#FreeDeniz: Was würde er tun?

Doris Aktrap und Daniel-Dylan Böhmer sitzen an einem Tisch und sprechen

Bis er für seinen Traumjob als Türkei-Korrespondet zur Welt wechselte, arbeitete er bis 2015 in der taz-Redaktion. Sein Schreibtisch war voll mit leeren Zigarettenpackungen. Zum Rauchen ging er oft mit seiner Kollegin Doris Akrap auf die taz-Dachtrasse, dort blickte er auf die Leuchtreklame der Welt-Redaktion wenige Häuser weiter und erzählte Doris von seinem Traumjob Nummer 2: Dachzeilenschreiber.

Wer heute auf die leuchtende Dachzeile der Welt blickt, der liest dort: #FreeDeniz. Dass er tatsächlich mal seinem Traumjob Nummer 2 so nahe kommmen würde, hätte sich unser früherer Kollege Deniz Yücel bestimmt nie erträumt. Beim taz.lab 2017 sprechen Doris Akrap und Daniel-Dylan Böhmer, der stellvertretende Ressortleiter Außenpolitik bei der Welt, über ihren gemeinsamen Freund.

Seit dem 14. Februar 2017 wird Yücel in der Türkei festgehalten. Erst war er zwei Wochen in Polizeigewahrsam, seit März 2017 sitzt er in Isolationshaft – auf unbestimmte Zeit. „Beschwerden vor dem türkischen Verfassungsgericht wurden bereits eingelegt, doch dort wurde bislang kein einziger der 10.000 Fälle, die sich seit letztem Sommer häufen, bearbeitet“, erzählt Daniel-Dylan Böhmer. Der ein oder andere im Publikum schüttelt an dieser Stelle fassungslos den Kopf und seufzt.

Die Betroffenheit, mit der die zwei Moderatoren über Yücel sprechen, spiegelt sich im Laufe der Diskussion zunehmend in der Anteilhabe der taz.lab-Gäste wieder. Während anfänglich die meisten mit ernsten Gesichtern, den Kopf aufmerksam in Schieflage gelegt, der tragischen Geschichte des Türkei-Korrespondenten folgen, lösen sich bei den Anekdoten von Doris Akrap über Yücels Begeisterung für Autokorsos und Backgammon die Mundwinkel.

Aufmerksamkeit und Emotionen erzeugen ist immer noch wichtig. Das könnte das Fazit der Gesprächsrunde #FreeDeniz sein. Dass als direkte Reaktion auf die Festnahme irgendetwas getan werden musste, war klar. „Wir hatten lauter komische Ideen und dann haben wir uns irgendwann gefragt: Was würde Deniz tun? Irgendeiner von uns meinte dann aus Witz: Logisch, er wäre gerne Autokorso gefahren!“, erzählt Doris Akrap. Die „komische Idee“ wurde innerhalb von drei Stunden in die Tat umgesetzt und seitdem fanden in verschiedenen deutschen Städten Autokorsos für Yücel statt.

Warum gibt es keine Köfte?

Inzwischen fällt der Name des gefangenen Journalisten auch bei fast allen Angelegenheiten, die die außenpolitischen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland betreffen. „Wir haben uns gefragt, ob es nicht besser wäre die Lautstärke jetzt runter zu regeln“, so Daniel-Dylan Böhmer, „aber dann kamen wir zu dem Schluss: Stille ist nicht gut.“

Schließlich, so erkennt Doris Akrap, sei die Türkei kein Monster und etwa die Hälfte habe gegen das Referendum gestimmt; somit ist es wichtig, sich mit diesen Menschen solidarisch zu zeigen. Die Aufmerksamkeit für Yücel „nützt auch den tausenden Menschen in der Türkei, die jetzt im Gefängnis sitzen“, findet die taz-Journalistin.

Ein bisschen Werbung für Yücels Buch „Taksim ist überall“ muss natürlich auch sein bei einer Deniz-Veranstaltung. Aber spätestens als Daniel-Dylan Böhmer die Szene über fliegenden Händler auf dem Taksim Platz wiedergibt, die je nach Situation Köfte oder Regenschirme verkaufen, stellt sich die Frage: Warum werden auf dem taz.lab eigentlich jetzt keine Köfte verkauft?

Autorin: Verena Niepel

Fotograf: Paul Toetzke

Hingehen: Am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, heißt es am Brandenburger Tor „auf die Presse„. Das Soli-Konzert für Yücel und all die anderen inhaftierten Journalisten startet um 17.30 Uhr. Mit dabei sind die Antilopengang, Die Sterne, Sookee, The Notwist und die Liga der gewöhnlichen Gentlemen.

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