Archive for November, 2006

30.11.2006 von Wolfgang Koch
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Der Buster Keaton des Wiener Humors

von Wolfgang Koch

Peter Weibel hat kürzlich gesagt: »Ich hab nicht die FPÖ [Freiheitliche Partei Österreich] gebraucht, um die österreichische Kulturszene zugrunde gehen zu lassen, da hat mir die Kabarettzene dafür genügt!«

Weibel ist Österreichs prominenter Kulturemigrant am ZMK Karlsruhe. Er argumentiert, die alte Wiener Garde, Karl Farkas und Helmut Qualtinger, die längst tot sind, diese Granden des Wiener Humors hätten noch die verborgenen Beziehungen zwischen Kunst und Komik gekannt und Farkas und Qualtinger hätten diese geheime Beziehung sichtbar gemacht – die medial gehypte Kabarettszene von heute aber tue das gerade nicht.

Recht hat er, der Weibel! Mit einigen Ausnahmen, und eine davon stelle ich heute vor. Tex Rubinowitz ist ein seltsam unfroher Zeitgenosse für einen Humoristen, und ein nach Wien emigrierter Deutscher obendrein. Das bedeutet zunächst, dass er hier ein Beethoven-Schicksal erleidet, also bis zum Ende vom sprachlichen Idiom seiner Begierde getrennt bleiben wird, zugleich aber nicht lassen kann von den Rockschössen… weiter lesen

27.11.2006 von Wolfgang Koch
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Hermann Nitsch Retrospektive in Berlin

von Wolfgang Koch

Der Wiener Aktionsmaler und Schöpfer des Orgien Mysterien Theaters Hermann Nitsch zeigt vom 30. November 2008 bis 22. Jänner 2007 im Martin-Gropius-Bau in Berlin eine umfassenden Retrospektive seiner Bilder, Fotographien und Aktionsrelikte.

Das 6-Tage-Spiel_72dpi.jpg

Das 6-Tage-Spiel, 1998, Foto: Archiv Cibulka-Frey, Copyright Atelier Nitsch

Zur Einstimmung auf die Schau präsentiert der Wienblog der taz ausgewählte Zitate und Sprüche des Künstlerphilosophen aus Österreich. Der im eigenen Land leider nur als Provokateur geschätze Künstler meldet sich seit vier Jahrzehnten konsequent in Interviews und theoretischen zu seiner Arbeit zu Wort, ohne dass das von einem breiteten Publikum wahrgenommen wird.

Ich habe aus dem geheimen Brevier des Hermann Nitsch den Buchstaben B (wie Berlin) ausgewählt. Und das alles hat dieser lebensreligiöse Denker, dieser Anbeter alles Sinnlichen, dieser Antihumanist und anatomische Realist aus Wien wörtlich gesagt [Hinzufügungen in eckigen Klammern stammen von mir]:

»Der Bauer ist heute ein Mischung von mittelalterlichem Fabriksarbeiter und grossem Gärtner« (1988)

»Erst… weiter lesen

23.11.2006 von Wolfgang Koch
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Die wichtigsten PhilosophInnen Wiens (II)

von Wolfgang Koch

ROBERT PFALLER. Kunstphilosoph im Bannkreis von Freud, Althusser und Richard Sennet (»Tyrannei der Initimität«). Der Žižek-Schüler und Suhrkamp-Autor lehrt in Linz und Wien. Seine Auftritte wenden sich mit viel Verve gegen alles Betuliche. Pfaller beschäftigt sich vorzugsweise mit Fragen politischer Ästhetik und des privaten Lebens. Er entwickelte als Echo auf den Begriff der »Interaktivität« den Begriff der »Interpassivität«. Pfaller vertritt die These einer infamen Sentimentalisierung der Gegenwart durch mediale Kommunikation. Feindbilder: das Authentische, die
Selbstverwirklichung, die Ichzentriertheit. Pfaller plädiert im Sinn der klassischen Avantgarden des Futurismus und des Surrealismus für mehr Sarkasmus in der Kunst: »Her mit den grausamen Worten! Nur böse Kunst führt zu guter Politik«.

