„Man muss den Menschen reinen Wein einschenken“

von Anke Schuhardt

Er isst nicht nur kein Fleisch. Sondern auch keinen Käse, Eier, Milch und Honig. Christian Vagedes ist der Gründer und erste Vorsitzende der Veganen Gesellschaft Deutschland.

Veganer verzichten auf alle tierischen Produkte – meist aus ethischen Gründen. So tragen konsequente Veganer keine Wolle oder kein Leder und achten bei Kosmetika und Medikamenten darauf, dass sie ohne Tierversuche hergestellt wurden. Die Vegane Gesellschaft entstand erst im letzten Jahr; sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die vegane Lebensweise zu fördern. Dadurch soll unter anderem menschgemachtes Tierleid verhindert und der Klimaschutz vorangetrieben werden. Der 37-jährige Gründer hat Tischgespräch erzählt, wie es dazu kam und warum er sich vor vielen Jahren entschloss, vegan zu leben.

„Als meine erste Tochter sich ankündigte, das ist jetzt fast elf Jahre her, machte es plötzlich Klick im Kopf und mir wurde klar: Es gibt Sachen, die darf man einfach nicht machen. Tierische Produkte sind immer mit Schmerzen, Leid und Tod anderer Lebewesen verbunden. Meine Frau und ich haben dann von heute auf morgen aufgehört Fleisch, Eier und Käse zu essen. Wir wollten nicht länger dafür verantwortlich sein, dass andere Lebwesen für uns leiden und sterben müssen. Was wir leider noch nicht wussten, weil wir zu wenig Information hatten, war, dass wir darum aber auch gleich mit Sahne und Butter aufhören müssen. Das hat sich dann schnell buchstäblich gegessen, weil wir erfahren haben, dass das genauso tödliche Konsequenzen für die Tiere hat. Wir waren erstmal ganz schockiert. Deswegen lege ich heute so großen Wert darauf, dass man den Leuten gleich reinen Wein einschenkt, denn ich hätte es auch gerne sofort erfahren.

Unsere Kinder haben wir von Anfang an vegan erzogen und das hat bei uns wunderbar geklappt. Zu dem Thema wird unheimlich viel Propaganda gemacht, es ist schließlich der moralische Schmerzpunkt. Mütter und Vätern kann man da natürlich große Angst einjagen.

Was wirklich eine Herausforderung ist, ist das Thema Vitamin B12. Das ist allerdings bei Kindern, die gestillt werden, nicht so das Riesenproblem, da bei ihnen der B12 Speicher ja gar nicht so schnell leer wird. Man kann also sagen, dass sie in den ersten Jahren sowieso geschützt sind. Und wenn sie älter werden, müssen sie – genauso wie wir auch – mal einen Bluttest machen. Ich finde es wichtig den Leuten zu sagen, dass sie kein synthetisches Vitamin B12 nehmen sollen, sondern aktives B12, das wirklich auch im Speicher landet.

Wenn du einen Bluttest machst, musst du auch bitte nicht nur das B12 testen, sondern auch das Homocystein. Wenn der Wert in die Höhe schnellt, weißt du, dass du was unternehmen musst. Es ist sehr wichtig sich darüber zu informieren, denn ein zu niedriger B12 Spiegel kann wirklich gefährlich sein.

Ich habe einen ganz tollen Arzt, Dr. Heinrich, der Ganzheitsmediziner ist. Er prüft bei seinen Patienten, ob sie einen Nährstoffmangel haben und macht dafür einen umfangreichen Bluttest. Und er sagt ganz klar, ‚die meisten Leute, die zu mir kommen und die ein B12 Problem haben sind nicht Veganer, sondern Fleischesser.’

Ich hatte noch nie gesundheitliche Probleme durch das vegane Leben. Eher im Gegenteil. Meine Erfahrung ist, dass eine Erkältung bei mir schneller vorbeigeht, und ich bin auch weniger krank, seit ich vegan lebe. Auch meine Kondition ist besser geworden, beim Joggen bin ich stark verbessert, das ist faszinierend.

