Afrika-Workshop 20.06.2017: Aufklärung statt Angst

Für mehr Verständnis zwischen Völkern und Kulturen, zwischen Politik und Gesellschaft – unsere Afrika-Workshop-Teilnehmerin Matel Bocoum aus dem Senegal berichtet aus Deutschland.

„In Zeiten, in denen die Medien ihre Glaubwürdigkeit verlieren, in denen zu viele „schlechte Nachrichten“ die Leserschaft vergraulen, möchte ich meinen Lesern Informationen bieten, die ihnen wirklich nützen.“ sagt die senegalesische Journalistin Matel Bocoum, die für das Wirtschaftsblatt „Le Soleil Business“, ein Ableger der Tageszeitung „Le Soleil“,  in Dakar arbeitet. „Natürlich ist es unumgänglich, Fehlstände aufzuzeigen, doch es ist unsere Aufgabe, die Menschen aufzuklären und sie nicht mit ihren Ängsten alleinzulassen.“ Bocoums Anliegen, Zusammenhänge verständlich zu machen, äußert sich in der energischen Art, in der sie während unseres achttägigen Afrika-Workshops unermüdlich in ihr Notizbuch kritzelt. Die Journalistin ist nie um eine Frage verlegen und sammelt eifrig Visitenkarten unserer Referenten.

Als Leiterin des Ressorts Energie und Bergbau interessiert sie sich besonders für nachhaltige Energien und Afrikas Energiepolitik. So erscheint kurz nach ihrer Rückkehr eine Doppelseite zum Thema Energiepolitik im Rahmen des G20 Gipfels und berichtet ausführlich über die Arbeit von VENRO (Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe), deren Referenten sie im Rahmen des Workshops kennenlernen konnte. “Markus Henn und seine Kollegen, die im Rahmen von C20 tätig sind, haben ihren Einsatz für einen wirtschaftlichen Wandel in den Dritte-Welt-Ländern zum Ausdruck gebracht.“ schreibt sie. “Die G-20 Länder seien dafür verantwortlich, Strategien zu entwickeln, die weltweit eine bessere Lebensqualität ermöglichen.“

Die Herausforderungen afrikanischer Energiepolitik

„Mein Aufenthalt in Deutschland hat zu meinem Verständnis der Herausforderungen beigetragen, denen die afrikanischen Länder sich stellen müssen, um ihre Souveränität im Bereich der Energiepolitik zu wahren.“ sagt Bocoum. Besonders beeindruck war sie von den vielen ökologischen Strömungen in Deutschland, die sich für nachhaltige Energien einsetzen. „Es ist paradox: trotz unserer großen natürlichen Ressourcen und unserem Energiepotential können wir kaum den Bedarf unserer eigenen Bevölkerung decken. Auch die Entwaldung ist eine traurige Realität. Wir sind im Dunkeln und wir verlieren unsere Bäume. Immer wieder versuche ich, das Augenmerk der Politik auf diese Fehlstände zu lenken. Mein Aufenthalt in Deutschland hat mich ungemein motiviert, tatkräftig zu einem Wandel beizutragen.“

Bocoum nutzt ihren Deutschlandaufenthalt auch, um vom Forum für Migration und Entwicklung zu berichten. Ihr fällt auf, dass der europäische Diskurs zur Flüchtlingskrise sich verändert hat. Die deutsche Politik plädiere nunmehr auf die Menschenrechte und eine weltweite gemeinsame Verantwortung, der sich so viele Staaten wie möglich bewusst werden sollten. Auch berichtet sie über die Konzepte für eine erfolgreiche Wirtschaftsmigration, die im Rahmen des Forums vorgestellt werden: Angebot und Nachfrage müssten besser aufeinander abgestimmt werden, sodass die Wirtschaft wirklich von den Migranten profitieren kann. Auch müsse es bessere staatliche Maßnahmen gegen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt geben.

Asyl in Deutschland, eine Bestandsaufnahme

Das größte Interesse bei den Lesern jedoch erweckt Bocoums Bericht über die Senegalesischen Flüchtlinge und Asylbewerber in Deutschland: die einen, denen es gelungen ist, Asyl zu bekommen, die eine deutsche Staatbürgerschaft und ein eigenes Business haben, und jene, denen Asyl verwehrt wird, weil Senegal heute als sicheres Herkunftsland gilt und weil es zu viele Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan gibt. Sie schreibt über das Leben dieser Menschen in Deutschland und darüber, wieviel Fleiß und Energie es kostet, deutsch zu lernen und sich zu integrieren. Sie selbst glaubt, dass es wichtig ist, die Menschen in Afrika zum Bleiben zu bewegen – doch das geh eben nur, wenn die Strukturen im Land gefestigt und Arbeitsplätze geschaffen werden können, sagt Bocoum.

Die Artikel, die im Rahmen des Workshops entstanden sind, stoßen auf positives Feedback bei Kollegen und Leserschaft. So greift Matel Bocoum in der Onlineausgabe von „Le Soleil“ auch gesellschaftliche und kulturelle Themen auf, die sie für besonders Relevant für ihre Leserschaft hält. Sie veröffentlicht ein Portrait des senegalesischen Musikers Youssou Ndiaye, der seit 2015 in München lebt und darüber berichtet, wie er seine künstlerische Tätigkeit in Deutschland begann, indem er für 10 € Dosen kaufte und diese mit Steinen befüllte, um damit Musik zu machen. Nur zwei Jahre später bringt Ndiaye deutschen Schülern Djembé (westafrikanische Trommel) bei und gibt Tanzkurse. Gern hätte Bocoum Karamba Diaby getroffen und über ihn geschrieben. Der SPD-Politiker und gebürtige Senegalese, der seit 2013 im Bundestag sitzt, ist für sie ein Beispiel von gelungener Integration, dass sie gern an ihre Leser weitergetragen hätte.

Gefühlte Freiheit   

Auch über den Besuch im ehemaligen Stasi-Gefängnis von Hohenschönhausen schreibt die Journalistin. Der Kontrast der DDR-Diktatur zum jetzigen Deutschland ist groß. „Dank der Treffen mit deutschen Parlamentariern habe ich festgestellt, wie lebendig die deutsche Demokratie ist. Presse-und Meinungsfreiheit scheinen hier eine Realität zu sein. Besonders bei der Bundespressekonferenz hat man gespürt, wieviel Respekt die Regierung der Presse zu Teil werden lässt.“

Besonders beeindruck war Bocoum vom Genossenschaftsmodell der taz. Obwohl ihre Zeitung zum Großteil von staatlichen Institutionen gehalten wird, macht sie sich Sorgen um den finanziellen Stand der nicht-staatlichen Presse in ihrem Land. „Seit der Finanzkrise ist unsere private Presse geschwächt, dabei mangelt es natürlich nicht an professionellen und integren Journalisten.“ Eine Genossenschaftszeitung im Senegal, das wäre ein Traum! Doch zunächst möchte Matel Bocoum an ihren Englischkenntnissen arbeiten. « Weil es die Kommunikation zwischen den Völkern erleichtert, dieselbe Sprache zu sprechen ». Eine Einsicht, die ihr wohl im Laufe unseres zweisprachigen Workshops mit Teilnehmern aus zehn afrikanischen Ländern gekommen ist.

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