung-Chul Han, Heidegger, Habermas. So langsam verdeutlicht es sich, Radisch und Michael Angele, der stellvertretende Chefredakteur des Freitag,sehen die Ermüdungserscheinungen innerhalb der Gesellschaft als Lebensgefühl. Die Diskussion bleibt gespalten.

„Die Pathologie des Wohlstands kann kein Arzt bestätigen“, will Radisch Altmeyer widerlegen. Schließlich können sich Moderator Dirk Knipphals, Michael Angele und Iris Radisch auf die Ambivalenz des Lebens einigen. Oder in Knipphals Worten: „Ein scheißkompliziertes Leben.“

Ambivalenz und Ironie seien die Stärken des Westens. Jedoch werden sie nicht belohnt, meint Angele. Als Autor eines Leitartikels oder als Politiker dürfte man nicht sagen, man wisse es nicht so genau.

„Was kann man denn machen?“, fragt Angele. Manche Menschen wüssten, was richtig für sie ist. Eine Kollege habe mit der Schweinezucht angefangen. Für viele Schichten der Gesellschaft sei der Wandel möglich. Radisch stellt dagegen, viele Menschen seien in einer Machtlosigkeit gefangen, für die Griechen mache es kaum einen Unterschied, wen sie wählen.

Am Ende der Diskussion ist die Antwort auf die Frage „Wie erschöpft ist der Westen?“ wohl eine Gegenfrage: Ist er das?

Andreas Schmaltz

Den Podcast der Veranstaltung können Sie hier nachhören.

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