vontazlab 08.04.2019

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von ANTONIA BÖKER

In der Galerie spricht taz-Redakteurin Patricia Hecht im Rahmen der Veranstaltung „Kulturkampf in Europa“ mit der Europaabgeordneten Terry Reintke (Grüne/EFA), dem Soziologen und Publizist Andreas Kemper, und Eike Sanders, die für das Antifaschistische Pressearchiv apabiz forscht, über die Entwicklung der sogenannten „Lebensschutzbewegung“ in Europa – besonders im Zuge einer stärker werdenden Rechten.

Eike Sanders beobachtet die Lebensschutzbewegung seit gut zehn Jahren. Lange habe sie darum gekämpft, dass diese als politischer Gegner ernstgenommen wird. Viele Menschen glaubten, es handele sich bei den „Lebensschützer:innen“ schlicht um eine Handvoll religiöser Fundamentalist:innen, sagt sie. Wie falsch sie damit liegen, wird im Veranstaltungsverlauf deutlich.

Die Pro-Life-Bewegung habe sich in den letzten Jahren enorm professionalisiert, so der Konsens unter den Redner:innen. Dazu gehört auch eine zunehmende Vernetzung. Selbst hinter scheinbar kleinen Gruppen stehe oft ein übernationales Netzwerk, erklärt Kemper. Ein Beispiel dafür: die Kampagne „40 Days for Life“. Ihren Ursprung hat sie in den USA, nach Deutschland kam sie über Kroatien. Hier organisieren Anhänger nun regelmäßig Mahnwachen vor Pro-Familia-Stellen. Vierzig Tage lang schlagen die selbsternannten Lebensschützer:innen dann ihre Lager vor den Beratungsstellen auf. Wer hinein will, muss an ihnen vorbei.

Es geht um mehr als um das Recht auf Abtreibung

Dabei sind die Anti-Choice-Gruppierungen nicht nur untereinander verflochten. Ihr Netzwerk reiche weit in die europäische Politik hinein, berichtet Terry Reintke. Erst kürzlich hat der „World Congress of Families“ in Verona stattgefunden. Er gilt als Treffpunkt der Bewegung. Seine Schirmherrschaft hatte in diesem Jahr der italienische Familienminister inne. Zudem geladen war, neben Vertreter:innen aller großen rechten Parteien in Europa, EU-Parlamentspräsident Tajani. Gekommen ist er nicht. Eigenen Angaben zu Folge allerdings nur aus terminlichen Gründen. Für Reintke zeige das klar, wie weit sich die Lebensschutzbewegung schon in konservative Kreise gefressen habe.

Solche Verbindungen sind zentral für die Strategie der Lebensschützer:innen. Kemper verweist zum Beispiel auf das Anti-Choice-Netzwerk „Agenda Europe“. Dessen selbsterklärtes Ziel sei unter anderem auf Europa- wie Staatenebene Richter zu setzen.

In der Galerie machen die Referent:innen deutlich: Der Lebensschutzbewegung geht es in ihren Bestrebungen um viel mehr, als um die Frage nach Schwangerschaftsabbrüchen. Nicht umsonst trägt die Veranstaltung den Titel „Kulturkampf in Europa“. Für Eike Sanders ist klar: Die Abtreibungsproblematik ist nichts weiter als ein Vehikel für eine zutiefst antiliberale Ideologie. Eine Ideologie, die auf eine heteronormative Zweigeschlechtlichkeit poche und auf einem christlichen Europa beharre. Dadurch können auch faschistische Ideen nahtlos integriert werden.

Kemper rät deshalb, die Pro-Choice-Bemühungen als Teil des Kampfes gegen einen europäischen Rechtsruck zu verstehen – und sich für beides einzusetzen. Wo wir damit anfangen sollen, will Hecht am Ende noch wissen – international, lokal? Es antwortet diesmal eine Zuschauerin: „Alles gleichzeitig!“

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