Homosexualität_en im Museum: Ein modernes Identitätskonzept?

Erstmals widmet sich ein großes Deutsches Museum der Geschichte nicht-heterosexueller Menschen und Bewegungen Deutschlands. Über die kommende Ausstellung HOMOSEXUALITÄT_EN im DHM und im Schwulen Museum*, sprach taz-Redakteurt Manuel Schubert mit der Projektleiterin und Co-Kuratorin Birgit Bosold: „Queeres Gedächtnis, queere Erbschaften“.

„Erinnerungen nur im Kopf“: Von 7000 Exponaten in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums hätten vielleicht zehn(!) einen Bezug zu homosexueller Geschichte. Diese sichtbar zu machen und einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, ist Ziel der Ausstellung Homosexualität_en im Schwulen Museum* und im Deutschen Historischen Museum. Es ist die erste mit Bundesmitteln finanzierte Ausstellung ihrer Art.

Alle marginalisierten Gruppen hätten das Problem, dass ihre Zeugnisse nicht aufbewahrt, nicht ins „offizielle Gedächtnis“ aufgenommen würden. Die Geschichte homosexueller Menschen könnte daher häufig nur in „trickreichen“ Suchbewegungen sichtbar gemacht werde: „Spuren nicht heteronormativer Menschen findet man häufig nur in Gerichtsakten“, erklärt Birgit Bosold.

Mit Exponaten aus dem Schwulen Museum* und anderen Archiven „von unten“, Plakaten, Protokollen, Fotografien und Kunstwerken werde die Geschichte der Homosexuellen in einer großen, „künstlerischen Installation“ dargestellt.

Solange die Legitimität homosexueller Lebensentwürfe noch umstritten seien, müsse man deutlich machen, worum es geht.

Ziel war für Birgit Bosold, sowohl die queere Community anzusprechen als auch ein breites Publikum zu erreichen. Die Ausstellungsmacher*innen hätten hier eine Doppelrolle: Für das Deutsche Historische Museum seien sie Dissidenten, die jene Geschichte sichtbar machten, die das Museum eigentlich nicht zeige. Für die queere Community dagegen nähmen sie eine hegemoniale Position ein, denn sie bestimmten, was wie gezeigt werde.

Um diese Position zu brechen, würden besonders die Aspekte der homosexuellen Bewegung gezeigt, die es heute nicht mehr gibt, es nie in den Mainstream geschafft hätten: ein „Bewegungsdepot“ der „Opposition in der Opposition“.

Bosolt begründet auch den Titel der Ausstellung, Homosexualität_en, mit der großen Reichweite des „Schlachtschiffes“ Deutsches Historisches Museum: Solange die Legitimität homosexueller Lebensentwürfe noch umstritten seien, müsse man deutlich machen, worum es geht.

Politischer Anspruch der Ausstellung sei die Sichtbarmachung – mit den Bezeichnungen „queer“ oder „LGBTIQ*“ hätte sich dies nicht erreichen lassen. Die Gender-Gap in Homosexualität_en nähme Bezug auf Homosexualität als modernes Identitätskonzept, das immer auch mit Geschlechterordnung zu tun habe.

Homosexualität_en. Ausstellung vom 26. Juni bis 1. Dezember 2015 im Deutschen Historischen Museum und im Schwulen Museum* Berlin. Ergänzt durch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Panels, Vortragen und Filmreihe im Zeughauskino.

Hanna Leister

Das Gespräch lässt sich im taz.lab-Podcast nachhören.

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