vontazlab 15.04.2019

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Gedanken, Ideen, Eindrücke, Berichte – das taz lab Blog ist die kleine Version der großen 24h-Denkfabrik der taz.

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von JANNIK SCHAEFER

Ah, der Herr Nachbar! Schön, Sie zu sehen! Zum abendlichen Finale des diesjährigen taz labs kommt es zu einer Begegnung, die im Privaten eigentlich jeder kennt: man trifft auf Menschen, die einen daran erinnern, warum eine räumliche Trennung auch ihr Gutes haben kann: Julian Reichelt, der Chefredakteur der Bild-Zeitung, ist zur taz eingeladen.

Da gibt’s doch sicher Tortenwürfe oder Farbbeutel-Attentate, mutmaßt so mancher im Publikum. Doch man erlebt einen überraschend gemäßigten Abend, der – in dieser Form – zu anderen Zeiten wohl kaum vorstellbar gewesen wäre.

Die Meinungen im Publikum gehen auseinander: macht dieses Gespräch überhaupt Sinn? Man gebe Reichelt eine Plattform, um dann zu erfahren was ohnehin klar sei. Der Mann habe kein Gewissen und könne gut verkaufen. Aber anschauen könne man sich die Sache ja mal – darin sind sich die Wartenden weitgehend einig.

Reichelts zarte Seite

Die Einstimmung mit atmosphärischen Musikvideos sorgt zumindest schon einmal für amüsierte Grundstimmung: beim Einlass läuft der imperiale Marsch von Star Wars, Reichelt erscheint im Lehrer-Sakko mit Ellbogen-Patches auf der Bühne und trinkt Bier. Er sei ein durchschnittlicher Typ, meint Reichelt, der einfach gerne Fußball schaut und Chart-Musik höre.

Doch in diesem Gespräch soll es gerade nicht um jene unterbewusst aufgeladenen Oberflächlichkeiten gehen, die die Bild zu einer der prägendsten Zeitungen der Nachkriegszeit und zum ewigen Hassobjekt der taz-Leserschaft gemacht haben. Moderator Martin Kaul will von Reichelt zeitdiagnostische Aussagen hören. Welche Idee dieser von Europa habe, wie er zum journalistischen Zynismus stehe, wie er die publizistischen Strategien der Bild-Zeitung rechtfertige.

Kaul spricht von der Erkundung der zarten Seite des Julian Reichelt und konfrontiert ihn mit seinen Erfahrungen als Kriegsreporter. Der sonst so schroffe Blattmacher übt sich daraufhin in philosophischen Reflexionen über die Banalität des Todes und seine erfolgreich verdrängten Kriegserfahrungen: „Die Therapie und das Traumatisiertsein sind gesellschaftlich fast zum Statussymbol geworden. Der historisch erfolgreichste Umgang ist die Verdrängung.“

Ein echter taz-Redakteur?

Reichelt klingt mitunter wie ein echter taz-Redakteur, auch Kaul ist verdutzt. Er spricht warmherzig über die Deutsche Wilkommenskultur, auf die man stolz sein müsse. Deutsche Bahnhöfe hätten 70 Jahre lang für Deportation gestanden, jetzt jedoch für Fluchthilfe. „Der Preis, den wir dafür zahlen, ist extrem hoch. Aber es hat sich gelohnt“, sagt Reichelt. Doch im Anschluss wettert er gegen sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge, die nun – so der Bild-Chef – den Deutschen die Großherzigkeit nähmen: „Ich finde es schrecklich, dass eine politische Glanzleistung von den falschen Leuten da jetzt als Kuschelbärwerfen umgedeutet wird.“

Daraus leitet Reichelt gekonnt die Position der Bild ab und zitiert Franz-Josef Strauß: „Rechts von uns gibt es nur noch die Wand. Ich glaube übrigens auch, dass links von der taz im demokratischen Spektrum nur noch die Wand kommt.“ Seiner Zeitung falle dabei gerade die Funktion zu, Dinge auszusprechen, die ansonsten von undemokratischen Kräften für revolutionäre Aktivitäten genützt werden würden. Anders formuliert: Man müsse der AfD-Wählerschaft nach dem Mund reden, sonst wählten diese die AfD.

Die Bild sei idealerweise die Zeitung des erzürnten, entfremdeten Mannes, der sich von der Politik nicht abgeholt fühlt. Die dramatisierende Funktion seiner publizistischen Tätigkeit bleibt unreflektiert. Außerdem habe sich die Stimmung im Land auch beruhigt, seit Angela Merkel den Parteivorsitz abgegeben hat.

Reichelt ist – neben seiner redaktionellen Funktion bei der Bild-Zeitung – vor allem auch eine Figur für alle, die keine Bild lesen. Er vertritt differenziert und rhetorisch gewandt die selektive Gewissenlosigkeit des völkischen Unterbewusstseins, legitimiert die emotionale Wut der deutschen Seele.

Er könne gar nicht anders, als sich selbst treu bleiben und er schreibe auch nie, um einer Linie zu folgen. Er wolle ein Deutschland der Willkommenskultur, sei aber auch der Wahrheit verpflichtet. „Sagen, was ist“, das berüchtigte und aktuell etwas ins spöttische abgerutschte Motto des Spiegel, sei seine Motivation. Julian Reichelt ist ein Mensch, davon konnten sich die Besucher des taz lab heute überzeugen.

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