Als meine Frau und ich vegan geworden sind, haben natürlich alle gedacht, wir hätten nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aber wenn man seine Ideen vehement und glaubwürdig vertritt, ist es doch so, dass man seine Umgebung verändert und heilsam auf seine Mitmenschen einwirkt. Ich spüre in meiner Umgebung, dass sich was tut, dass selbst die Leute, die sich erstmal sperren und drüber lustig machen, doch drüber nachdenken und sich auch verändern. Essen kann der Einstieg zu mehr Bewusstsein und Ethik sein. Und deswegen kümmere ich mich persönlich auch um dieses vegane Thema. Wenn die Welt morgen vegan wäre, hätte ich genug weitere Themen um die ich mich kümmern würde. Aber vegan ist für mich Einstieg, weil Essen etwas Allgegenwärtiges darstellt. Man geht viel kritischer und bewusster mit seiner Mitwelt um. Umgekehrt steht das nicht-bewusste Essverhalten auch dem eigenen Bewusstsein und ehtischem Verhalten im Weg.“

Lesen Sie morgen, warum Christian Vagedes sagt, dass Vegetarismus veraltet sei.

Fotos: Pressematerial Vegane Gesellschaft Deutschland, Udo Taubitz und Kelley Boone


15 Kommentare zu "„Man muss den Menschen reinen Wein einschenken“"

  1. Interessant zu lesen, super Sache :)

  2. Find ich prima – ich habe nach langem “Vegetarierdasein” inzwischen vor ein paar Monaten auch auf vegan “umgestellt” und mir geht’s prima. Ich lerne viele leckere neue Gerichte kennen und Kochen macht noch mehr Spaß als vorher. Außerdem fühle ich mich wesentlich fitter und habe nicht mehr so viel Heißhunger auf Süßes, weil ich insgesamt mehr auf meine Ernährung achte. (…und wenn ich doch Lust auf Süßes habe – es gibt großartige vegane Backbücher, und veganen Teig kann man ohne Salmonellenangst probieren ;) )

  3. “Ihr spinnt doch, Ihr Veganer-Pack!!!111Einundelfzig”

    Soetwas ähnliches hätte ich noch vor 10 Jahren gedacht und gesagt. Irgendwann änderte sich jedoch meine Weltsicht. Nach vier Jahren vegetarischem Leben (auch ich war mir absurderweise nicht darüber im Klaren, dass Kühe regelmäßig geschwängert werden müssen, damit der Milchfluss nicht versiegt, dass hauptsächlich tierisches Lab im Käse steckt,…) ging mir dadurch, dass eine Freundin vegan wurde, auf, dass Vegetarismus nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Jetzt lebe ich fast 2 Jahre lang vegan und habe es nicht eine Sekunde bereut. Wie auch, als ethisch motivierter Veganer?

  4. Ach ja, es wäre ja so schön, wenn sich die Um- bzw. Mitwelt schneller anpassen und umstellen würde! Die Lebensmittelhersteller sollen zu dem Zeug stehen, das sie in die Produkte panschen! Noch gibt es viel zu viel verstecktes Tierleid in den Regalen der Lebensmittelgeschäfte.

  5. ” So tragen konsequente Veganer keine Wolle oder kein Leder und achten bei Kosmetika und Medikamenten darauf, dass sie ohne Tierversuche hergestellt wurden. ”

    “Gähn”- und wenn der Veganer dann mal wirklich schwer erkranken sollte, greift er trotzdem liebend gern auf die lebensrettenden TIERVERSUCHSGETESTETEN Medikamente zurück, oder aber…er stirbt für die sog. “Ethik”.

    Im Übrigen plädiere ich dafür, in Zukunft Veganer statt Tiere zu nehmen, wenn es um die Erprobung von neuen Medikamenten geht.

  6. @Heinz:

    Es ist eben nicht unbedingt so, dass jeder Mensch schwer erkrankt…

    Wenn dieser Fall trotzdem eintreten sollte, würde ich mich natürlich auch für meine Gesundheit entscheiden und auf Medikamente zurückgreifen, die an Tieren getestet wurden, wenn es keine Alternativen gibt. Ich bin allerdings – glücklicherweise – gesund und muss mir diese Frage nicht stellen.

    Dasselbe gilt für den Fall, den man auch ab und an hört: “Wenn du in der Wildnis auf dich gestellt wärst, würdest du, um zu überleben, jagen/Fleisch essen?”

