vontazlab 06.04.2019

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Von Ariana Emminghaus

„Es fehlt an Empathiebekundungen Muslimen gegenüber“, entrüstet sich Stefanie Lohaus, Mitherausgeberin des Missy-Magazins. Sie erzählt von einer Freundin, deren Kinderwagen umgeworfen wurde, weil sie ein Kopftuch trägt. Lohaus ist den Tränen nahe. Empathie zeigt auch der islamkritische Autor Samuel Schirmbeck: „Meine muslimischen Freunde wurden umgebracht!“ Er spricht aber nicht von deutschen, sondern von islamistischen Tätern – in Algerien, wo er 10 Jahre als ARD-Korrespondent arbeitete. Letzteres wird er nicht müde zu betonen, bis es aus dem Publikum dazwischen schallt: „Ja, das wissen wir jetzt!“

Diskutiert wird die Gretchenfrage der europäischen Linken: „Wie hältst du es mit dem Islam?“ Moderator Frederik Schindler gelingt es zuweilen kaum, Schirmbeck zu unterbrechen. Auch Lohaus versucht manchmal erfolglos, etwas zu sagen. Trotzdem bekommt ihre Meinung schließlich viel Raum: Sie kritisiert das Patriarchat, autoritäre Strukturen und Nationalismus in muslimischen Ländern, nicht aber den Islam. Statt für Islamkritik plädiert sie für demokratische Werte. Schirmbeck dagegen sieht es auch in der Verantwortung der europäischen Linken, den Blick auf den Islam zu verändern – „wenn sich schon der Islam nicht ändert.“

Es gibt aber auch Momente der Übereinstimmung. So zum Beispiel, als Schirmbeck ausruft: „Der Islam ist frauenfeindlich!“ Und Lohaus einwirft: „Aber nicht nur der Islam!“ Oder als Schirmbeck einen Besuch bei Angehörigen islamistischer Attentäter schildert, die selbst gläubig seien und hilflos angesichts der Radikalisierung. Oder als Lohaus den Koran ein Buch nennt, „das Menschen geschrieben haben.“

Zum Schluss greift sie sich noch einmal das Mikrofon und meint, sie führe übrigens genau diese Diskussion jedes Jahr zu Weihnachten mit ihrem Vater. Wie das alljährliche Festtagsessen wiederholen sich bei diesem Thema Argumente und Vorwürfe. Doch dass es nicht vom Tisch verschwindet, zeigt wohl, wie wichtig es gerade heute ist. Und ist das Gespräch samt Überschneidungsmomenten nicht schon eine Form der Auseinandersetzung? Eine, die Teil ist von der „muslimischen Aufklärung, von der hier nie gesprochen wird“ und die laut Schirmbeck in vollem Gange sei. Nur, müssten dafür nicht auch Muslime zu Wort kommen? Denn sogar Lohaus findet: „Kritik an religiösen Schriften ist innerhalb von Religionen wichtig.“

Schirmbeck und Lohaus ernten für ihre Meinungen und zuweilen steilen Thesen jeweils einiges an Applaus oder Entrüstung. Der Grad an Engagement und Emotionalität im Publikum entspricht dem auf der Bühne.

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