vontazlabteam 25.04.2015

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Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

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Normalerweise tun zehn Minuten bei ihr weh – physisch wie finanziell. Beim taz.lab kann man zehn Minuten mit einer Domina verbringen. Gratis. Lady Velvet Steel (bürgerlich Fabienne Freymadl) stellt sich brennenden Fragen zu Sex und Prostitution.

taz: Wie kamst du auf die Idee sich für zehn Minuten allen Fragen zu stellen?

Fabienne Freymadl: Mir passiert es oft, dass ich Leute auf einer Party von meinem Beruf erzähle und ich an den Gesichtern sehe, dass sie liebend gern mehr dazu erfahren möchten, aber sich erst einmal nicht trauen. Gerade bei öffentlichen Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen merke ich schnell, dass die Leute noch intimere Fragen stellen wollen. Aber sie sind ja nicht allein und sie können nicht, wie sie möchten. Deswegen treffen mich die Fragenden hier in einem kleinen Raum.

Dieser Raum, in dem du dich den Fragen stellst, ist jetzt sehr klischeehaft eingerichtet. War das Absicht?

Freymadl: Ja. Ich wollte mit dem Raum die Sexarbeit und die Mythen darüber repräsentieren. Das ist natürlich ein Riesenbereich. Ich wollte ganz explizit mit Klischees arbeiten, um den Menschen den Zugang zu erleichtern. Es mussten also unbedingtn grauenhafte Plastikblumen und Lichterketten her. Und natürlich sitze ich in Dessous auf einem Thron, umringt von Kondomen und Dildos.

Du spielst mit Klischees. Welche davon begegnen dir am häufigsten?

Freymadl: Also die meisten Leute sind überrascht, dass es tatsächliche freiwillige Prostitution gibt. Für sie sind Prostituierte ganz häufig die Opfer. Wenn ich dann mit ihnen spreche, sehe ich richtig, wie sie mehr verstehen und das Ganze differenzierter betrachten. Manchmal begegnet einem dann das Vorurteil, dass Sexarbeit per se die Geschlechterhierarchie zementiert. Diesen Vorwurf finde ich ziemlich schwierig. Dann gehen viele davon aus, dass man auf den Strich geht und einen Zuhälter hat. Viele wissen gar nicht, wie viele Arten der Prostitution es gibt. Es ist ganz spannend zu sehen, welche Vorstellungen die Leute haben.

Wie sieht denn die Realität aus?

Freymadl: Ganz divers. Es gibt die prekäre Prostitution, aus bitterer Armut oder als Zwang, wogegen die Politik auch etwas tun muss. Es gibt die Escorts, es gibt die Hobbyhuren, den Großpuff oder die Wohnungsprostitution. Man trifft sich mit den Freiern in Hotels, im Pornokino, man mietet sich im Laufhäuschen ein Zimmerchen, oder geht gemeinsam auf Swingerpartys oder auf Reisen.

Und was machst du genau?

Freymadl: Ich bin SM-Dienstleisterin, eine klassische Domina. Bei mir bekommst du alles, was im weitesten Sinne mit sensitiven und passiven Erfahrungen zu tun hat. Das kann von einer entspannenden oder prickelnden Massage sein bis hin zu harten Abstrafungen – je nachdem, wie der Gast veranlagt ist. Am liebsten arbeite ich mit Masochisten zusammen. Ich arbeite gerne mit Rollenspielne und habe eine persönliche Neigung für hartes Handspanking. Also nicht so Patsch-Patsch. Ich haue mit der flachen Hand richtig drauf. Ich lege den Gast dabei auch gerne ganz klassisch übers Knie. Ich entdecke gemeinsam mit den Männern ihre Analregion: Von ganz vorsichtigen Dehnungsspielen bis hin zu harrrtem Rannehmen, mit Fisting und so. Ich mache so ein wenig im Klinikbereich, also Harnröhrendenhung, Einläufe, Katheter – also nichts Extremes. Ich arbeite gerne Outdoor oder organisiere Events mit mehreren Sklaven.

Wo arbeitst du normalerweise?

