vontazlab 21.04.2018

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Von Salim Akkari

Vor dem Vortragssaal wird es langsam unruhig. Es ist bereits 9 Uhr und der Einlass zur Veranstaltung „Die Welt ist besser als wir denken – oder?“ ist noch nicht freigegeben. Es wird gequengelt und gelacht.

Daniel Cohn-Bendit, Grünen-Politiker und Publizist, beginnt über die Vorstellung einer Verschlechterung der Welt zu referieren – und davon, wie sie eine Verbesserung verhindert. „Wir machen es uns schwerer als es sein muss“, mahnt er und geht besonders auf heutige Krisenfaktoren ein: Europa, Flüchtende, Trump. Cohn-Bendit lobt Macrons‘ Europapolitik und kritisiert, dass deutsche Politiker diese hindern, da sie nicht zuhören würden . „Wir sind in einem Niemandsland der Politik!“ Das Selbstverständliche – offen Konflikte zu diskutieren – finde nicht statt.

Weiter lobt Cohn-Bendit das amerikanische Check-and-Balance-System, das auch in Zeiten von Trump noch funktioniere und uns doch insgeheim gegen den Strich gehe, weil wir uns so gerne über Trump und die US-Politik empörten. „Wir mögen es, dass alles schlechter wird. Und auch die taz, wie alle Zeitungen, lebt davon.“

Der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis sei ein weiteres Beispiel: Es würden nur die negativen Aspekte dieses Konflikts wahrgenommen und positive Ereignisse ausgeblendet. Die Moderation – bestehend aus taz-Redakteurin Tania Martini und taz-Redakteur Martin Reeh – mahnt zur Eile.
Martin Reeh fragt, ob Untergangsszenarien besonders vom linken Flügel beflügelt werden, um eine Denkweise wie die der 68er wiederzuerwecken. Cohn-Bendit sieht genau darin das Problem. Es bringe nichts, wenn das politische Denken dual sei. Es gebe nicht nur schwarz und weiß, links und rechts, gut und schlecht. Und dafür müssten wir Verständnis aufbringen, sonst verharrten wir in alten Denkweisen und behinderten uns in unserem Ziel, die Welt zu verbessern.

Dann kommen die Publikumsfragen. Neben denen zur EU-Politik eines Mario Draghi und der Wohnungsmarktsituation in Berlin sticht besonders eine Frage heraus; sie lässt den sonst so gelassenen Cohn-Bendit regelrecht hochfahren: die nämlich, welche Macht Politik heute überhaupt noch habe – oder ob wir bl0ß noch eine Scheindebatte führten. Das Publikum klatscht wild. „Vielleicht macht die Politik etwas falsch, aber sie hat die Macht vieles zu verändern.“ Er ist genervt vom populären Wort „Neoliberalismus“ und sieht es als Hindernis, eine konstruktive Debatte zu führen.

Cohn-Bendit beendet die Veranstaltung mit einer Antwort auf die Frage, ob der psychologische Aspekt der Politik zu wenig beachtet wird. „Wenn ich über die Psychologie eines Markus Söder nachdenken muss“, so sagt er, „dann hör ich lieber auf zu denken.“

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https://blogs.taz.de/tazlab/2018/04/21/wir-moegen-es-dass-alles-schlechter-wird/

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