Als Renterin in die WG?: Wohnen, wo man will

Single, kinderlos, Mietwohnung, Innenstadt – das gilt häufig als Standartwohnmodell. Doch Egal welchen Alters, die Wünsche nach neuen Formen des Zusammenlebens wachsen. Erst recht im Alter.

Andreas Meißner ist 53 Jahre alt, Ingenieur und Chef eines mittelständigen Unternehmens. Zur großen Verwunderung seiner Kolleg*innen wohnt er nicht mit seiner Partnerin, sondern mit Studierenden in einer WG zusammen. Er teilt sich mit ihnen einen Kühlschrank, eine Waschmaschine und sie feiern zusammen Partys bis morgens um zwei – auch wenn der Kater bei ihm inzwischen ein paar Tage länger dauert.

Dieter Schaarschmidt lebte bis vor Kurzem zusammen mit anderen Menschen in einer Hausgemeinschaft im Wendland. Jede Woche gab es ein Plenum, sie aßen gemeinsam zu Mittag. Ökologisch leben und sich selbst zu versorgen sind Werte, die ihn und seine Mitstreiter*innen einten. Jetzt ist Schaarschmidt weitergezogen und möchte in einem Nachbardorf eine Hofgemeinschaft mit und für Flüchtlinge etablieren.

Die Autorin Hilal Sezgin war es leid. Viele Menschen um sie herum redeten über das gemeinsame Wohnen jenseits der Stadt, aber niemand schaffte den Absprung aus Frankfurt. Also nahm Sezgin nur ihre beiden Katzen mit auf den Hof im ländlichen Niedersachsen.

„Alle sagen, sie wollen gemeinschaftlich wohnen, aber trotzdem vollkommene Individualisten sein.“

Inzwischen besitzt sie auch eine Horde Schafe und engagiert sich nebenbei im Dorf bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ihre Kolleg*innen dort findet sie toll, auch wenn sie viel mehr trinken können und – anders als die Veganer*in – dem Fleischgenuss frönen.

Jutta Kämper war in ihrem Leben Sozialpädagogin, Ehefrau, Stadtplanerin, Mutter und Hausbesetzerin. Mit 65 gründete sie in Berlin ein Hausprojekt für Frauen, den Beginenhof, in dem sie inzwischen wohnt. Das Projekt war so erfolgreich, dass sie seitdem mit ihren Mitstreiterinnen noch zwei weitere Häuser gebaut hat.

Der Ansturm von Interessierten ist weiter ungebrochen. Beim Bau des vierten Hauses möchte Kämper aber nicht mehr dabei sein – das sollen andere machen. Was teilen diese Menschen?

Sie leben anders als andere Großstädter*innen. Die taz-Redakteurin Simone Schmollack fragte die vier, ob ihre Wohnkonzepte auch eine Alternative zum Altersheim sein können. Schnell wurde klar, das gute Gründe vonnöten sind, um – im Alter oder davor – in einer Gemeinschaft mit Mensch oder Tier zu leben.

Anders ist dem Paradoxon nicht zu entkommen, dem Schaarschmidt so oft begegnet ist: „Alle sagen, sie wollen gemeinschaftlich wohnen, aber trotzdem vollkommene Individualisten sein.“ Motive für Wohnexperimente gibt es derweil zu Genüge: ökologisch wohnen, der Stadt den Rücken zu kehren, nicht allein sein, sich sozial engagieren, mit Menschen außerhalb des eigenen Dunstkreises in Berührung kommen…

Wer sich angesichts des nahenden Alters fragt: „Muss ich in eine WG?“, ist für gemeinschaftliche Wohnexperimente nicht so recht geeignet. Die vier Diskutanten jedenfalls wohnen anders – dort, wo sie nicht wohnen müssen, sondern wo sie wohnen wollen.

Friederike Mehl

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*