vontazlabteam 30.04.2017

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Was war das für ein Gefühl, mit einer Mauer zu leben, die Berlin in zwei Teile teilte? Uwe Rada, taz-Redakteur, führte am taz.lab durch die 1980er Jahre in Kreuzberg und Mitte.

Los ging es bei strahlender Sonne mit einer Gruppe von fünf Personen: mitten durch den Touristenjungle, hin zum Checkpoint Charlie, dem Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin. Das Grüppchen versammelt sich um ein Foto, auf dem sich sowjetische und amerikanische Panzer gegenüberstehen.

Langsam ziehen Wolken auf. Die Tour führt am Trabi-Verleih vorbei bis zur Zimmerstraße. Gegenüber von der Wallstreet Gallery ist der Verlauf der Mauer mit Kopfsteinpflastern nachgezeichnet. Nicht einmal einen halben Meter weiter beginnt ein Bürgersteig, auf dem man kaum zu fünft stehen kann. „Damals war das Stadtrand. Es gab keine Geschäfte, “ erzählt Rada. Der Journalist war seit Mitte der 1980er bis Ende der 1990er Jahre politisch und journalistisch in Sachen Stadtteil-, Mieten- und Wohnungspolitik in Berlin unterwegs.

„Auf diesem Gelände befand sich das Hauptquartier der Gestapo. In den 1980er Jahren wurde der Platz als Fahrplatz für Menschen, die keinen Führerschein haben, genutzt. Der Besitzer war ‚Straps- Harry‘, ein Nachtclubbesitzer, der sehr bekannt war in Berlin,“ sagt Rada. An diesem Ort befindet heute die Topographie des Terrors.

Polenmarkt und Lenné-Dreieck

Anschließend ging es weiter Richtung Potsdamer Platz zum sogenannten Polenmarkt. Wo heute alles mit Wohnhäusern zugebaut ist, war 1989 ein Markt, auf dem polnischen Händler ihre Waren verkauften. 1988 erlaubte Warschau seinen Bürgern Reisefreiheit. Diese nutzten diese Möglichkeit, um in die visumfreie Stadt Berlin zu fahren. „Für Westberliner Politiker war es eine Zumutung. Man behauptete, auf dem Markt wären unhaltbaren Zustände, weil es dort schmutzig gewesen und Kriminalität gegeben hätte,“ erzählt Rada.

Es fängt an zu regnen. Hinter dem Sony Center befand sich ursprünglich das Lenné- Dreieck: Eine dreieckförmige Fläche zwischen Lennéstraße, Bellevuestraße und Ebertstraße. Die Fläche war zwar auf der Westberliner-Seite der Mauer, gehörte aber bis 1. Juli 1988 zum Gebietsteil der DDR. „Vor der Übergabe wurde das Lenné-Dreieck besetzt und ein Zeltdorf errichtet, um gegen die Stadtentwicklungspläne des Berliner Senats zu protestieren,“ erklärt Rada.

Dies hatte vor allem für die Demonstranten einen Vorteil: die West-Berliner Polizei durfte das Ost-Berliner Territorium nicht betreten. Sie sperrte es allerdings mit Metallgitterzäunen ab und versprühte reichlich Tränengas. Um nicht festgenommen zu werden, entschieden sich die Aktivisten auf die DDR-Seite der Mauer zu klettern. „Das spielte der DDR-Propaganda natürlich in die Hände. Man bekam dann Frühstück und kehrte wieder über die Diplomaten-Schleusen nach Westberlin zurück,“ sagt Rada und zeigt Fotos hoch von Polizisten mit Gasmasken und Polizei-Hauben.

Am Ende der Tour bleibt ein bisschen das Gefühl, tatsächlich da gewesen zu ein. Beim nächsten Stadtrundgang durch Berlin wird manch einer so sicherlich im Doppelklang immer auch das sehen, was dort 30 Jahre zuvor geschah.

Autorin: Daryna Sterina

Foto: Tim Wagner

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