vontazlab 15.04.2019

taz lab

Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

Mehr über diesen Blog

von JOHANNES DROSDOWSKI

Ein Verdursteter sitzt auf dem Beifahrersitz eines Schlepper-Wagens. Die eingefallenen Körper von Toten liegen im Sand der Sahara. Als das Publikum diese Aufnahmen aus dem Dokumentarfilm „Türsteher Europas“ sieht, ist es geschockt. Die EU investiert Milliarden-Summen, um afrikanische Staaten dazu zu bringen, ihre Grenzen dicht zu machen und Migration aufzuhalten.

Im Panel „Abgeriegelt“ will Abdou Razak Aboubakar über die Folgen sprechen. „Warum habe ich extra Afrika verlassen und bin nach Deutschland gekommen?“, fragt der Koordinator der NGO Association Togolaise des Expulsés. „Damit wir uns verständigen. Heute erfahren Sie, was bei uns passiert.“

2015 trat in Niger ein Gesetz in Kraft: Schleusen ist verboten. Dass es seit dem Besuch von Angela Merkel 2016 auch wirklich angewendet wird, ist besonders für die Stadt Agadez ein herber wirtschaftlicher Verlust. Rund 1.500 Euro habe ein Schlepper pro Monat verdient, erzählt Moussa Tchangari, Generalsekretär der nigrischen NGO „Association Alternative Spaces Citoyens“. Heute sollen diese Menschen Geld dafür bekommen, niemanden mehr nach Norden zu transportieren. Auch 1.500 Euro, aber pro Jahr – falls das Geld denn dann irgendwann mal komme. „Gesehen hat es bisher zumindest niemand.“

Migration, einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige Nigers, fällt einfach weg. „Was macht das mit dem Land?“, fragt Moderator und taz-Redakteur Christian Jakob, der das Drehbuch zu „Türsteher Europas“ mitgeschrieben hat. „Die Frustration der Bevölkerung steigt, Konflikte werden ausgelöst und schon bestehende Konflikte verschärft“, erklärt Tchangari. Besonders die Tuareg seien vom neuen Gesetz betroffen, denn auch Migration um in anderen afrikanischen Ländern zu arbeiten ist nun nicht mehr leicht machbar. Die Unzufriedenheit und der Druck auf die Tuareg war 2012 schon einmal gestiegen, damals in Mali. Dort schlossen sie sich daraufhin Dschihadisten an. Der Konflikt dauert noch immer an.

Vor dem Verdursten retten

Tote fordern die Anti-Migrationsmaßnahmen aber schon jetzt. Fast 2.300 Menschen starben 2018 im Mittelmeer, ordnet Jakob ein. Der Hohe Flüchtlingskommissar der vereinten Nationen (UNHCR) gehe davon aus, dass in der Sahara noch viel mehr Migrierende gestorben sind. Grund dafür ist auch eine Strategie, bei der die Brunnen in der Sahara beobachtet werden. Wer den Anschein erweckt, illegal zu reisen oder illegal Menschen zu transportieren, wird kontrolliert. Schlepper werden festgenommen, Migrierende abgeschoben.

Wer wirklich illegal reist, meidet nun die überlebenswichtigen Wasserstellen. Abdou Razak Aboubakar hat deswegen ein Netzwerk aufgebaut, dass die Menschen vorm Verdursten retten soll. Die Bevölkerung kann ihm und seinen Kollegen melden, wenn sie Gruppen von Migrierenden in der Sahara sehen. Sie schwärmen dann sofort aus, suchen nach den Menschen und versuchen, sie zu retten.

Die Verdurstenden seien Märtyrer, meint Tchangari, die sich entschieden hätten, das Elend in ihrer Heimat nicht länger hinzunehmen. „Sie wollen leben. Und sie sind eine afrikanische Avantgarde. Jedes mal wenn dort eine junge Frau oder ein junger Mann stirbt, stirbt jemand, der einen Traum hatte. Und jeder von ihnen ist ein großer Verlust für die ganze Welt.“

„Grenzposten aufzustellen, ist ein Rückschritt, kein Fortschritt“

Natürlich könnte man einwenden, dass das ein afrikanisches Problem sei. Afrikanische Grenzen, afrikanische Kontrollen gegen Migration. Doch die EU zahlt dafür. Tchangari bezeichnet den Deal Grenze gegen Geld als einen „Kuhhandel“, den nur der annimmt, der dazu gezwungen wird. Denn im Endeffekt ist er wirtschaftlich ein Verlust für die Staaten. Doch Tchangari sieht auch ein klares Kalkül: „Die Politiker glauben, dadurch internationale Anerkennung zu gewinnen und so weiter ihre Wahlen abhalten zu können, wie sie es wollen, und Leute zu verhaften, wie sie es wollen.“

Eine „Grenzsicherung“ wie es immer wieder heißt, fände dabei nicht statt. „Das würde ja bedeuten, dass man gerne zu den Checkpoints an den Grenzen geht, weil man dort sicher ist“, so Tchangari.

Gerade würden Grenzen aber zu etwas Gefährlichem gemacht werden. Und sie würden die Menschen auch immer wieder an die Gräuel des Kolonialismus erinnern. „Die Grenzen in Afrika sind etwas Künstliches, das bei der Berliner Konferenz von den Kolonialmächten erschaffen wurde. Dagegen kämpfen wir! Grenzposten aufzustellen, ist ein Rückschritt, kein Fortschritt.“

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/tazlab/2019/04/15/von-wegen-grenzsicherung/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.