vonJann-Luca Zinser 17.04.2018

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Roboter nehmen uns die Arbeit ab: 47% in den nächsten 25 Jahren, sagt eine Studie der Oxford-Universität. Es könnte ein Grund zur Freude sein: Endlich Zeit den Klimawandel zu stoppen, die Eltern zu pflegen und Kunst zu schaffen. Aber nein, in unserer Industriekultur wird eine solche Zukunft als Bedrohung gesehen.

Immer noch gilt: Menschen können nur in Würde leben, wenn sie einen Arbeitsvertrag haben. Deshalb streben wir als Gesellschaft nicht nach freier Zeit, sondern nach Vollbeschäftigung. Ein absurder Arbeitsfetisch. Absurd, weil er den Sinn der Beschäftigung nicht hinterfragt. Weil in ihm der Glaube verwurzelt ist, dass wir die Arbeit mehr brauchen, als sie uns. Dieser Glaube steckt auch im Vorschlag des „solidarischen Grundeinkommens“ von Berlins Bürgermeister Michael Müller. Demnach soll der Staat mit den Menschen solidarisch sein, indem er „ihnen Arbeit gibt, die sie brauchen.“ Volkswirtschaft als kollektive Beschäftigungstherapie.

Meera Zaremba, Jahrgang 1991, ist Campaignerin bei Mein Grundeinkommen e. V. und setzt dort Impulse für New Work und Selbstorganisation.

Diese Logik toppt nur noch die Warnung von Arbeitsminister Hubertus Heil: Die Gesellschaft dürfe kein gestörtes Verhältnis zu „ordentlicher Erwerbsarbeit“ bekommen. Geht’s noch? Dieses Verhältnis ist längst gestört! Provoziert durch die Drohkulisse Hartz IV basiert unser Arbeitsmarkt auf Existenzangst. Gleichzeitig wird unbezahlte (volkswirtschaftlich aber unverzichtbare) Arbeit wie Pflege, Erziehung oder Ehrenamt systematisch ignoriert. Ein gesundes Verhältnis zu Erwerbsarbeit braucht Selbstbestimmung und erkennt unbezahlte Arbeit als gleichwertig an.

Würde ist nicht das Ergebnis eines Arbeitsvertrags. Sie entsteht durch Entscheidungsfreiheit. Würde heißt, sein Leben gestalten zu können, ohne um seine Existenz bangen zu müssen oder bürokratisch infantilisiert zu werden. Das erreichen wir mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Wenn wir das gestörte Verhältnis zur Erwerbsarbeit überwinden, können alle Menschen einen würdevollen Platz in der Gesellschaft finden. Mit oder ohne Arbeitsvertrag. Dann könnten wir uns auf die Roboter freuen.

Meera Zaremba, Mein Grundeinkommen e.V.

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https://blogs.taz.de/tazlab/2018/04/17/wider-den-arbeitsfetisch/

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kommentare

  • […] “Roboter nehmen uns die Arbeit ab: 47% in den nächsten 25 Jahren, sagt eine Studie der Oxford-Universität. Es könnte ein Grund zur Freude sein: Endlich Zeit den Klimawandel zu stoppen, die Eltern zu pflegen und Kunst zu schaffen. Aber nein, in unserer Industriekultur wird eine solche Zukunft als Bedrohung gesehen. Immer noch gilt: Menschen können nur in Würde leben, wenn sie einen Arbeitsvertrag haben. Deshalb streben wir als Gesellschaft nicht nach freier Zeit, sondern nach Vollbeschäftigung. Ein absurder Arbeitsfetisch. Absurd, weil er den Sinn der Beschäftigung nicht hinterfragt. Weil in ihm der Glaube verwurzelt ist, dass wir die Arbeit mehr brauchen, als sie uns. Dieser Glaube steckt auch im Vorschlag des „solidarischen Grundeinkommens“ von Berlins Bürgermeister Michael Müller. Demnach soll der Staat mit den Menschen solidarisch sein, indem er „ihnen Arbeit gibt, die sie brauchen.“ Volkswirtschaft als kollektive Beschäftigungstherapie. (…) Wenn wir das gestörte Verhältnis zur Erwerbsarbeit überwinden, können alle Menschen einen würdevollen Platz in der Gesellschaft finden. Mit oder ohne Arbeitsvertrag. Dann könnten wir uns auf die Roboter freuen.” Gastbeitrag von Meera Zaremba von der “Mein Grundeinkommen e.V.” beim taz blog vom 17. A… […]

  • Wieso muss immer alles so kompliziert sein? Führt ein Grundeinkommen ein so das jeder fair behandelt wird. Schafft attraktive und faire Jobs. Wenn keiner Müll wegbringen will dann schafft einen extrinsischen Anreiz -> MEHR GELD. Aber die Existenzangst ist halt günstiger und wozu Geld umverteilen..

    Als ob „die da oben“ irgendwas ändern möchten, da muss erstmal was passieren… ein RUCK durch die Gesellschaft gehen damit die Angst (vor Kontrollverlust) mal oben ankommt und nicht unten bleibt.

    Ständig diese Diskussionen über die Erhaltung des status quo und bla bla.

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