Freymadl: Ich habe Räumlichkeiten, die ich anmiete. Das ist sehr günstig, weil ich mich selbst organisiere. Es war mal eine Spielwohnung mit entsprechenden Räumlichkeiten. Von jemandem, der das aber nicht mehr wirklich genutzt hat und mir das deswegen untervermietet. Jedes Mal, wenn ich dahin gehe und es nutze, ziehe ich einfach die entsprechende Miete von meinem Lohn ab und lege es ihm hin.

Die 10 Minuten sind fast um. Welche Frage willst du von deinen Freiern nie wieder hören?

Freymadl: Meine Freier heißen Gäste. Wenn ich dann so Anfragen kriege, wie: „Haben Sie Verfügung für einen tabulosen Lebenssklaven, den Sie im Keller halten können“, dann habe ich sofort kein Bock mehr. Der will eh nur Kopfkino.

Das Interview führte Laila Oudray.

Wie Lady Velvet Steel zur Prostitution fand und wie ihre Arbeit abläuft können, lesen Sie auf taz.de

Ein Gespräch zwischen Lady velvet Steel und FEMEN-Gründerin Anna Hutsol auf dem taz.lab können Sie hier nachlesen.

Ihre Eindrücke vom taz.lab hat Fabienne Freymadl im Blog von Lady Velvet Steel zusammengefasst.

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https://blogs.taz.de/tazlab/2015/04/25/umringt-von-dildos/

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kommentare

  • Klingt für mich eher so, als ob ’still‘ eher in ein paar Klischees bezüglich BDSM verhaftet ist. Frei nach dem Motto: „Alles Trauma, alles schrecklich“. BDSM und sexuelle Vorlieben pauschal zu pathologisieren ist vorgestrig. Natürlich geht es vielen meiner Gästen auch (aber nicht nur)um das Thema „Körper spüren“, sonst würden sie ja kaum zu einer Sexarbeiterin, und damit Körperarbeiterin kommen.

    Den aufgezeigten Rückschluss „Für mich stellt es ein süchtiges Muster dar und am Ende stehen vielleicht Kinder, um den Kick zu steigern.“ empfinde ich als äusserst kurzsichtig, undurchdacht und fast schon schwer beleidigend. Ich empfehle, so wie ‚laut‘ auch, ein wenig Übung in Einsicht in eigene Verhaftungen, Toleranz und auch ein wenig Beschäftigung mit aktueller Sexualforschung. Es ist erstaunlich, zu welchen Erkenntnissen man kommen kann, wenn man sich mit der Materie auch mal fachlich beschäftigt.

  • ich habe ein Problem damit, weil ich davon ausgehe, dass das Muster, wie jedes Muster, meistens klein beginnt und die Hemmschwelle immer mehr sinkt, mit der Zeit. Für mich stellt es ein süchtiges Muster dar und am Ende stehen vielleicht Kinder, um den Kick zu steigern. Ich bin da ganz klar für strenge Kontrollen und mein Weg wäre, dass dieses Gewerbe irgendwann nicht mehr nötig sein muss. Denn wer zu Unterwerfungsfantasien neigt, dann hat das für mich ganz sicher tieferliegende Gründe die mit unbewussten Unterwerfungen bzw. Ohnmachtserfahrungen, meist in der Kindheit enstanden, zu tun. Deshalb liegen die Gründe für solche Erfahrungen oft im Unbewusst.Es geht vielleicht zudem auch um Themen, wie möglicherweise das schnelle Geld und den Körper spüren. Den Körper zu spüren, weil er sonst ausgeblendet wird. Das kann auch anders erreicht werden.Der Ansatz kann nur heißen, mehr Prävention von Kindheit an. Vielleicht empfinden es Dominas auch so, dass sie ihren Körper überwunden haben, auch ihren Schmerz und ihre natürliche Scham. Ich stelle das sehr in Frage.

    • Du solltest noch ganz andere Sachen in Frage stellen, bspw. jene, die deine Denkstruktur betreffen. 😉 Ist nicht böse gemeint, aber vielleicht bist Du es auch der/die/das Hilfe braucht.

      Lass den Leuten mal ihre Freiheit! Und nöö, ich bin nicht maso und steh auch nicht auf SM.

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