CHRISTIAN REDER. Sozial- und Strukturknobler, behauptet die Wissenschaftsähnlichkeit der Kunst. Das ist die spezifische Bedeutung, die Reder von anderen absetzt. Dieser Selbstdenker deliriert nie über epistemologischen Veränderungen, die zu Begriffsungetümen führen. Bei ihm dominiert vielmehr die Vorstellung, Kunst habe mit unseren Gefühlen… weiter lesen

20.11.2006 von Wolfgang Koch
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Die wichtigsten PhilosophInnen Wiens (I)

von Wolfgang Koch

GERDA AMBROS. Feministische Philosophin, ausgewiesene Hegel- und Arendt-Kennerin, Gürtelträgerin in sämtlichen Disziplinen des wilden Denkens. Lebt vom Universitätsbetrieb zurückgezogen teils in Kärnten, teils in Wien. Spekuliert über die Frage der Erdenbürgerschaft und knüpft dabei an den klassischen Souvenitätsdiskurs bei Hobbes an. Ambros tritt nur selten öffentlich auf, etwa im Kunstraum Depot oder in Foren postkolonialer und geschlechterkritischer Philosophie, wo denkende Frauen demokratische Organsiationsformen für der Weiblichkeit nicht zuträglich halten. Ambros vertritt eine mysthische Sehnsucht nach dem Jenseits von Philosophie und Sprache. Sie ist eine typische Denksprecherin, bildet die Gedanken im Vortrag: »L’idee vient en parlant«; ihre Texte bleiben für den interessierten Laien unverständlich.

RUDOLF BURGER. Kunst- und Staatsphilosoph. Exquisiter Salondenker, liess sich als Rektor der Angewandten gerne als »Magnifizenz« ansprechen, Primadonna der akademischen Intrige. Burger schult seinen Kaltnadelstil an Denkern der Konservativen Revolution wie Ernst Jünger (so besitzen z.B. Kulturen beim ihm einen »religiösen Glutkern«). Burger führt seit den Protesten… weiter lesen

16.11.2006 von Wolfgang Koch
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Stippvisite im präsumtiven Weltparlament

von Wolfgang Koch

Wien beherbergt, deutlich abgesetzt vom historischen Zentrum, den weltweit drittwichtigsten UN-Sitz. In Punkto Besucherfreundlichkeit aber liegt die UN-City dreissig Kilometer hinter Nairobi.
Was die Vereinten Nationen am windigen Donauufer ihren grossen und kleinen Gästen zumuten, das zählt für mich zum schäbigsten Kapiteln des österreichischen Städtetourismus. Da gibt es zunächst aus Sicherheitsgründen keine Führungen am Wochenende, weil ja auch die 150 schwer schuftenden Wachleute mal ausspannen wollen.
Trudelst du unter Woche ein, so nehmen dich nach der Bezahlung unbedarfte Guides in Empfang, die gewohnt sind renitente Pflichtschulklassen durch das Gebäude zu treiben. »Durch das Gebäude« ist eigentlich schon zu viel gesagt. Denn die Besuchergruppen sehen gerade mal eine saalartige Lobby mit kreisförmig angeordneten Fahnen über ihren Köpfen, dann einen Lift, ein vollkommen unattraktives Besucherzentrum mit einem Modell des Bauwerkes und mit auf Stellwänden plazierten Schautafeln zwischen verstaubten Plastikblumen, sowie zum Abschluss noch einen Konferenzsaal von aussen.
Das alles… weiter lesen

13.11.2006 von Wolfgang Koch
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Topographie der Weiblichkeit

von Wolfgang Koch

Nichts ist tückischer als die Topographie der weiblichen Strassennamen in Wien. Es gibt Dinge, die es gar nicht gibt, und andere, die es eigentlich geben sollte.
Im 17. Bezirk, Hernals, zum Beispiel gibt es eine Frauengasse. Kein Mensch und kein Lexikon kann mehr Ursache und Datum dieser Bezeichnung nennen. Man wird mit einiger Berechtigung behaupten dürfen, dass in der Frauengasse einmal Frauen gewohnt haben, wie in anderen Strassen Wiens auch. Doch der Wiener Stadtplan ist nun mal männlich, und die Frau dem Mann bekanntlich ein ewiges Rätsel …
Wahrscheinlich ist die Amnesie hinsichtlich der Frauengasse ein allgemeines Schicksal einer jeden Kulturstadt: vor lauter Kulturzeugnissen verlieren die Bewohner zwischen den Hausfassaden den Überblick. Im Fall der grossen österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann freilich, da ist es Ignoranz, im Fall unserer hervorragenden Frauenrechtlerin Rosa Mayreder ebenfalls. Diese Damen wird der Wien-Liebhaber im repräsentativen Zentrum der Stadt vergeblich suchen! Die honorige Strassenbenennungskommission… weiter lesen

