Kleine Geschichte der schwulen Selfies

Schwule und Lesben sind laut und bunt. Anders und gefährlich. Fabelwesen, die ein festes Repertoire an Abnormitäten und Verhaltensmustern besitzen, an Hand derer man sie leicht identifizieren und klassifizieren kann.

Susanne Regener, Professorin für Kultur und Medienwissenschaften an der Universität Siegen, will die Homo-Stereotypen des Medienmainstreams aufmischen. Seit Jahren  forscht sie über Selbst- und Fremdbilder von Outsider-Kulturen. Sie will, dass das Fabelwesen zum Menschen wird.  Die queere Szene leide darunter, dass Medien seit Generationen insbesondere Homosexuelle Menschen nur einseitig porträtieren – und dabei helfen gängige Klischees zu etablieren.

Im Schnelldurchlauf führt Regener in der Podiumsdiskussion „Bilder von Anderen“ durch die Bildergeschichte des queeren Lebensstils: Wo man in den Quellen der 30er- und 40er-Jahren vor allem Polizeiaufnahmen fände, auf denen transsexuelle Männer in ihrer „unsittlichen Verkleidung“ als Verbrecher posieren mussten, sehe die Bilderwelt der queeren Szene in den 50er und 60er Jahren schon ganz anders aus. Die Fremdbilder werden zu Selbstbildern: Insbesondere der schwule Mann beginnt sich in Untergrundmagazinen eine Identität durch Selbstportraits zu schaffen. Die Fotografien verbreiten sich in ganz Europa, es wächst eine Community heran, die sich „geheime Refugien“ schafft, wie es Krautreporter Hans Hütt nennt. Der Journalist und Autor springt mit seinem Vortrag in die Gegenwart der digitalen Bildkultur. Von nun an reden die beiden Gesprächspartner leider aneinander vorbei, statt miteinander. Während Regener sich weiterhin auf die Mediengeschichte konzentriert, beschreibt Hütt am Beispiel von homosexueller Selbstdarstellung im Netz, die Pros und Cons der Auflösung von Privatem und Öffentlichen.

Er sieht im Zeitalter der Webcam-Pornos und der Live-Masturbationen, bei denen Tausende zusehen, ein Zeitalter der Identitätsonanie: Es herrsche ein purer Exhibitionismus der eigenen Sexualität. Dieser Exhibitionismus, bei dem jedes Selbstbildnis von anderen ausgewertet und verbreitet wird,  löse die Grenze von Fremdbild und Selbstbild, von öffentlich und privat, gänzlich auf. Die queere Fotografie aus den 40ern Jahren bezeichnete er in diesem Zusammenhang als bereits „archäologische Zeugnisse.“ Heute befänden wir uns in einer Realität, in der jede digitale Spur der eigenen Sexualität potenziell von anderen missbraucht werden kann.

Regeners These dazu: Wenn wir alle zu Medienakteuren geworden sind, tragen wir auch alle Verantwortung. Und wer Klischeebildern etwas entgegensetzen wolle, müsse sich bemühen, Content in Umlauf zu bringen, der auch andere Lebenswelten queerer Gemeinden abbildet. Inspiration fände man hierfür vor allem in Einrichtungen wie dem Schwulen Museum in Berlin, das historisches Bildmaterial von homosexuellen Männern aus allen Epochen sammelt und Forschern zugänglich macht. Das Ziel von Regener: Alle – ob User, Blogger, Wissenschaftler oder Kuratoren,  müssen zusammen daran arbeiten, dass die unglaubliche Vielfalt der LGTB- Community ins öffentliche Bewusstsein tritt. Nur so könne Klischees und Verallgemeinerungen vorgebeugt werden. „Jeder muss ran.“

