vontazlabteam 21.04.2018

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Von Felix Hackenbruch

Man hat es nicht leicht als Hoffnungsträger: Krise Europas, Erderhitzung, autoritäre Systemangriffe und das Ende der Industriegesellschaft. Grund zur Sorge hätte Robert Habeck auch so genug, doch der neue Vorsitzende der Grünen hat sich noch ein bisschen mehr aufgebürdet: Er will das Profil der Grünen neu erfinden und ein gesellschaftliches Bündnis für eine linke politische Mehrheit schmieden. Unmöglich? 90 Minuten hat Habeck Zeit, das Publikum beim tazlab vom Gegenteil zu überzeugen – oder wie er später sagen wird: „Wenn wir schon scheitern, dann wenigstens, wofür es wert ist, zu scheitern.“

Gerade mal zwei Stunden ist es her, dass auf Habecks Stuhl im voll besetzten Auditorium die Lichtfigur der FDP, Christian Lindner, Platz genommen hat. Nun also der Grünen-Star. Schon optisch bietet er eine Alternative zum adretten Slim-Fit-Hemd-Träger Lindner. Habecks Hemd ist ungebügelt, die Ärmel hochgekrempelt, dazu trägt er Sneakers und Jeans. Hemdsärmlig legt er los und versucht, all die Probleme etwas zu ordnen. „Die größte Herausforderung ist die ökologische“, sagt Habeck. Doch ihm geht es explizit nicht nur „um den Eisbären“. Der 48-Jährige plädiert dafür, vor alle Probleme die Gedanken von Freiheit, Fairness und der liberalen Demokratie zu stellen.

Attraktiveres als Angst

Dabei denkt er jedoch anders als Lindner zwei Stunden zuvor. Beim Thema Bedingungsloses Grundeinkommen, das der FDP-Politiker zuvor abgelehnt hatte, spricht Habeck von einer Neuausrichtung der Sozialpolitik, die von „Garantie-Gedanken“ geprägt ist. „Ich habe das schon erlebt, als ich im Studium Vater wurde und sowohl Elterngeld und Kindergeld bekam. Das war etwas Großes“, sagt er.

All das trägt der Norddeutsche mit Pathos und großer Leidenschaft vor und gibt dem Publikum einen Einblick in seine Vision. Er wolle inhaltlich nicht den Populisten der AfD hinterherlaufen und keine taktische Law-And-Order-Politik à la CDU/CSU. „Wir wollen etwas viel Attraktiveres anbieten als Angst, Nationalismus und Rassismus. Nämlich Leidenschaft, Optimismus und eine Zukunftsvision“, sagt Habeck. Er will den Wählern 2021 ein vernünftiges Angebot machen, abseits des derzeitigen „Common Sense“.

„Wir müssen nicht die neue Volkspartei werden“

Nicht nur das Publikum reißt er damit mit. „Was du, Robert, politisch sagst, das turnt mich an“, sagt Moderator Jan Feddersen und schiebt schnell nach: „Ich bitte, das unbedingt politisch zu verstehen.“ Sein Moderationskollege Peter Unfried gibt derweil den Bad Cop. 8,9 Prozent bei der letzten Bundestagswahl seien kein Grund, die Grünen zu loben, sagt er.

Habeck stimmt zu, der letzte Wahlkampf sei „scheiße“ gelaufen. Doch auch die AfD habe bei Weitem keine 50 Prozent, dennoch hätte sie das Thema gesetzt. Für Habeck ein Beweis, dass er für seine linke Vision keine numerische Mehrheit braucht. „Die Bewegung entsteht mit der Dynamik“, sagt er und ergänzt: „Wir müssen nicht die neue Volkspartei werden“. Er wolle Themen setzen und Kampagnen fahren, bis andere Parteien nicht mehr an den grünen Themen vorbeikämen.

„Wir müssen wieder der Zukunft hinterherlaufen, nicht der Vergangenheit“, sagt er und meint damit zum Beispiel: Verkehrswende, Energiewende, Agrarwende, eine neue Sozialpolitik und ein Einwanderungsgesetz. Habeck denkt groß. „Wir müssen mehr Experimente wagen“, sagt er am Ende. Robert Habeck hat ein Angebot gemacht – und seine Vision greifbar.

 

[Die Diskussion wurde live auf Facebook übertragen, den Mitschnitt können Sie hier auf der tazlab-Facebookseite nachschauen.]

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