vontazlab 21.04.2018

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Von Linda Gerner

Ich steig hier aus. Mein Text endet einfach hier. Oder soll ich mich zur Produktivität zwingen? An dieser Stelle kann ich dem „Aufruf zur Produktivitätsverweigerung“ des Volkswirts und Umweltökonomen Niko Paech nicht nachkommen. Aber dafür von einer Diskussion mit Verboten, Provokationen und genügend Gesprächsstoff für den Kaffee danach berichten.

„Wer fliegen will, sollte nicht von Klimaschutz sprechen, sondern von Hedonismus“, ist eine der Aussagen, die Niko Paech dem Publikum des tazlabs provokant entgegenschleudert. Den darauffolgenden Satz: „Sie machen sich mit Ihren Aussagen auch viele Feinde“ des Moderatoren Kai Schöneberg, Leiter des taz-Ressorts Wirtschaft und Umwelt, kann Paech mit einem deutlichem „Ohja“ bekräftigen. Denn was er sagt, sind Absagen an die Bequemlichkeit – und an einen ausschweifenden Lebensstil.

Ein echter Umdenker

Niko Paech, Jahrgang 1960, ist Dozent an der Universität Siegen und der Universität Oldenburg und hat in Deutschland maßgeblich den Begriff der „Postwachstumsökonomie“ geprägt. Seit 2006 plädiert er öffentlichkeitswirksam dafür, dass die Gesellschaft weg müsse vom ständigem Wachstum und von Massenproduktionen, hin zu einer Lebensweise, in der mehr Wertschätzung für Ressourcen und nachhaltige Verantwortung gelebt wird.

„Ein echter Umdenker“, sei Paech, der „lebt, was er lehrt“, stellt Kai Schöneberg den Volkswirt vor. Er hätte kein Auto, kein Haus, keine Waschmaschine, keinen eigenen Computer, sei noch fast nie geflogen und habe einen Halbtagsjob. „Ich wasche meine Anziehsachen trotzdem“, scherzt Paech, allerdings teile er sich eine Waschmaschine gemeinschaftlich.

Sehr verkürzt dargestellt sind Paech-Aussagen an diesem Nachmittag: Zieht aufs Land, lernt wieder mehr handwerkliche Arbeiten, repariert Dinge statt sie wegzuwerfen, teilt untereinander, unterwerft euch nicht der Massenproduktion, sondern versorgt euch wieder mehr selbst. Sie klingen wie Utopien, die Vorschläge, die Niko Paech so locker von der Bühne heruntersagt, und doch sind es vermeintlich leichte Lösungen und eine Rückkehr zu dem, was mal war. Manchmal, so Paech, hätte er das Gefühl, die Menschen seien zu gebildet und mit einfachen Lösungen unterfordert. Man wolle doch wissen, warum man studiert habe und daher giere man geradezu nach komplizierten Lösungen.

„Einfache Lösungen sind schon deshalb radikal, weil sie einfach sind“

Etwas nicht tun – Produktivität verweigern, nur noch 20 statt 40 Stunden arbeiten, weniger konsumieren – kann das Probleme lösen? „Einfache Lösungen sind schon deshalb radikal, weil sie einfach sind“, sagt Paech und hat erneut die Lacher des Publikums auf seiner Seite. Er erklärt mit humorvollen Spitzen und trotzdem bestimmt, dass der Klimawandel nicht nur durch eine erfolgreiche Energiewende aufgehalten werden könne, sondern auch durch Verzicht: weniger Fleisch essen, kein Urlaub mit dem Flugzeug, nicht ständig neue Klamotten kaufen.

Vielleicht, so sagt Paech – und schiebt voran, dass er die Diskussion auch mal provokant gestalten wolle – sind Flugreisen irgendwann ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Es ist bestimmt nicht die einzige kontroverse Aussage, die er trifft; seine „bewusste Auslassung in seiner Argumentation nach der Frage der politischen Macht“ macht etwa einen Zuhörer richtig wütend.

Mit Paechs Antwort, dass es keine Politik gäbe, die sich gegen Wachstum wendet ohne sofort Macht zu verlieren und dem Hinweis, dass es immer nicht nur eine Machtseite, sondern auch eine Empfängerseite gäbe, gibt er die Verantwortung ein Stück weit wieder an die Individuen zurück. Doch natürlich sieht er auch elementare Probleme, beispielsweise in Bildungsfragen, und hätte seine Argumentation wohl leicht an deutlich mehr Lebensbereichen veranschaulichen können. Leider ist auch hier – trotz Verweigerung von zu starker Produktivität – die Zeit endlich.

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