vontazlab 23.04.2018

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Von David Joram

„What the fuck ist Ostdeutsch?“, fragte am Ende ein Mann aus dem Publikum. Knapp zwei Stunden lang hatte zuvor eine höchst interessante wie tief gehende Debatte stattgefunden: Über Ostdeutsche, Muslime, Stereotype, Narrative, Normen, Werte.

Moderator Daniel Schulz, taz-Redakteur und im Osten (Potsdam) aufgewachsen, hatte die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan und den Soziologen und Biobauer Andreas Willisch gebeten, sich darüber breit auszulassen. Das Thema: „Heimarbeit. Über ein neues Verständnis von Ostdeutschland.“

Am Anfang stand die Frage: Was ist Heimat? Foroutan, die mit zwölf Jahren aus dem Iran ins Ruhrgebiet kam, antwortete: „Heimat kann überall sein.“ Aber nicht nur das. Heimat müsse nicht unbedingt an einen konkreten Ort gebunden sein, Heimat sei vor allem da, wo man Anerkennung erfahre.

Willisch, der einen Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern betreibt, sagte: „Für mich ist Heimat etwas, das verschwunden ist. Ein nebliges Gefühl.“ Sein Dorf nahe Karl-Marx-Stadt, die ja längst Chemnitz heißt, sei eingemeindet worden, die Gesellschaft, in der er groß geworden sei, „die gibt es nicht mehr“. Andreas Willisch, ein reflektierter Mann mittleren Alters, präsentierte sich stellvertretend für jene Generation aus den neuen Bundesländern, der etwas Wichtiges genommen wurde: die Heimat. So erzählt er es jedenfalls.

Stereotypisierung Ostdeutschlands

„Es gibt einen Unterschied zwischen Heimat und Zuhause“, sagt Willisch. Zuhause sei etwas, was man sich selbst schaffen könne. Sein Problem (und das vieler Ostdeutscher) sei: „Es gibt keine positiven Bezüge mehr zu diesen Orten. Das ist das Problem.“ Ostdeutschland werde stereotypisiert, als ein Streifen, dem es an Demokratie mangele, in dem nur Nazis lebten, Pegida und AfD besonders stark seien. Es ist eine Stereotypisierung, die in dieser Intensität derzeit nur eine weitere Bevölkerungsgruppe erfahre: Muslime.

Naika Foroutan informierte dementsprechend über Studien und Forschungen, welche die Parallelen zwischen Ostdeutschen und Muslimen aufzeigten. Während „die Ossis“ als Nazis abgestempelt würden (insbesondere aus westdeutscher Perspektive), würden Muslime etwa als grundsätzlich antisemitisch eingestuft. Analogien seien absolut vorhanden, so Foroutan, auch was die Opferrolle beträfe. Man müsse deshalb die Frage stellen, inwiefern das System Stereotypisierungen begünstige.

Eine lebhafte Diskussion entwickelte sich, an deren Ende Foroutan eine Prognose in den Raum stellte: Weil sowohl Ostdeutsche als auch Muslime stets mit Vorurteilen konfrontiert würden, sei es wahrscheinlich, dass beide Gruppen in verstärktem Maße eine eigene Identität ausbildeten. Allerdings nicht, weil sie dies selbst beabsichtigten, sondern weil ihnen von außen (von der mehrheitsgesellschaft) ein Stempel aufgedrückt werde.

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