09.11.2006 von Wolfgang Koch
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Druck auf Österreichs Sicherheitspolitik

von Wolfgang Koch

Österreich hat sich nach den Nationalratswahlen eine Diskussion über seine Aussen- und Verteidigungspolitik eingefangen. Pünktlich zum diesjährigen Nationalfeiertag im Oktober trat eine Gruppe rund um den früheren Aussenminister Erwin LANC (SPÖ) für eine Verkürzung des Wehrdienstes auf vier Monate mit anschliessender freiwilliger Ausbildung für Friedenseinsätze im Ausland ein. Österreich, wurde der Regierung in diesem Manifest für eine engagierte Neutralitätspolitik empfohlen, sollte »gut eingespielte stand-by Einsatzkräfte« für Einsätze in Krisengebieten mit UNO-Mandat aufstellen.

Schon einen Tag später, am 25. Oktober, meldete sich der
Völkerrechtsexperte der Uni Linz, Manfred ROTTER, in einem Gastkommentar der Tageszeitung »Der Standard« zu Wort: Dank der österreichischen Neutralitäteerklärung von 1955 meinte er, sei heute zwar der Beitritt zu Militärbündnissen ausgeschlossen, nicht aber die Teilnahme an militärischen Zwangsmaßnahmen der UN auf der Basis eines entsprechenden Beschlusses des UN Sicherheitsrates (UNSR), wenn das mit unseren sonstigen aussen- und sicherheitspolitischen Parametern zusammen passt. ROTTER empfiehlt der nächsten Regierung Folgendes… weiter lesen

06.11.2006 von Wolfgang Koch
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Wer ist Peter Maria Schuster?

von Wolfgang Koch

Es gibt so genialisch verkannte Dichter in Österreich, dass nur ich sie kenne, und Peter Handke. Zu einer Zeit, als der heute weltberühmte Handke noch aussah wie der Rauhhaardackel meiner Nachbarin, also Mitte der 60er, gesellte sich nach einer Lesung in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur ein rastloser Physikstudent an die Seite des aufgehenden Stars. Die beiden Jünglinge tranken noch ein Bier um’s Eck, gaben sich gegenseitig gute Ratschläge fürs Leben und sahen sich nie wieder, bis … ja, bis dann 37 Jahre später der eine Peter dem anderen Peter eine Brieferl schrieb und einen schmalen Gedichtband beilegte.
Natürlich konnte sich Handke nicht mehr an diesen einen unter seinen abertausenden Lesern, Fans und AutogrammjägerInnen erinnern. Allein, der zum mächtigen Wortfürsten aufgestiegene Handke schlug die Seiten des Buches auf und klappe den Deckel nicht eher wieder zu, als bis er das Werk des vergessenen Bierkumpels aufmerksam zu Ende gelesen hatte.… weiter lesen

02.11.2006 von Wolfgang Koch
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Die Legende von der Weissen Dame

von Wolfgang Koch

Nein, echte Enttäuschung ist auf den Gesichtern nicht zu erkennen! Aber wundern tun sich viele erstmaligen Wienbesucher doch, dass die Hofburg mit ihren 240.000 Quadratmetern so gar nicht wie eine Burg aussieht. Die Touristen laufen durch einen total unübersichtlichen Schlosskomplex aus renovierten Gebäuden, der nicht weniger als 15 Museen beherbergt, dazu Amts- und Universitätsräume, die gewaltige Nationalbibliothek sowie ein modernes Kongresszentrum.
»Also die Wiener Hofburg haben wir anders vorgestellt!«, kann man vor allem von Gästen aus Übersee hören. Sie erwarten eine Wehranlage mit stolzen Zinnen und dicken Kanonen, sie suchen farbenfroh uniformierte Soldaten, die vor massiven Toren Wache stehen, Ziehbrunnen, Rosengärten und Zugbrücke, mindestens.
Tatsächlich war die Hofburg vom 13. Jahrhundert an lange genau so eine Märchenburg: eine Vierturmanlage mit meterdicken Mauern. Die Spitze des Westturm erhobt sich über dem heutigen Durchgang vom Inneren Burghof zu Heldenplatz. Es gab einen richtigen Burggraben mit einer richtigen Zugbrücke, eine Schlosskapelle… weiter lesen