vontazlabteam 24.04.2018

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Von Anne Hoehn

Stell dir vor, mitten in Europa wächst seit Jahren eine repressive Medienoligarchie und keinen interessiert’s. So ließe sich die Situation der Gäste auf einer der letzten Veranstaltung des taz labs zusammenfassen. Fünf bulgarischen JournalistInnen diskutieren mit taz-Redakteurin für Osteuropa Barbara Oertel die Arbeitssituation in ihrem Heimatland. Diese ist geprägt von Selbstzensur und Druck auf die Medienmacher durch einen Oligarchen, dem 80 Prozent des Printmarkts gehören.

Den Kern des Problems bildet, wie so häufig, Geld. „Je weniger Geld du hast, desto weniger investigative Geschichten kannst neben dem Tagesgeschäft schreiben“, sagt OFFNews-Redakteur Kaloyan Konstantinov. „Manchmal sitze ich nach meiner Acht-Stunden-Schicht noch fünf oder sechs Stunden daheim und arbeite an einer investigativen Story, für die mich keiner bezahlt. Das ist frustrierend.“

Konstatinovs Kollegen arbeiten für verschiedene Medienhäuser, doch konfrontiert sind sie alle mit denselben Problemen: „Journalisten werden Klagen angedroht, sie werden an Orten außerhalb der Hauptstadt verprügelt und müssen sogar um ihr Leben fürchten“, weiß Boryana Dzhambazova, die als Kommunikationsberaterin für „Press Start“ arbeitet.

Korruption und Zensur

Schuld ist das vollkommen intransparente und korrupte System, in dem die Macht bei einigen wenigen Regierungstreuen liegt. Pariert ein Journalist nicht, muss er mit Bedrohung rechnen. Einige zensieren sich aus Selbstschutz, andere geben die Profession ganz auf.

Mit dem Eintritt Bulgariens in die EU 2007 verbanden viele die Hoffnung auf freie Presse und bessere Arbeitsbedingungen. Paradoxerweise ist das Gegenteil der Fall: Seit 2007 ist das Land auf der Rangliste der Pressefreiheit massiv nach unten gerutscht, aktuell bildet es mit Platz 109 von 180 das europäische Schlusslicht. Die bulgarische Regierung verteilt das Geld aus den dafür vorgesehenen EU-Fonds so, dass staatstreue Medien profitieren und die anderen leiden.

Das zu kontrollieren und zu korrigieren wäre eigentlich Job der EU-Kommission. Aber die bleibt untätig. Die Verärgerung und Enttäuschung darüber ist den Gästen anzumerken: „Waffen, Drogen, Menschen werden gehandelt, Pässe illegal erworben und all das kommt durch Bulgarien in die EU – wir sitzen alle im selben Boot, doch niemand scheint es zu interessieren“, resümiert Kalogan Konstatinov. „Die EU braucht Bulgarien, hier liegt die Zukunft der EU in Osteuropa.“

Besser heute als morgen

Ein Anfang wäre, da sind sich alle einig, die Osteuropa-Berichterstattung beispielsweise in Deutschland nicht auf die Verfehlungen der EU Länder im Bezug auf Rechtsstaatlichkeit und die Flüchtlingspolitik zu beschränken. Sondern den Druck der auf der kritische bulgarische Presse lastet zu thematisieren. Und das besser heute als morgen.

„Wann wollen wir denn etwas tun?“, fragt Boryana Dzhamazova. „Wenn wie in der Slowakei ein Investigativ-Journalist ermordet wird? Wenn in Polen eine Mediendiktatur aufgebaut wird oder wenn es, wie in Ungarn, eine unterdrückte Presse gibt? Dann ist es zu spät.“

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https://blogs.taz.de/tazlab/2018/04/24/zwischen-selbstzensur-druck-und-medienoligarchie/

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