Stadttour: From Damaskus to Berlin Mitte

Nafee Kurdi kam vor zwei Jahren aus Syrien nach Berlin. Heute bietet er Stadtführungen aus der Perspektive eines Geflüchteten an. Unser Autor war dabei.

Insgeheim hatte ich mich schon den gesamten Vormittag auf diese einmalige Stadtführung von Nafee Kurdi gefreut: Wie blickt ein Geflüchteter auf Berlin? Von welchen Spots, welchen Orten und welchen ersten Begegnungen hier in Berlin wird er wohl erzählen? Welche Details sieht Nafee, die wir mit unseren Augen übersehen? Das waren nur einige Fragen, die ich mir zuvor stellte. Es sollte mehr als nur eine Antwort darauf folgen:

Mit einer kleinen Runde von fünf Zuhörer*innen starteten wir gemeinsam aus dem Gewimmel im taz Haus in Richtung Checkpoint Charly, dem offiziellen Startpunkt der zweistündigen Stadtführung. Ich war beeindruckt und fasziniert: Nafee berichtete ausführlich über den historischen Ort des Checkpoints und die innerdeutsche Teilung. Er wusste genau Bescheid über die Sektorenaufteilung der Alliierten in Berlin und vor allem, wie man sich eine Grenzüberschreitung als Bürger*in vorzustellen hat.

Das detaillierte Wissen dazu, zeigt sich anschließend, war nicht angelesen, sondern erfuhr Nafee fast tagtäglich in Damaskus, wo er früher Maschinenbau studierte. Sein Weg in die Uni, der normalerweise 30 Minuten dauert, durch fünf Checkpoints zog sich schließlich bis zu zwei Stunden. Es war der 5. Oktober 2015 als Nafee mit seinen Freunden den Entschluss fasste, ihre „Reise“ von Damaskus nach Deutschland auf sich zu nehmen. Was auf diesem Weg alles geschehen sollte, haben sie sich vorher gewiss nicht ausmalen können.

Mauern und Terror

Nach gut fünf Gehminuten erreichten wir die zweite Station des Rundgangs: Die Berliner Mauer an der Topografie des Terrors. An diesem so geschichtsträchtigen Ort, wo so viele Flüchtende auf ihrem Weg aufgehalten wurden, erzählt uns Nafee seine Geschichte der Flucht aus Syrien „von Damaskus bis Berlin“. Eine Zuhörerin fragt dazwischen, was der Grund dafür gewesen sei, dass er nach Deutschland geflohen ist. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, so Nafee, nachdem seine Uni zerbombt worden sei – just an dem Tag, an dem er nicht zur Prüfung erschienen ist, da er absolut unvorbereitet war. Ich habe kurz innegehalten, nachgedacht und mir versucht ein solches Bild meiner Universität auszumalen – es war für mich unvorstellbar.

Darauf folgte die zehntägige Flucht im Oktober 2015. Über die Türkei und durch eine riskante Schlauchbootfahrt gelangten sie nach Samos (Griechenland). Danach die Weiterreise durch Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich. Während Nafee auch ganz emotionale Einblicke in seine persönlichen Erfahrungen gibt, herrscht innerhalb der Tourgruppe Stille, eine gewisse Betroffenheit, vor allem aber Respekt. Schließlich gaben Nafee und seine Freunde in Passau ihre Fingerabdrücke ab und reisten von München nach Berlin. Zwischenzeitlich wurden sie sogar gewaltsam getrennt und fanden erst in Wien wieder zufällig zusammen.

Aber das Klima unter den ZuhörerInnen war keineswegs bedrückt. Im Gegenteil: Durch seine Leichtigkeit nahm der junge Nafee uns die Scheu auch schwierige Fragen zu stellen. Die Gruppe war bestens gelaunt und die anfänglichen Regentropfen blieben für den Rest der Tour auch weg. Noch belebender war allerdings, dass alle die Möglichkeit wahrnahm, zwischen den einzelnen Stationen mit Nafee zu plaudern, um ganz individuelle Fragen stellen zu können. Nafee und ich unterhielten uns über seinen Studiengang, seinen Deutschunterricht und die Berliner Bars.

Vier Monate im Feldbett

Bei einem weiteren Halt in der Stresemannstraße standen wir plötzlich vor einem riesigen Hotel, das zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde. Der junge Syrer meinte, dass die Zimmer großzügig seien, er selbst aber nicht dort wohnen würde. Sie seien eher für bedürftigere Geflüchtete. Als er damals 2015 in Berlin ankam, war er selbst zunächst für vier Monate auf einem Feldbett in Zehlendorf untergebracht – es war schwierig und anstrengend, so Nafee. Seinen ersten Jahreswechsel in der „neuen Heimat“ feierte Nafee am Potzdamer Platz, den wir auf unserem Weg Richtung Holocaust Mahnmal und Brandenburger Tor hinter uns ließen.

Wie auch immer sich „Freiheit“ für jeden einzelnen anfühlt – Nafee spürte eben dieses Gefühl in dem Moment, als er das erste Mal vor dem Brandenburger Tor stand. Jetzt schien die Sonne und die eingeplante Zeit von zwei Stunden war bereits überschritten, was jedoch keinen störte, da seine Erzählungen viel zu interessant waren.

Zum Ende der Tour gab es noch eine tolle Geschichte, die, so finde ich, ein klares Signal für eine offene Gesellschaft ist. Verbunden mit den Schwierigkeiten eines „Ankommens“ in einer „neuen Heimat“ bat Nafee gemeinsam mit einem Freund in einer Gruppe bei facebook um Unterstützung – einen kleinen Job oder einfach ein gemeinsames Bier am Abend, Hauptsache das Leben in Berlin kann starten. Die Resonanz war überwältigend: mehrere Tausend Likes und über 400 private Nachrichten, die ganz im Zeichen von Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit standen.

Mit dieser tollen Anekdote aus seinem Berliner Leben endete die Führung an der Ecke Charlottenstraße/Unter den Linden. Unsere kleine Runde war begeistert und ich kann jedem diese Stadtführung nur wärmstens ans Herz legen. Die Stadt aus einer anderen Perspektiv betrachten zu können und gleichzeitig den Menschen, die in den letzten Jahren zu uns gefunden haben, die Möglichkeit zu geben, dass ihre so dringlich erzählenswerten Geschichten eine Plattform haben, muss weiterhin geteilt werden: für eine Gesellschaft des Miteinanders und des Austauschs.

TEXT: David Prinz

FOTO: dpa

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