    Dann frage ich mich, wievielen Menschen das wohl so passiert…also, ich kenne persönlich niemanden, der schon mal LOST-mäßig irgendwo im Dschungel abgestürzt ist und ums Überleben kämpfen mußte…

    Sollte ein solcher Fall eintreten, kann man immer noch entscheiden. Aber erst dann. Es geht um “das, was ist”, nicht um “was wäre, wenn”. Bis dahin kann man bestens entscheiden, wie man sich ernährt und was man bewußt vermeidet oder nicht.

  7. Medikamente können leider nicht tierversuchsfrei sein…

  8. Sechs Millionen Menschen leben in Deutschland vegetarisch, zehn Prozent davon sind sogar Veganer. Veganer: Essen grundsätzlich nichts, das einmal gelebt hat, verzichten auf Produkte, die von Tieren stammen, z. B. Eier, Honig, Milch, Joghurt, Butter. Dazu tragen sie kein Leder, keinen Pelz, verwenden keine Daunenkissen oder -jacken. Durch die Lebensmittelskandale mit dioxinverseuchten Eiern und Fleisch überlegen sich viele Menschen, ob sie ganz auf Fleisch- und Tierprodukte verzichten sollen. Durch den Verzicht auf Fleisch kann Krankheiten wie Gicht, Diabetes Arteriosklerose, Bluthochdruck, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorgebeugt werden. Außerdem soll sich durch den Fleischverzicht die Haut verbessern. Auf der Homepage des Vegetarierbund Deutschland (www.vebu.de) gibt es alle Infos und Broschüren mit vegetarischen und veganen Rezepten.

  9. an Hans
    (Medikamente können leider nicht tierversuchsfrei sein…):
    Manche Menschen denken, dass Tierversuche notwendig wären, um den Menschen von Krankheiten zu heilen. Die grausamen Versuche werden an Katzen, Hunden (besonders an Beagles wegen ihres lieben Wesens), Meerschweinchen, Mäusen, Ratten, Affen, Kaninchen und anderen Tieren durchgeführt. Wie jedoch bekannte Arzneimittelskandale und die Nichtanwendbarkeit der Ergebnisse bei Tieren (Tierversuche sind nur zwischen 10 – 30 % auf den Menschen übertragbar) auf den Menschen zeigten, sind Tierversuche der falsche Weg, um Substanzen für den Menschen zu testen. Die moderne Forschung bietet sinnvolle und effektive Alternativen, die ohne den Einsatz von Tieren auskommen,
    z.B. Zellen und Zellkulturen:
    Ein Test mit künstlicher, menschlicher Haut dient der Beurteilung der Ätzwirkung von Chemikalien auf der Haut. Diese Untersuchung wird normalerweise an Kaninchen oder Meerschweinchen vorgenommen.

  10. Beim PyroCheck-Test können mit Hilfe von menschlichen weißen Blutkörperchen fieberauslösende Substanzen (Pyrogene) in Impfstoffen und Infusionslösungen aufgespürt werden. Bislang wurden diese Stoffe Kaninchen injiziert.
    Die menschliche Augenhornhaut kann mit all ihren Schichten dreidimensional aus Zellen nachgebildet werden, um Augentropfen daran zu testen (“künstliche Cornea”).
    Mit Nervenzellkulturen kann die Ausschüttung von Transmittern (Überträgerstoffen) der Nervenzelle sowie deren pharmakologische Beeinflussung untersucht werden. So können Arzneimittel im Bereich der Parkinson’ schen Krankheit, der Epilepsien un der Schmerzforschung gesucht werden.
    Zellkulturen aus Arterien, die bei Operationen anfallen, lassen sich in der Arterioskleroseforschung einsetzen. Entsprechend können Ursache und Behandlung von Gefäßwand-Erkrankungen erforscht werden.
    Kultivierte Herzmuskelzellen behalten auch im Reagenzglas ihre Fähigkeit bei sich zusammenzuziehen. Mit ihrer Hilfe können physiologische Zusammenhänge und die Wirkung herzwirksamer Medikamente getestet werden.
    http://www.unterschriftenaktion-computersimulationen-statt-tierversuche.kater-blacky.de/

  11. Ich bin ein bisschen erschrocken, wie sehr hier auf Tierversuche bei Medikamenten gepocht wird und überhaupt nicht die Datenlage bzgl. der Effektivität von Tierversuchen miteinbezogen wird:

    Zitat aus einer Studie von Pfizer: man könne “eher eine Münze werfen, als sich bei der Frage nach möglichen krebsauslösenden Eigenschaften eines Stoffes auf Tierversuche zu verlassen”.