Morgane Llanque

1 Kommentar

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  1. Was man über Exhibitionismus wissen sollte – daher:
    Aufklären statt Panik machen.
    Man sollte endlich offen und sachlich über das Tabuthema Exhibitionismus – die sexuelle Lust/ Sucht am Zeigen – aufklären anstatt unverhältnismäßig zu dramatisieren und die Bevölkerung ungerechtfertig verunsichern. Die meisten Exhibitionisten (ca 70 %) sind Heterosexuell und zeigen sich ausschließlich nur vor erwachsenen Frauen. Dann gibt es die Homosexuellen die sich nur männlichen Personen zeigen, die Bisexuellen die sich Frauen und Männern zeigen, die pädophilien die vor Kinder die Hosen herunter lassen und nur sehr selten, dass Einer vor allen und jedem exhibiert. Exhibitionisten die sich erwachsenen Personen zeigen – wollen in der Regel weder erschrecken, beleidigen, schänden und schon gar nicht gewalttätig sein. Übrigens gibt es auch Frauen, die sich gerne entblößt zeigen, jedoch werden diese nicht kriminalisiert (§ 183) da die meisten Männer es nicht nur tolerieren sondern sich noch über den gebotenen schamlosen Anblick erfreuen. So wie noch vor einiger Zeit nur homosexuelle Männer bestraft wurden (nach § 175) – konnten Frauen dagegen (zumindest nach dem Gesetz) so lange und oft Sex miteinander haben wie sie wollten. Was das Wissen und die Kenntnis über den männlicher Exhibitionismus betrifft, befinden wir uns in unserem Land noch im finstern Mittelalter. Sowie bsw eine homosexuelle Person weder durch Strafen oder Therapien dazu gebracht werden kann den Normen der gesellschaftlichen Sexualvorstellungen zu entsprechen – nämlich Frau liebt Mann, Mann liebt Frau also heterosexuell – sowenig kann der geächtete männliche Exhibitionismus völlig unterdrückt oder ausgemerzt werden.
    Leider gibt es auch in der heutigen Zeit immer noch einige (jedoch nicht alle) Psychologen, Therapeuten oder sogenannte Experten deren Kenntnisse und Wissen über den männlichen Exhibitionismus aus der Zeit stammen als die Menschen noch glaubten – die Erde wäre eine Scheibe. Ihre selbstgefälligen, schlau anzuhörenden und lesenden Statements (bei Interviews) sind oftmals schlichtweg falsch und unlogisch – entsprechen nicht der Realität. Der Grund – weil sie die Rechnung ohne den Wirt machen, wie es im Volksmund so schön heißt.
    Unverständlich und rätselhaft ist auch der oftmals übertriebene polizeiliche Einsatz nach (nachweislich) harmlosen Exhibitionisten, wo doch ständig gejammert wird und zu hören und lesen ist – Polizei und Justiz wären überlastet. Es gibt einige „Belästigungen oder Bedrohungen“ in unserer Gesellschaft die für Jemanden unangenehm, ekelig oder gefährlicher sind oder wirken, bei denen die Polizei (wenn sie denn gerufen wird) sich lange nicht so engagiert zeigt. Alles was mit Sexualität zu tun hat unterliegt offensichtlich einer gewaltigen Anziehungskraft.
    Fakt ist jedenfalls auch, (was gerne von den Medien unterdrückt und verschwiegen wird aus welchen Gründen auch immer), dass einige Frauen eine männliche exhibitionistische Zurschaustellung als witzig ansehen und sich darüber amüsieren können oder es als ein interessantes, prickelndes geiles Erlebnis ansehen – während andere sich als „Opfer“ sehen und benutzt fühlen, wobei auch Ekel oder unbegründete ängstliche Phantasien die Ursache sein können. Die unbegründete Angst (Phobie) ist ähnlich wie die Furcht vor einer Spinne oder kleinen Maus. Oftmals erstatten Frauen nur deswegen Anzeige weil sie die Vorstellung haben (es ihnen so einsuggeriert wurde) der Exhibitionist könnte ja schlimmeres tun als sich nur “Zeigen” und die Justiz bestraft daher entsprechend hart oder ist mit der Problematik überfordert, einer gewissen Hilflosigkeit ausgesetzt.
    Auf keinen Fall möchte ich hier den Eindruck erwecken Exhibitionismus sei in Ordnung und müsste toleriert werden und schon gar nicht vor Kindern – moralisch gesehen sicherlich nicht akzeptabel – doch es zu kriminalisieren erzeugt nur unnötige Angst, Panik und Hysterie und das ist ebenfalls etwas verwerfliches. Das menschliche Verhalten ist oftmals Rätselhaft und kann nur durch offene, sachliche Nachforschungen ein wenig Klärung bringen. Dazu müssten wir aber die weitverbreitete Heuchelei und Doppelmoral einmal beiseite schieben und lernen Unterscheidungsvermögen zu praktizieren, die Verhältnismäßigkeit zu berücksichtigen und uns nicht von Vorurteilen und falschen unrealistischen Vorstellungen leiten lassen. Alfred Esser