vontazlab 22.03.2018

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Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

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Als ich als Austauschstudent in Bayern war und ein weiteres Semester – ohne Stipendium – in Deutschland studieren wollte, bewarb ich mich über eine Agentur für eine Zeitarbeitsstelle. Schon nach kurzer Zeit wurde mir das Angebot einer Plastikfabrik weitergeleitet, mit dessen Hilfe ich das folgende Semester hätte finanzieren könnte. Mir wurden eine Uhrzeit und ein Treffpunkt für die Teilnahme an einem dreistündigen Arbeitstest genannt.

Als der Tag kam, fuhr einer der Fabrikmitarbeiter mich und noch einige andere Menschen zu der Fabrik. Dort führte uns ein (deutscher) Supervisor zu der Maschine, an der wir arbeiten sollten. Diese stellte in einem kurzen Intervall Plastikkisten her. Neben uns stand ein Stapel Plastikdeckel und ein Stapel Kisten. Unsere Arbeit bestand darin, diese Kisten und Deckel miteinander zu verbinden und das Endprodukt auf einer Waage übereinander zu stapeln.

„Voll der Scheißjob, oder?“

Wie ein guter ausbeutungsbereiter Student während seiner ersten Auslandserfahrung, sah ich mich selbst als Charlie Chaplin in „Modern Times“. Doch das änderte sich schnell: ich fühlte mich ungeheuer unterfordert und auf einen reinen gedankenlosen Maschinenteil reduziert. Mir fiel auf: um mich herum sind nur andere Ausländer – und keine Deutschen – die alle gleiche monotone Aufgabe durchführten.

Als ich aufschaute und die wachsende Berge von Plastikkisten sah, die sich inzwischen auf meiner Maschine bildeten, wurde ich plötzlich aus meiner Lethargie gerissen. Obwohl wir nicht verbal miteinander kommuniziert haben, verlangsamte eine Kollegin ihre Maschine, half mir meine Plastikberge abzuarbeiten und kehrte zu ihrer Maschine zurück.

Nach circa zwei Stunden sah ich das erste Mal seit meiner Ankunft in der Fabrik wieder einen Deutschen. Ich rief ihn so laut wie möglich und sagte ihm, dass für mich der Test vorbei sei. Ich wollte einfach nach Hause gehen. Seine Reaktion werde ich nie vergessen: „Hä? Du sprichst Deutsch? Was machst Du denn hier? Das ist voll der Scheißjob, oder?“

Von Wertschätzung und Unterwerfung

Er begleitete mich bis zum Ausgang der Fabrik und stellte, als er hörte, dass ich brasilianischer Austauschstudent war, währenddessen viele interessierte Fragen. Plötzlich war ich für ihn ein menschliches Wesen, dessen geistige Fähigkeiten und Lebensgeschichte Wertschätzung verdienten. Die Zurückgebliebenen hingegen wurden augenscheinlich für „nicht-so-menschlich-wie-ein-deutsch-sprechendes-Wesen“ gehalten. Damals tat es mir leid, die Plastikfabrik verlassen zu haben ohne etwas gegen diese skandalöse Unterwerfung zu unternehmen.

In unserer Gesellschaft bestehen bis heute soziale, politische und wirtschaftliche Probleme, die selbst in nicht totalitären Systemen dazu beitragen, Menschen auf überflüssige und scheinbar unwürdige Glieder einer Produktionskette zu reduzieren. Der Wert einer Person hängt indessen von feinen Unterschieden ab – wie dem Beherrschen beispielsweise der deutschen Sprache.

Übrig bleibt für mich als Journalist nur das Bedürfnis, diese Geschichte weiter zu erzählen.

JOÃO DA MATA, taz lab-Redakteur

 

Foto: Bernd Kammerer

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