vontazlabteam 24.04.2018

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Von Franziska Schindler

Es ist eine besondere Szene, die sich da im Konferenzsaal 1 bietet. 40 Personen lauschen gespannt der Soziologin Arlie Russel Hochschild, die dem taz lab per Skype aus San Francisco zugeschaltet ist. Der Tag war lang, die Videoübertragung funktioniert nicht – macht nichts. Hochschild referiert so überzeugend über Emotionsarbeit, die „zweite Schicht“ und die Automatisierung von Arbeitsprozessen, dass Technik zur Nebensache wird.

Mit dem Wandel von der Fertigungsindustrie zur Dienstleistungsgesellschaft spielt der Einsatz von Gefühlen im Beruf eine immer größere Rolle. Die wollen kontrolliert, abgeschwächt oder gestärkt werden: Die*der Flugbegleiter*in zwingt sich dazu, auch bei der größten Unverschämtheit der Fluggäste freundlich zu lächeln, die*der Rechnungseintreiber*in unterdrückt Mitleid, um den Job ausführen zu können. Die Leihmutter beginnt, Liebe zu dem Baby zu empfinden, das sie austrägt. All diese Handlungen bezeichnet Hochschild als Emotionsarbeit.

Was macht Emotionsarbeit mit den Arbeitnehmer*innen? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. „Das kann das größte Geschenk oder sehr belastend sein“ sagt Hochschild.

Die „zweite Schicht“

Emotionen müssen Arbeitnehmer*innen ganz besonders im Bereich der Sorge-Arbeit abrufen. Während die Erwerbsbiografien von Frauen sich immer mehr denen von Männern annähern, hängen Männer in ihrem Engagement für Haushalt, Kinder und ältere Familienangehörige hinterher. Das Resultat: Frauen übernehmen eine „zweite Schicht“, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen.

Wer das nicht kann und will, bezahlt andere dafür – oft Migrant*innen, die ihrerseits Kinder und Eltern zurücklassen. „Der Feminismus der Ersten Welt funktioniert nur dank der Verfügbarkeit von Frauen der Dritten Welt“ resümiert Hochschild, „oft empfinden die Nannys große Zuneigung zu den Kindern, die sie als Teil ihrer Arbeit betreuen – es handelt sich sozusagen um geliehene Liebe“.

Hochschild geht davon aus, dass Betreuungslücken, insbesondere in der Altenpflege, in der Zukunft immer mehr von Robotern geschlossen werden. „Da müssen wir uns Gedanken machen: wie geht es den Pfleger*innen, wenn sie teilweise von Robotern ersetzt werden?“ Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen, dass immer mehr Emotionsarbeit kommerziell geleistet wird – ist das negativ? Nach Hochschild ganz und gar nicht. Vielmehr sollten Emotionsarbeiter*innen stolz darauf sein, wie viel sie geben, und in ihrem oft therapeutischen Wirken unterstützt werden.

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