Heute schlachten wir Kaninchen
von Florian SiebeckKinder sollen wissen, woher das Essen auf dem Teller stammt. Da sind sich eigentlich alle einig. Nur die Frage, wie man dieses Wissen vermitteln sollte, lässt Raum zur freien Interpretation. In einem spannenden Tischgespräch fragen wir uns: Muss man beim Schlachten dabei sein? Florian Siebeck sagt: Unbedingt!
Die Hintergründe und das Kontra zur „Kaninchen-Schlachtung“ lesen Sie hier.
Lehrer machen sich die Hände blutig
Ein Problem der heutigen Elterngeneration ist, dass sie sämtliche Erziehungs- und Aufklärungsarbeit an die Lehrer abdrückt. (Disclaimer: Ich komme aus einer Lehrerfamilie.) Ein weitaus größeres Problem ergibt sich in Folge aus der Ablehnung jener Eltern gegenüber den Lehrmethoden besagter Lehrer. Das fängt klassisch beim Sexualkundeunterricht an; da gibt es Eltern, die ihre Kinder mit Kusshand zur Schule schicken, weil sie sich selbst die „Peinlichkeit“ der Aufklärung schenken können. Und es gibt Eltern, die beschweren sich auf dem Elternabend bei den Lehrern, dass man ja wahnsinnig sei, die Kinder so direkt mit Sexualität zu konfrontieren, ihnen das alles zu erklären und zu zeigen. Könne man die Kinder das nicht einfach selbst irgendwann … ohne jetzt darüber reden zu müssen … nicht, dass dann Fragen kommen?
Die Ablehnung mancher Eltern gegenüber dem Sexualkundeunterricht zeigt eine wunderbare Analogie zum jetzigen Fall: Wenn die Kinder keine Fragen stellen, woher das Fleisch auf dem Teller stammt, bedarf es auch keiner Erklärung. So einfach scheint es zu sein: Mit Essen spielt man nicht, über Essen redet man nicht. Gar nicht verwunderlich, dass derselbe Landwirt vor drei Jahren an einer anderen Schule Hühner geschlachtet hatte – und niemand sich aufregte. Weil Hühner eben Nutztiere und keine Haustiere sind, aber darüber haben wir ja schon gesprochen.
Als ein Freund von mir mit einer Nomadenfamilie durch die Mongolei zog, musste er dem Vater bei der Lammschlachtung zur Seite stehen. Das sei eine sehr intensive Erfahrung gewesen, erzählte er mir später. Denn im Gegensatz zu westlichen Gesellschaften, deren Konsumwelt von Überfluss und geplanter Obsoleszenz geprägt ist, wussten die Nomaden sämtliche Teile des Lamms zu verwerten, weil sie sich Verschwendung nicht leisten könnnen. Gerade anhand des „niedlichen“ Kaninchens zu zeigen, woher das Fleisch im Supermarkt stammt; ein Tier, zu dem die Kinder leicht eine emotionale Bindung aufbauen konnten — viel einprägsamer als das Schlachten eins Schweins oder Huhns. Immerhin wurden die Schüler drei Tage lang auf die Schlachtung vorbereitet — der Bauer ist schließlich ausgebildeter Sozialpädagoge. Kein Kind wurde gezwungen, der Schlachtung beizuwohnen, oder das Kaninchen am nächsten Tag gegrillt zu verspeisen.
Gerade Stadtkinder sollten in der Schule mehr Umweltbewusstsein vermittelt bekommen. Über die Herkunft von Wasser, Strom, oder eben Fleisch. Und wenn dafür vor ihren Augen ein Kaninchen getötet wird, so what? Was in manchen Fernsehprogrammen läuft, ist weitaus schlimmer.
Woher die Würstchen kommen, ist selten ein Thema bei Tisch.
Fotos: AnnieGreenSprings und milky.way



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die kanichenschlachtung geht voll in ordnung, sollen die ach so armen kleinen jetzt am kanal wegen der angler eine augenbinde tragen? wie krank ist diese gesellschaft, die sich tagtäglich fleischberge in mastställen ranzieht, aber nicht sehen will, was dahinter steckt? auch der schulleiter scheint eher feige zu sein, da er sich nicht mal hinter seine lehrer stellt.
Was wäre wohl passiert, wenn die Kinder direkt in eines der elendigen Massentierhaltungsgefängnisse gegangen wären und dann vor lauter Ekel Mamas Tiefkühlschnitzel auf dem Teller liegen lassen?
Praktischer Unterricht ist angebracht? Warum wird er dann nicht in anderen Bereichen mehr gegeben? Zum Beispiel im Bereich Beziehung: Wie mache ich meinen ersten Geschlechtsverkehr? Ich bin allein. Wie befriedige ich mich selbst? Wie bringe ich meine Freundin zum Höhepunkt? ….
Ich denke wesentlich öfter begegnen Schüler diesen Fragen, als der Schlachtung eines Tieres.
Aber Spaß bei seite. Nicht alles was zum Leben gehört muss praktisch angegangen werden.
Letzteres Argument, das im Zusammenhang mit dieser Sache häufig hervorgebracht wird, disqualifiziert sich hier durch folgenden Satz schon selbst: “Ich denke wesentlich öfter begegnen Schüler diesen Fragen, als der Schlachtung eines Tieres.” Denn da liegt, wenn ich ein billiges Wortspiel in diesem Kontext bemühen darf, der Hase im Feld begraben.
Sex ist ein Vorgang, den Jugendliche und Erwachsene in der Regel noch selbst erleben, weswegen zu einer (Rück)besinnung auf diese Vorgänge in Form von direkter Zurschaustellung keine Notwendigkeit besteht. Würden nun alle Kinder weltweit in Maschinen gezüchtet und die Gesellschaft soweit entsexualisiert, wäre diese Demonstration des Geschlechtsaktes sicherlich hilfreich; und es würde auch keine Aufruhr geben, denn sie würde lediglich als natürlicher Vorgang im Biologie-Unterricht betrachtet und analysiert. (Natürlich wird es nie soweit kommen, ich möchte nur den Unterschied verdeutlichen.)
Denn es geht hier in erster Linie darum zu sehen, was hinter einer Sache steckt. Hinter dem Fleisch auf dem Teller das süße Kaninchen, hinter dem Wasser aus dem Hahn ein komplexer Reinigungsprozess, hinter dem Strom aus der Steckdose ein Wind-/Wasser-/Kernkraftwerk. Nur so können Kinder und Jugendliche für ihre Umwelt und die Natur sensibilisiert werden, sie schätzen und bewahren.
Oh je – bitte, nicht so!
Selbstverständlich müssen Kinder wissen, woher unser Essen kommt. Und selbstverständlich müssen Experimente im Unterricht nicht nur im chemie-Unterricht stattfinden, wo man eine Substanz in die andere schüttet und sich dann freut, wenn der Lehrer das Experiment als gelungen erklärt.
Ich hätte das Kaninchen-Experiment nur gern ein klitzekleines bisschen später gemacht – sagen wir, in der siebten oder achten Klasse.
Das hätte die weitaus weniger Traumatisierung bei den Kindern und Dramatisierung bei den Eltern ausgelöst – und sicher die gleichen Lerneffekte gezeitigt.
Gell?