28.12.2006 von Wolfgang Koch
»Der ORF ist prägend für das Selbstbewusstsein der Österreicher« behaupten Daniela A. KITTNER und Christoph SILBER von der österreichischen Tageszeitung Kurier – und weil sich die beiden doch nicht so ganz sicher sind, schieben sie noch die Worte »für das Österreich-Bewusstsein« hinterher.
Also: »Der ORF ist prägend für das Selbstbewusstsein der Österreicher, für das Österreich-Bewusstsein« – Punkt.
Quatsch bleibt Quatsch, auch wenn er verdoppelt wird! – Das öffentlich-rechtliche Fernsehen (ORF) ist so wenig prägend für das österreichische Individuum wie für das Österreich-Kollektiv, ja der drollige Sender und seine öligen Programme haben weniger Gewicht als jeder einzelne Lippizaner, jede Dopplerflasche, jedes Edelweiss.
Der ORF, sage ich, prägt bestenfalls die Wünsche – das Land aber prägt er nicht. Die Sendeanstalt manipuliert bloss das Nationalbewusstsein zum Zweck der guten Geschäfte, sie verkauft an die Werbung, was uns miteinander verbindet, man beutet die Farben Rot-Weiss-Rot als Image aus – weil der ORF ein… weiter lesen
25.12.2006 von Wolfgang Koch
Jede Stadt braucht eine gute Ursprungslegende, und wenn so eine nicht zu haben ist, dann wenigstens eine Erzählung vom Ursprung der eigenen Freiheit. Denn eines ist klar: die Freiheit wurde den BürgerInnen im feudalen Monstrum der Habsburgermonarchie freiwllig nicht geschenkt. Die Freiheit baute auf dem Mut derer, die sie als erstes zu verlangen wagten.
Im Fall Wiens fusst sie auf Ereignissen, die sich im Juli und August 1622 auf der Bühne von Wiener Neustadt abgespielt haben. – Bühne ist hier ein passendes Wort, denn auf dem Hauptplatz von Wiener Neustadt fand damals vor tausenden erregten Untertanen ein spektakulärer Hochverratsprozess statt. Noch heute markiert eine Granitplatte – der sogenannte »Kreis im Pflaster« – jene Stelle, an der das Schafott gezimmert wurde.
Die Hauptperson des historischen Dramas war Wiens amtierende Bürgermeister, mit Vornamen: Mert oder Martin. Der Nachname wird in der Literatur und auf Gedenktafeln mit einer langen Reihe von Synonymen angegeben:… weiter lesen
21.12.2006 von Wolfgang Koch
Es sollte eine einmalige »Gesamtschau der Kulturen« werden – und die Haupthalle, die Rotunde mit einer Kuppelspannweite von 102 Meter, das »achte Weltwunder«. Doch statt der erwarteten zwanzig Millionen Besucher kamen in den sechs Ausstellungsmonaten des Jahres 1873 nur 7,2 Millionen zur fünften Weltausstellung nach Wien, um das Kunstgewerbe der Ringstrassenzeit und die neuen Maschinen des industiellen Fortschritts zu sehen.
Der Misserfolg des Projekts, mit dem die Monarchie Anschluss an die pulsierenden Städte Paris und London suchte, hatte zwei dramatische Ursachen: den Börsenkrach nur acht Tage nach der Eröffnung der Schau (Hunderte Spekulanten verübten Selbstmord), und eine Choleraepedemie in der Region mit tausenden Toten.
Mit Brösenchrash und Epedemie zahlte das »Babel des Ostens« – wie der Schriftsteller Karl Landsteiner schrieb – den Lohn für seine Schwelgerei, seinen Luxus, seinen Hochmut. Denn das Wien der Weltausstellung war ein gewaltiges Fegefeuer der Eitelkeiten, es war die Glanzzeit der Walzer- und Operettenseligkeit, populärer… weiter lesen
18.12.2006 von Wolfgang Koch
Für dieses schöne Thema besuchen wir zuerst Raum Nr. 11 in der weltlichen Schatzkammer. Hier lagern die ältesten Objekte einer sagenhaften christlichen Blutobsession.
Objekt Nr. 155 ist die Longinus-Lanze, von der über Jahrhunderte behauptet und geglaubt wurde, sie sei das Werkzeug, mit der der römische Legionär Longinus die Seitenwunde in den Corpus Christi gestochen hätte. Die Wissenschaft konnte das nie verifizieren; auch nicht, ob – wie eine zweite Legende lautet – im 8. Jahrhundert einer der Kreuznägel Christi in den ornamental geschmiedeten Eisenstift eingeschmolzen worden ist.
Wirklich nachweisen lässt sich nur folgendes: Kaiser Otto begehrte nach seinen Siegen in Ungarn eine ranggleiche Herrschaftsreliquie zum byzantinischen Kaiser in Konstantinopel. Otto wollte das Gottgnadentum seiner germanischen Stammesherzöge zur Schau zu stellen.
