Krise, Welt und Wolle

Basteln, Stricken, Selbermachen – Weltflucht oder Selbstermächtung?“ Unter diesem Motto lieferte die von taz-Redakteurin Nina Apin moderierte Podiumsdiskussion den Stoff für ein klassisches Gedöns-Thema.

„Es sich schön machen“ ist bei den Deutschen im Trend, und als Mittel zum Zweck damit auch das Stricken. Aber wieso? Ist es eine kollektive Gesellschaftsflucht, ein Zeichen der Entpolitisierung, ein Weg des Rückzugs aus der weltlichen Krise? Oder ein Stück Befreiung des unmündigen Konsumenten?

Das sagten die Diskutanten zum Thema:

Anke Domscheit-Berg, Netzaktivistin, ehemalige Politikerin der Piraten-Partei und Unternehmens- und Karriereberaterin, hat sich dem Guerilla-Stricken verschrieben. Für sie ist Stricken klar eine Form des Aktivismus. Einen Panzer hat sie bereits in Regenbogenfarben eingekleidet, aktuell strickt sie an einem Schal für einen Baum, auch während der Podiumsdiskussion. Für sie killt Stricken „tote Zeit“, etwa vor dem Fernseher, es fördert die Autonomie und schafft Öffentlichkeit: Durch die Guerilla-Aktionen etwa will sie ein Stück Stadt zurückerobern und gleichzeitig auf Missstände aufmerksam machen.

Cornelia Koppetsch, Professorin für Geschlechterforschung, fragt sich zunächst kurz selbst, wieso sie dem Podium beiwohnt. Stricken ist nicht ihr Ding, und wenn sie es doch tut, dann nur aus Langeweile. Sie gesteht dem Stricken zu, ein Mittel gegen die gesellschaftliche Fachidiotie zu sein, sie sieht Stricken als Philosophie der Selbstachtsamkeit und Entschleunigung allerdings kritisch – und betont: Die Welt kann nicht zurück ins bäuerliche Leben. Und Stricken sei zu defensiv, um wirklich etwas zu verändern.

Lutz Staacke, Autor des Buches „Male knitting – Stricken ist männlich“, freut sich, dass er endlich die Farbe seines Schals wieder komplett selbst bestimmen kann. Er strickt besonders gerne im Zug, jetzt jedoch auch auf dem Podium. Ihn stört vor allem die feste Verbindung von Stricken und Weiblichkeit, deshalb strickt er mit seinen Kumpels auch während Fußballübertragungen im Pub und auf Knitting-Events in abrissreifen Häusern. Trotzdem ist für ihn klar: „Ich werde die Welt nicht mit meinen Socken verändern.“

Pia Ditscher

Im Bild: Anke Domscheit-Berg, Netzaktivistin; Nina Apin, taz-Redakteurin; Cornelia Koppetsch, Professorin für Geschlechterforschung; Lutz Staacke, Autor; Foto: Wolfgang Borrs

Die ganze Veranstaltung als Audio finden Sie hier.

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