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vonWolfgang Koch 06.11.2006

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Es gibt so genialisch verkannte Dichter in Österreich, dass nur ich sie kenne, und Peter Handke. Zu einer Zeit, als der heute weltberühmte Handke noch aussah wie der Rauhhaardackel meiner Nachbarin, also Mitte der 60er, gesellte sich nach einer Lesung in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur ein rastloser Physikstudent an die Seite des aufgehenden Stars. Die beiden Jünglinge tranken noch ein Bier um’s Eck, gaben sich gegenseitig gute Ratschläge fürs Leben und sahen sich nie wieder, bis … ja, bis dann 37 Jahre später der eine Peter dem anderen Peter eine Brieferl schrieb und einen schmalen Gedichtband beilegte.
Natürlich konnte sich Handke nicht mehr an diesen einen unter seinen abertausenden Lesern, Fans und AutogrammjägerInnen erinnern. Allein, der zum mächtigen Wortfürsten aufgestiegene Handke schlug die Seiten des Buches auf und klappe den Deckel nicht eher wieder zu, als bis er das Werk des vergessenen Bierkumpels aufmerksam zu Ende gelesen hatte. – Das dürfte bei einem Poeten dieses Kalibers so ziemlich das Höchste sein, was man sich als keuscher Neuling zu erhoffen darf.
Wie also begann einer zu schreiben, mit fünfzig Jahren, der in seiner Jugend mit Handke ein Bier getrunken hat?
Peter Maria Schuster wurde 1939 in Wien geboren, wuchs, wie er sagt, »zwischen Altar und Strasse« auf, wurde im Knabenalter von einem Seelsorger sexuell missbraucht, riss von Zuhause aus, düste mit einem Motorrad bis Marokko. Und von dort kehrte er, nach einem Stopp in einem spanischen Kloster, mit einem unstillbaren Interesse für Hasenöhrl, Hölderlin und Heine zurück – für die wagemutigsten Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts.
Peter Maria Schuster studierte an der Wiener Universität Mathematik und Physik, und weil ihm das nicht genug war, auch noch Geschichte. Und weil ihm drei Fächer nicht ausreichten: auch noch Japanologie. In den Jahren, in denen Handke seine Provokationen wie Minen auf den literarischen Parkett auslegte, schlug der andere Peter eine Industrielaufbahn bei Zeiss in Deutschland ein. Und weil ihm das noch nicht genug war, gründete Schuster auch noch ein eigenes High-Tech-Unternehmen für Lasertechnologie, was in den Zeiten des globalen Ost-West-Patts keine ganz ungefährliche Sache war. Prompt landete unser Forscher unter Spionageverdacht in New York im Gefängnis.
Handke logierte damals bereits in Salzburg, im hinteren Trakt des Hauses 17/17A (das einst Gottfried Einem als Direktor der Festspiele als Wohnhaus gedient hatte, bevor dieser im Zuge des Brecht-Boykotts aus Salzburg vertrieben worden war), und der Schriftsteller erzog im Schatten des Mönchsbergs seine Tochter.
Peter Maria Schuster gründete ebenfalls eine Familie, mit drei Kindern, und weil das nicht genug war, noch eine, mit noch einmal drei Kindern. Er kehrte zurück nach Österreich, erst nach Wien, dann nach Klosterneuburg, und weil das nicht genug war, baute er ein Haus in der Steiermark. Daneben studierte Schuster unablässig, kramte in staubigen Archiven und reiste schliesslich nach Venedig, um eine Rose auf das Grab des legendären Physikers Christian Doppler zu legen, das der Nachwelt
bis dahin komplett verborgen geblieben war.
Als Kehlkopfkrebs an Schuster diagnostiziert wurde und die Kobaltkanone zu seinem Alptraum wurde, begann er zu schreiben. Mit fünfzig, da trat er endlich und ernsthaft mit toten Dichtern ins Zwiegespräch, versuchte von ihnen eine Sprache zu erlernen, um sich der physikalischen Welt auf neue Weise zu nähern.
Seit damals, 1988, schreibt Peter Maria Schuster in einem Wettlauf mit der Zeit – und dem Rehabilitationsplan; er publiziert Essay um Essay, Aufsatz um Aufsatz, Lyrikbände und Drehbücher – das meiste davon zur Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Aus dieser wuchernden Produktion heraus ragt sein literarisches Hauptwerk: die auf sechs Ausgaben projektierten Lyrikbände über monumentale altösterreichische Gestalten der Physik, der Chemie und der Mathematik. Drei Poems liegen inzwischen vor, nämlich die Bände über Christian Doppler, Josef Loschmid und Josef Stephan. Jeder Gedichtband in dieser Reihe steht für einen Tag der Schöpfungsgeschichte.
Und weil dieses exquisite und aufregende intellektuelle Unternehmen in den Grenzbereichen von Sprache/Historie/Wissenschaft nicht genug ist, publiziert Schuster daneben auch noch Monographien, Erzählungen und demnächst einen Roman, wobei einige der Bücher auch in englischer und tschechischer Sprache vorliegen.
Soeben erschienen ist der Sammelband »Peter Maria Schuster: Und was geschieht mit dem Licht? Physiker, Dichter und andere Reisende« (Living Edition, Wien – Pöllauberg – Hainault/UK, ISNB-10-3-901585-08-7). Auch dieses Buch macht Eindruck. Denn es gibt den ersten Überblick über das schriftstellerische Gesamtschaffen des Aussenseiters.
Im vorderen Abschnitt versammelt Schuster seine biographischen Annäherungen an die Köpfe von einst, Texte, die in Zeitungen und Fachblättern seit 1988 erschienen. Die feuilletonistisch angelegten Studien gingen jeweils der lyrischen Annäherung an die Forscher voraus.
Im zweiten Abschnitt erweist er der tragischen Muse Russlands, Anna Achmatowa, Tribut; weiters verbeugt sich Schuster vor der österreichischen Dichterin Christine Lavant und dem Bachman-Initimus Uwe Johnson, womit die Liste seiner Vorbilder aber noch lange nicht erschöpft ist.
Den dritten Teil des Buches hat er mit »andere Reisende« überschrieben. Die hier versammelten Texte führen den Leser in die Twilight-Zone Klosterneuburg, und von dort ins ferne Jemen und in die noch fernere Haftzelle des irischen Hungerstreikers Bobby Sands. Jeder dieser Berichte sprengt mit sicherem Geschmack die inneren Grenzen des vorangegangenen.
Peter Maria Schuster lebt heute mit einem Bein in Österreich, mit einem zweiten Bein in Irland, und weil ihm das nicht genug ist: mit einem dritten auf irgend einem griechischen Eiland. Eine Sache allein zu verfolgen wäre diesem Mann vollkommen unmöglich.

www.petermschuster.at

© Wolfgang Koch 2006

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