vontazlab 21.04.2018

taz lab

Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

Mehr über diesen Blog

Von Ariana Emminghaus

Wir schreiben ein Jahr in ferner Zukunft. Die Revolution ist gewonnen. Sexarbeit ist entstigmatisiert und entkriminalisiert, Emotional Labor ist entfeminisiert, Trauer- und Sorgearbeit wird honoriert. Die drei Referierenden der Veranstaltung „Take care – Wie wollen wir uns umeinander sorgen?“ träumen sich die Welt zurecht.

„Menschen werden immer sterben“, meint der_die Autor_in und Antidiskriminierungstrainer_in Francis Seeck trocken. Deshalb würde es auch seinen_ihren Arbeitsbereich immer geben: die Trauer- und Sorgearbeit. In seiner_ihrer Traumzukunft wäre dafür der Unterschied in der Bezahlung und Anerkennung des typischerweise männlichen Bestatters und des_der üblicherweise femininen Trauerarbeiter_in nicht so unverhältnismäßig.

Auch der_die Kolumnist_in und Künstler_in Cleo Kempe Towers ist sich sicher, dass er_sie noch gebraucht würde: „Leute sind so dramatisch!“ Er_sie wünscht sich einzig mehr Respekt für seine_ihre emotionale Arbeit, weniger Stress und mehr Schlaf.

„Ich habe das Gefühl, dass ich immer gratis arbeite“

Sexarbeit werde ebenfalls fortbestehen, meint Christian Schmacht. Nur ein Stigma gebe es nicht mehr, „das wäre einfach nice.“ Der Sexarbeiter und Autor habe selbst noch an diesem Morgen mit dem Gedanken gespielt, eine Maske zu tragen, um seine Identität zu schützen. „Es ist auch okay, das als Handwerk zu begreifen“, meint er energisch, „niemand wird geboren und kann das.“

Das Meeting fing sogar noch grundsätzlicher an: „Was ist eigentlich Arbeit? Was unbezahlte Arbeit?“ Für zwei der drei Referierenden gar nicht so leicht zu beantworten. „Ich habe das Gefühl, dass ich immer gratis arbeite“, erklärt Towers. Oft wisse er_sie gar nicht, was jetzt emotionale Arbeit sei und was „einfach ein Mensch sein“.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Allein Schmacht scheint da zunächst ganz klar zu differenzieren. Für ihn gibt es gut bezahlte Sexarbeit und schlecht bezahlte Autorenschaft. Dabei leistet er auch emotionale Arbeit, wie er später ergänzt. Manchmal kann er da auch nicht mehr unterscheiden: „Wenn jemand traurig ist, dann blas‘ ich dem einen, dann geht’s dem besser.“

Aus dem Publikum kommt die Frage, ob Schmacht auch als Sexarbeiter sein Geld verdienen würde, wenn er ein Bedingungsloses Grundeinkommen bekommen würde. „Hätte, hätte, Fahrradkette“, spottet der Autor, der wohl zum Ende der Runde doch keine Lust mehr auf Gedankenspielchen hat.

Da müsse man ja dann auch unbezahlte Sexarbeit in Betracht ziehen, schaltet sich Moderatorin Hengameh Yaghoobifarah ein: „Wenn Frauen besser bezahlt würden, wären sie dann überhaupt in Beziehungen?“ Die Menschen am Tisch lachen. Die Frage nach der besseren Zukunft wäre damit geklärt, aber die Eingangsfrage, was eigentlich Arbeit ist, bleibt unbeantwortet.


Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/tazlab/2018/04/21/wenn-jemand-traurig-ist-dann-blas-ich-dem-einen/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.