    Eine Studie der amerikansichen Arzneimittelbehörde: 92% der potentiellen Medikamente, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen haben, kommen nicht durch die klinische Prüfung wg. keiner Wirkung oder unerwünschten Nebenwirkungen beim Menschen.

    Man könnte noch viele weitere nennen – also Leute wie Heinz sollten sich erstmal informieren, anstatt reflexhaft rumzupoltern.

  12. Man kann seine Umgebung verändern und zumindest dazu anregen, mehr über Essen nachzudenken. Ob jemand vegan lebt oder nicht, kann man nicht erzwingen, aber man sollte sich in jedem Fall vernünftig darüber informieren können. “Propagandafrei” und ohne Panikmache. Wenn nur alles, was man zu dem Thema findet, wie dieser Artikel wäre. Toll!

  13. Ich frage mich auch immer wieder, warum in Diskussionen um veganes Leben immer wieder sowas kommt wie

    “ja, wenn du das und das nicht machst, dann musst du konsequenterweise auch das und das lassen – also kannst du es ja auch gleich komplett sein lassen!” (also im Zusammenhang Veganismus dann meist: Pflanzen haben auch “Gefühle”, warum ißt du Pflanzen dann, warum hast du als Veganer Topfpflanzen (?!), wenn man durch den Wald läuft, tötet man automatisch Insekten usw.)…das soll einfach in eine Diskussion völlig am Thema vorbei führen.

    Veganer vermeiden aktiv realistisch vermeidbares Leid. Fakt ist, keiner kann über dem Boden schweben, und keiner kann sich von Steinen ernähren.

  14. Medikamente können sehr wohl tierversuchsfrei sein!
    Tierversuche sind veraltet und ihre Aussagekräftigkeit stark umstritten.
    Weiteres dazu findet man z.B. auf der Homepage der “Ärzte gegen Tierversuche”.

  15. Nun ja, zunaechst einmal, ich bin bekennder Fleischesser (und vor allem Fischesser) und werde es auch bleiben. Das ist das Resultat eines langen Gedankenprozesses, dennoch hab ich Respekt vor Vegetariern und teilweise auch vor Veganern, weil sie dies konsequent durchziehen und sich, und das ist die Hauptsache, Gedanken gemacht haben. Nun vor Veganern teilweise, weil ich habe selbst Veganer im Bekanntenkreis, die mich staendig konvertieren wollen. Doch dies mag ich nicht. Im Freundeskreis hab ich Muslime und Vegetarier. Wenn wir uns alle treffen, und ich koche halt sehr gerne, dann koche ich entsprechend. Keine Frage, vegetarische Gerichte koennen sehr, sehr gut schmecken. Ich bin auch dazu uebergegangen, quantitativ weniger Fleisch zu essen, dafuer aber qualitativ hoeherwertiges – Bioprodukte und Tiere, deren Aufzucht ich beim Bauern gesehen habe. Meine Grosseltern hatten einen Bauernhof und fuer mich ist es schon immer klar gewesen, dass die Tiere irgendwann geschlachtet werden, vorher aber artgerecht gehalten werden muessen und danach, und das gebietet der Respekt, auch alles vom Tier verwertet werden sollte.
    Aber, und das ist ja das Schoene, sollte es jedem selbst ueberlassen werden. Wenn ich vegetarisch (vor allem fuer Vegetarier koche), so mache ich dies gerne und versuche niemanden heimlich Fleisch (nicht mal in der Bruehe oder in den Fonds) unterzujubeln. Genauso aber erwarte ich, dass man meine Art der Ernaehrung akzeptiert.
    Jedoch, und das finde ich geht aus dem Artikel gut hervor, bedarf es bei einer veganen Lebensweise der regelmaessigen Kontrolle durch einen Arzt. Was bei den Fleischessern nicht anders sein sollte. Bei beiden Seiten gilt es zu wissen, was sind die Folgen meiner Ernaehrung, worauf muss ich achten, welche Risiken bestehen?

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