vontazlabteam 01.05.2017

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Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – der taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

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„Die meinland-Plage: Ist die Wahrheit noch zu retten?“ lautet der Titel der letzten Veranstaltung des taz.labs und meinland-Kongresses 2017. Was will der nur ausdrücken?

Das können wohl nur die Autoren und Autorinnen wissen, die zu der Lesung eingeladen haben. Das sind taz-Kolumnist Uli Hannemann, Blogger und Liedermacher Heiko Werning, die Autorinnen Jenni Zylka und Pia Frankenberg sowie Wahrheit-Redakteure Harriet Wolff und Michael Ringel. Letzterer eröffnet die „Alkohol-unterstützte Veranstaltung“ mit einer Runde Whiskey.

Das ist keine schlechte Idee, denn es ist kalt in dem Außenzelt. Zehn Grad zeigt das Handy an, aber nur sieben gefühlt. Es ist 18 Uhr und die Sonne ist schon lange hinter dem taz-Gebäude verschwunden. Trotzdem ist es gut besucht. Auf Bierbänken, die im Kreis um einen großen Tisch herum stehen, sitzt das Publikum in dicken Jacken eingepackt und nimmt Plastik-Shot-Becher entgegen.

Michael Ringel bleibt dabei mit einem Fuß an einer Bank hängen und fällt fast vorne über. Schadenfreude ist die schönste Freude – oder wie war das? Alle lachen. Seine Kollegin Harriet Wolff sagt laut: „Dieser Mann hat noch NICHTS getrunken.“

Egal: es gibt Schnaps

Nun da alle mit Ballantines oder in Ringels Worten „scheußlichem Scotch“ versorgt sind, weiß das Publikum noch immer nicht so recht, worum es in dieser Veranstaltung eigentlich gehen soll. Fragende, neugierige Gesichter blicken Ringel an. Dann kommt die Auflösung: Es sollen nicht nur zur weiteren Erheiterung beitragende Texte gelesen werden, sondern darin eingebettet findet gleichzeitig, in alter Tradition wie er sagt, ein Trinkspiel statt.

Leser_innen gegen Zuhörer_innen. Der genaue Ablauf bleibt, zumindest mir, unklar. Aber egal, es gibt Schnaps. Spaßfaktor: garantiert.

Auf dem Tisch steht nämlich nicht nur eine Ballantines-Flasche, sondern noch mindestens fünf weitere in allen möglichen Formen und Farben. Etwas, das aussieht wie ein Obstler. Daneben eine dunkelgrüne Flasche – könnte ein Kräuterlikör sein. Die Flasche dahinter sieht aus wie ein Korn.

Ringel löst auf: Der übliche Sponsor, eine Berliner Spirituosen-Manufaktur, ist dieses Jahr nicht dabei. Und so hat er, als Sammler, aus seinem persönlichen Fundus die „schlimmsten“ Brände und Schnäpse „exklusiv für Sie“ mitgebracht. Mangoportwein und Affenbrotbaumschnaps ist auch darunter. Zu jeder Flasche gibt er eine kleine Anekdote zum Besten. Dann heben alle ihre Plastikbecherchen. Prost!

meinland, deinland, saufland

Obwohl erst eine Runde getrunken wurde, ist die Stimmung schon recht ausgelassen. Ab sofort gilt das „Help-Yourself-Prinzip“ und Tatsache, von Schüchternheit kann kaum die Rede sein, steht im Fünf-Minuten-Takt jemand vor dem Tisch und schenkt sich aus der Flasche seiner oder ihrer Wahl nach. Die Spirituosen-Verköstigung ist voll im Gange. Aber Moment, es sollte doch gelesen werden?!

Ringel macht den Anfang und liest einen Text über die „Moderne Suchtgeschichte der SPD“ – kurz für „Säufer, Proleten und Deppen“. Es geht der Reih’ um und es folgen Geschichten über meinland, deinland oder unserland, je nach Kontext.

Sie handeln von Pferdekostümen, in denen man „sich selbst reitet“, von „Kalorien“ als „kleine Nachtwesen, die in deinem Schrank leben und des Nachts heimlich deine Kleidung enger nähen“, von haarsträubenden und zum Kreischen lustigen Erlebnissen in einer Sportvereinsgaststätte in der „schwäbischen Pampa“ Bayerns, von apokalyptischen Taxifahrern und Klassenfahrtsinfoabenden.

Nachzügler_innen rümpfen beim Betreten des Zeltes irgendwann die Nase, aber die Runde sieht zu einladend aus, als dass jemand auf die Idee käme rückwärts wieder rauszulaufen. Gefühlt alle drei Minuten stößt jemand versehentlich eine Flasche um.

Schnaps ein, Schnaps aus

Mein Sitznachbar, ein Mann um die 60, kichert jedes Mal in seinen Schal hinein. Das Verhalten von Leser_innen wie Publikum ähnelt zunehmend dem einer Gruppe alberner Teenager. Die Kälte ist längst ein nicht mehr wahrgenommenes Randphänomen. 90 Minuten lang geht das so. Schnaps ein, Schnaps aus. Es hat etwas slapstick-artiges.

Dann der Höhepunkt: ein Text über Wurst-Sucht, der so absurd und makaber zugleich ist, dass die Emotionen in den Gesichtern der Zuhörer_innen nur noch schwer zu entziffern sind. Könnte auch am Alkohol liegen? Ach iwo!

Nach diesem Text findet die Veranstaltung ein jähes Ende, als Michael Ringel laut „Unentschieden“ ruft und damit das Ergebnis des rätselhaften Trinkspiels verkündet. Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist, oder wie war das. Prost auf die Wahrheit!

Autorin: Nora Belghaus

Fotos: Paul Toetzke

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http://blogs.taz.de/tazlab/2017/05/01/prost-auf-die-wahrheit-die-etwas-andere-taz-lab-veranstaltung/

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kommentare

  • Ein Leser hat sich aufgeregt,
    weil er die „Wahrheit“ nicht verträgt.
    Er greift zu geistigen Getränken,
    um sich ein wenig abzulenken,
    doch Alkohol bekommt ihm nicht.

    So endet sinnlos sein Gedicht.

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