Der Legende Nr. 1 nach soll der römische Legionär mit Bildheit beschlagen worden sein, als er Blut und Wasser aus der Seitenwunde des Heilands strömen sah. Sein Unglück dauerte aber… weiter lesen
14.12.2006 von Wolfgang Koch
High Leude! – Die Geschichte der Hippies in Wien ist noch nicht einmal ansatzweise geschrieben. Zwar haben ein paar Happenings der Sixties-und Seventies-Revolte durchaus Spuren im Stadtbild hinterlassen. Unsere belaptopten ZeithistorikerInnen aber beschäftigen sich lieber mit dem Davor und dem Danach, sie
erforschen entweder den Holocaust oder die vergleichsweise dämliche Kultur von Wickie, Slime & Paiper, unsere Historiker kleben Foto um Foto in das Erinnerungsalbum der Grosseltern sowie in das Erinnerungsalbum der Kinder der siebziger Jahre ein – das kollektive Smoke-In aber, der grosse Tamtam zu Klängen von Joplin und Hendrix, der Anbruch des Wassermannzeitalters – Peace, Love & Understanding – das alles bleibt links liegen.
Ich empfinde diese Ignoranz der Jugendrevolte als eine tragische Lücke im Wiener Stadtgedächtnis! Bald werden sich nur noch ein paar sozialdemokratischen Veteranen an den leidenschaftlichen Kampf der Blumenkinder um die Rasenfreiheit im Burggarten erinnern. Einen Kampf, den Peter Schieder & Genossen einst in… weiter lesen
11.12.2006 von Wolfgang Koch
Als Humanismus bezeichnen wir jene voraufklärerische europäische Denkbewegung, die abseits von Kirche und Hof, ja oft im Widerspruch zu diesen nach menschenwürdigen Lebensumständen für alle fragte. Unter Humanismus verstehen wir jene frühbürgerliche kulturelle Bewegung, deren Exponenten von der Entwicklungs- und Bildungsfähigkeit des einzelnen durchdrungen waren, so dass sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Dienst der Allgemeinheit stellten.
Der kulturelle Aufbruch des Humanismus verbindet sich mit den Namen so berühmter Gelehrter wie Ramon Llull (1232-1316) auf Mallorca, Desiderius Erasmus Roterodamus (1466-1536) in den Niederlanden, Jana Amose Komenského (1492-1670) in Böhmen, Michel des Montaigne (1523-92) in Frankreich. Diese Männer waren Moralphilosophen, waren Schriftsteller, Juristen oder Politiker; sie bekämpften die Hexenprozesse und traten für Toleranz und die Befreiung der Persönlichkeit von feudalen und religiösen Fesseln ein.
Den Humanisten des Mittelalters und der frühen Neuzeit lassen sich in späteren Zeiten noch Giambattista Vico (1668-1744) und Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) hinzuschlagen. Auch das Wirken… weiter lesen
07.12.2006 von Wolfgang Koch
Das taz-Feuilleton tut sich traditionell schwer mit einer Kunst, die nicht in das Foyer einer Waldorfschule passt. Entsprechend ratlos steht die Redaktion der Würdigung des österreichischen Orgienmysterikers Hermann Nitsch durch eine
Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau gegenüber.
In der Rudi-Dutschke-Strasse ist bekanntlich das linke Vorurteil zu Hause. Dagegen wäre absolut nichts einzuwenden, wenn dieses Urteil nur eben das aktuelle (!) linke Vorurteil wiederspiegeln würde. Doch aktuell ist am Kommentar von Brigitte Werneburg (http://www.taz.de/pt/2006/12/04/a0173.1/text am 4.12.06) gar nichts – was wir hier lesen müssen, das sind die schlecht fundierten linken Mutmassungen von gestern.
KUNST & ERFOLG
Dass Schüttbilder von Hermann Nitsch die Wände von Politikerbüros, Rechtsanwaltskanzleien und bürgerliche Wohnzimmer dekorieren – nun denn, das soll ein ernsthaftes Argument gegen seine Arbeit sein? Was darf ein Künstler anderes hoffen, als dass seine Werke gekauft und aufgehängt werden? Mit der Diffamierung des kommerziellen Erfolgs schürt Werneburg bloss ein diffuses Ressentiment gegen die… weiter lesen
04.12.2006 von Wolfgang Koch
Dem Bundesprecher der österreichischen Grünen, Prof. Alexander Van der Bellen, eilt der Ruf voraus, ein besonders sprachmächtiger Politiker zu sein. Wie ist das wirklich?
Van der Bellens »arschknapp«-Prophezeihung des letzten Wahlausgangs ist bis zur Duden-Redaktion vorgedrungen. Doch bei genauer Betrachtung wandelt der populäre Politiker auf einem sehr schmalen Grad. Sicher, Van der Bellen gerierte sich im Herbst 2006 sprachkreativ wie kein Grüner vor ihm. Auf die Interviewfrage »Wie fahren Sie Auto?« antwortete er zielsicher: »Zurückhaltend, obwohl: Alfa.«
Aber sehen wir weiter. Nationalratswahlkampf 2006 hiess nicht nur für die Grüne Spitzendame Eva Glawischnigg: »Hose runter!« Auch der Professor menschelte, was das Zeug hielt. Wir erfuhren, dass er vom Sternzeichen Steinbock ist und seine grösste Freude vier Mischlingshunde mit den Namen Max, Maurice, Chico und Kita sind.
In der heissen Phase liess sich Van der Bellen sogar zu einem Schuss Patriotismus hinreissen. »Den will ich sehen, der mir vorwirft, kein… weiter lesen