Passion

Die Eltern standen an der Kirche am Straßenrand und winkten den Kindern im abfahrenden Bus. Einige blieben stehen, bis der Bus um die Ecke bog. Ein Elternpaar schaute dem Bus noch lange nach, obwohl dieser schon längst das Viertel verlassen hatte und sich nun auf der Stadtautobahn befand, auf dem Weg in den Hunsrück. Dort erreichte er am Abend den Zielort, ein kleines Dorf, zwischen Hügeln und Wälder. Der Pfarrer rief sofort nach der Ankunft eine Kontaktperson der Eltern an, um mitzuteilen, dass die Gruppe der 10-12 jährigen Mädchen und Jungen wohlbehalten angekommen sei.
Die Fahrt hatte der Pfarrer für Interessierte aus der Gemeinde organisiert und leitete selbst das Unternehmen. An den Bäumen zeigten sich die ersten Knospen, der Frühling kam in diesem Jahr spät und da es in der Gegend oft regnet, verbrachten die Kinder viel Zeit in den Räumen. In ein paar Tagen war Ostern und der Pfarrer wollte das hohe kirchliche Fest zusammen mit den Kindern feiern.
Am ersten Abend erzählte er den Kindern vom Leiden Christi und der Auferstehung. Einige hörten aufmerksam zu. Am nächsten Tag machte er ihnen den Vorschlag, die Leidensgeschichte Jesu Christi als Theaterspiel aufzuführen und zwar in drei Tagen, am Karfreitag.
Er verteilte ein paar Zettel mit kurzen, einfachen Textpassagen und animierte die Kinder aus ihren Reihen einen auszuwählen, der den Jesus spielen sollte. Es könnte ein Junge oder ein Mädchen sein, betonte der Pfarrer, ein Mädchen sei sogar geeigneter. Dabei zeigte er auf die 12 jährige Lena, die anschließend mit knapper Mehrheit gewählt wurde. Der Pfarrer streichelte Lena sanft anerkennend über den Kopf. Lena war in der Gruppe das Mädchen mit den schon ausgeprägtesten Körperformen. Sie trug noch keinen BH, doch ihre Brüste waren unübersehbar.
Die Kinder verteilten selbst die anderen Rollen. Die meisten mussten das Fußvolk spielen, das Jesus auf dem Weg nach Golgatha zur Kreuzigung begleiten sollte. Der Pfarrer erklärte den Kindern, wie sehr Jesus leiden musste. Am Karfreitag, dem Tag der kleinen internen Aufführung, überzeugte er sie, das Leiden auch realistisch darzustellen. Er animierte die Kinder nahe an die Jesus spielende Lena heranzutreten und diese, wie es damals die Leute mit Jesus getan hatten, mit der Hand zu schlagen. Auch ins Gesicht.
Lena sollte dabei wie Jesus keine Regung zeigen, den Schmerz unterdrücken, ganz im Sinne der wahren Leidensgeschichte. So wie sie seit Jahrhunderten überliefert ist, belehrte der Pfarrer die Kinder. Dabei begann er selbst, Lena erst leicht, dann etwas heftiger mit der Hand auf ihre Brust zu schlagen, wenn er an der Reihe war. Lena spielte anfangs mit, doch dann wurde sie unsicher und drehte sich weg. Der Pfarrer ging zu ihr, drehte ihren Kopf und den Körper zu den anderen Kindern und forderte diese auf, weiter Lena zu schlagen. Da der eine oder andere kräftige Junge stärker zuschlug, begann Lena zu weinen. Nach einem besonders harten Schlag rannte sie aus dem Kreis und lief vor die Tür. Der Pfarrer brach das Spiel ab und erklärte es für beendet.
„Ja, genauso muss Jesus gelitten haben, als er sich für euch und mich opferte,“ sagte er. Dann forderte er die Kinder auf, sich zum Abendbrot zu versammeln.
In der Nacht weinte Lena lange unter ihrer Bettdecke. Die vier anderen Mädchen im Zimmer hörten ihr Schluchzen und trösteten sie. Am nächsten Morgen rief eines der Mädchen ihre Eltern an.
Es dauerte noch einen Tag, bis der Aufenthalt vorzeitig abgebrochen wurde.
Der Pfarrer wurde nach langen Diskussionen einiger Eltern mit der Kirchenleitung strafversetzt.
Nach drei Jahren reiste er wieder mit einer Kindergruppe. Diesmal in den Schwarzwald.

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